S.P.O.N. - Der Kritiker Opa rappt vom Widerstand

Achtung, jetzt wird's harmlos: Wenn die Bahnhofsphilosophen Stéphane Hessel und Richard David Precht aufeinandertreffen, können nur wohlfeile Platituden über die Übel des Kapitalismus herauskommen. Trotzdem kommen ihre Polit-Placebos sehr gut an. Warum nur?

Es sind wieder die Zeiten der einfachen Wahrheiten. Die Welt ist ja schon kompliziert genug. Also nimmt man ein paar Platituden, die am besten mit "Man müsste mal" oder "Könnte man nicht" oder "Wir brauchen" anfangen, man rennt damit ein paar weit offene Türen ein und nennt das Ganze einfach Rebellion oder Utopie oder sogar Philosophie.

Das klingt dann so: "Wir brauchen einen neuen Aufbruch!" "Wir brauchen neue Werte!" "Wir brauchen keine Banken!" Oder auch: "Könnte man nicht die alte romantische und allzu individuelle Liebe dehnen zu einem Sinn für weltweite kulturelle Liebe?"

Die Sätze stammen von Stéphane Hessel, der mit seinem bestürzend dünnen Aufruf "Empört Euch!" einen Bestseller der Bahnhofserregung geschrieben hat. Das 30-seitige Minibuch liegt direkt neben der Kasse, man liest es am besten rasch auf der Rolltreppe, denn mit dem Titel ist eigentlich schon alles gesagt, und für 3,99 Euro bekommt man recht billig das richtige Bewusstsein bestätigt: Geld ist böse, die Wirtschaft ist kriminell, und Israels Politik den Palästinensern gegenüber ist es übrigens auch.

Kein Wunder eigentlich, dass so eine Mischung gut ankommt. Antikapitalismus ist der letzte gesellschaftliche Kitt, und grundsätzliche Israel-Kritik hört man sich am liebsten von einem Mann an, der selbst im KZ gesessen hat. Hessels einziges Argument ist dabei tatsächlich seine Biografie: Widerstandskämpfer gegen die Faschisten, Veteran der Menschenrechte. Sein Erfolg erklärt sich mit der grassierenden Verehrung alter Männer (Hessel ist 93) und der Schlichtheit und Schablonenhaftigkeit seiner Thesen.

In der "Zeit" hat er das alles diese Woche noch einmal ausgebreitet, ausgerechnet im Gespräch mit dem anderen Bahnhofsphilosophen unserer Tage, Richard David Precht, den sie aus irgendwelchen Gründen auch einen "Rebellen" genannt haben. Aber gegen was würde denn hier genau rebelliert? Schon Hessels Buch krankt daran, dass er darin im Grunde Faschismus und Kapitalismus gleichsetzt, sie sind jeweils der Gegner, der Grund für seine Empörung. In diesem Gespräch zeigt sich nun, dass die Rebellion wieder auf dem Niveau des Poesiealbums gelandet ist.

"Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann", das war die tautologische Wahrheit, die in den achtziger Jahren nervte, die "Weissagung der Cree", eine schlichte Aufkleber-Ethik, die bundesweit auf Stoßstangen spazieren gefahren wurde.

Damals gab es in der "Zeit" gern mal Leitartikel, die den Tenor hatten: "Zehn Dinge, die Gott jetzt tun müsste". Heute sagt Hessel: "Die Menschen dürfen keine Instrumente für Zwecke sein. Wir sind jetzt alle Instrumente des Geldsystems." Was er bei solchen Sätzen wohl gar nicht merkt: Er festigt nur das System, das er zu bekämpfen meint, indem er die Planstelle "Empörung" besetzt mit einer Argumentationslosigkeit, gegen die selbst die "Bild"-Zeitung überkomplex wirkt.

Denn das ist ja die eigentliche Wirkung seiner Wohlfühl-Rebellion. Sie erschöpft sich in der Bequemlichkeit ihrer Gedanken, sie verliert sich in einem Weltbild, in dem Widerstand wie Wellness behandelt wird. Die Wut, falls es sie gibt, bleibt privatistisch, das Unbehagen an den gegenwärtigen Verhältnissen, das echt ist, versinkt zwischen Nebelwerferei und Neo-Platonismus.

Hessel ist eben nicht der Anfang von etwas, sondern der Endpunkt eines Jahrzehnts, das tatsächlich wütend begann, mit den Straßenschlachten von Seattle, mit dem politischen Aufbruch, den Attac versprach, mit den Globalisierungsgegnern, die 2001 in Genua ihren ersten Toten als Märtyrer erlebten - ein Jahrzehnt im rasenden Wandel, das nun, ermüdet, ermattet, ernüchtert, mit dem Großvater-Rap von Stéphane Hessel schließt.

Es ist natürlich immer angenehmer, wenn man so tun kann, als habe man eine Antwort auf eine Frage, ein Mittel, das hilft. In der Medizin nennt man das Placebo.

Das neue Buch von Stéphane Hessel erscheint übrigens Mitte Juli, es kostet 4,99 Euro und heißt "Engagiert Euch!". Mir ist schon jetzt ganz kirchentäglich zumute.

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