S.P.O.N. - Der Kritiker Realitätsverlust von rechts

Sie verdrängen die Vernunft mit immer neuen Schulden, sie halten Steuern ebenso für Teufelswerk wie die multikulturelle Gesellschaft: Die Ideologen des 21. Jahrhunderts kommen nicht von links, sie verbiegen die Realität von rechts - zur Not mit Gewalt.

Die Verrückten von der Tea Party und der Verrückte mit dem Lacoste-Pullover und dem tödlichen Grinsen haben erst einmal nicht viel mehr gemein, als dass sie gar nicht verrückt sind. Sie wissen sehr genau, was sie wollen, und sie wissen sehr genau, wie sie das erreichen.

Die Tea Party wollte einen anderen Staat, Anders Breivik wollte einen Staat zerstören, das ist der Unterschied zwischen Abgeordneten und Terroristen. Die Tea Party hat für dieses Ziel eine ganze Nation in Geiselhaft genommen und die Weltwirtschaft torpediert. Breivik ermordete Sozialdemokraten.

Das ist der Wahn, das ist die Ideologie am Beginn des 21. Jahrhunderts. Sie kommt von rechts. Die wichtigste Ideologie des 20. Jahrhunderts, der Marxismus, kam noch von links. Die rechte Ideologie sucht sich ihre Feinde im Inneren, das ist ein weiterer Unterschied. Und sie agiert zerstörerisch und narzisstisch, das ist typisch 21. Jahrhundert.

Kommunisten waren böse, alte Männer, die Mauern bauten und sich den Gulag ausdachten. Die Ideologen des 21. Jahrhunderts sind jung und gutaussehend, auch das verbindet Michele Bachmann mit Anders Breivik. Sie sind christliche Fundamentalisten, die jeden hassen, der wahlweise das Wort "Steuern" oder "Gleichberechtigung" buchstabieren kann.

Ideologen kämpfen manchmal mit Voten, manchmal mit Waffen. Ideologen sind aber vor allem dann gefährlich, wenn es ihnen gelingt, ihre verdrehte Weltsicht anderen aufzuzwingen. Ideologen haben einen Hauptfeind, und das ist die Realität.

Als die Ideologen noch links standen, kämpften sie für eine bessere Welt, die sie Utopien nannten und die sie sich aus ihren wolkigen Ideen gebaut hatten. Und die Konservativen, die Anti-Utopisten, selbst die Reaktionäre konnten immer sagen, dass sie die Welt so sahen, wie sie war, sie konnten behaupten, sie hätten die Wirklichkeit auf ihrer Seite.

Heute stehen die Pragmatiker links

Heute sind es die extremen rechten Ideologen, die die Wirklichkeit bekämpfen. Die mit Schulden die Vernunft verdrängen. Die Staatsfinanzen für eine marxistische Verschwörung halten. Die die Zukunft verspielen. Die Roland Emmerich oder Steven Spielberg für die Erfinder des Klimawandels halten. Die leugnen, dass der Westen ohne Einwanderung untergehen würde.

Die Pragmatiker stehen auf der Linken, das ist die eine überraschende Erkenntnis nach diesen ideologischen Schreckenswochen. Die andere Erkenntnis ist: Der Westen kommt mit seinen inneren Widersprüchen nicht klar. Das ideologische Aufflackern zeigt, wie Wirklichkeit verdrängt wird, es ist ein weiteres Zeichen für den langsamen Abstieg des Westens.

Und das ist das eigentliche Problem. Der britische Kolumnist Gideon Rachman hat neulich in der "Financial Times" die Unfähigkeit des amerikanischen Systems wie auch der europäischen Polit-Kaste angesichts der Schulden-, der Finanz-, der Euro-Krise beklagt. Eine Schwäche, die fatal sein könnte - wegen der Konkurrenz zu China und vor allem, wenn es darum geht, die großen Probleme unserer Zeit anzugehen.

Rachman hat darüber ein Buch geschrieben, "Zero-Sum Future" heißt es, unsere Zukunft als Nullsummenspiel mit Gewinnern und Verlierern. Die Kämpfe, die Radikalisierung, die Ideologisierung und Zerfleischung im Inneren der westlichen Demokratien, sagt Rachman, sind ein wesentlicher Faktor, dass der Westen zu den Verlieren gehören wird.

Und was passiert in der Zwischenzeit hier? Angela Merkels Satz "Multikulti ist gescheitert" vom Oktober 2010 war ungefähr so logisch wie der Satz: "Die Wirklichkeit ist gescheitert." Und einigen Feuilletonisten fiel nach dem Breivik-Schock nichts Dümmeres ein, als das Wort "Multikulturalismus" zu verbannen und gleichzeitig von der "Andersartigkeit" der anderen zu schwadronieren.

Aber das ist das Spiel von Ideologen: Die Realität mit Worten zu verbiegen. Es ist die gleiche verdrehte Logik, nach der die Sarrazin-Debatte verlaufen ist, eine Debatte, die keine war, weil es dem Demagogen gelang, das, was er tat, als Aufklärung zu verkaufen - obwohl er das Gegenteil tat: Er vernebelte die Wirklichkeit mit seinen Thesen.

Also noch mal zum Mitschreiben: Der Multikulturalismus ist eine Realität, keine Ideologie - eine Ideologie ist dagegen das Reden darüber, dass der Multikulturalismus eine Ideologie sei. Schulden sind eine Realität, Steuererhöhungen sind eine Notwendigkeit - eine Ideologie ist es dagegen, Schulden zu verdrängen, weil Steuererhöhungen Teufelszeug sind.

So langsam, das zeigen die letzten Wochen auf erschreckende Weise, taumelt der Westen am Abgrund des Abendlandes, gescheitert an den Klippen der Vernunft.

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