S.P.O.N. - Der Kritiker Schafft den Literaturnobelpreis ab!

Die Jury des Literaturnobelpreises hat einen merkwürdigen moralischen Anspruch: Sie geht davon aus, man könne mit Büchern die Menschheit retten. Doch diese Ansicht ist kunstfeindlich - und lächerlich in einer Welt, die von Amanda Knox beherrscht wird.

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Nun hat also doch nicht Amanda Knox den Literaturnobelpreis bekommen. Dabei schien es die ganze Woche darauf hinauszulaufen. Die Kameras, die Scheinwerfer, die Sondersendungen und die Aufregung auf CNN und BBC. Kommt sie frei, kommt sie heim, lacht sie, weint sie, hat sie es doch getan?

Die schöne Schurkin, die schuldig war, die nicht schuldig war. Es war, so suggerierte die Inszenierung, der große Roman dieser Jahre. Wie Amanda aus Seattle einmal nach Perugia kam, um Italienisch zu lernen, und doch lieber das Trinken und das Feiern studierte, und am Ende lag ihre Mitbewohnerin tot im Zimmer.

Vier Jahre später fährt sie nun auf dem Flughafen von Rom eine Rolltreppe hinunter. Sie wird frei sein, sie wird reich sein und noch eine Weile berühmt. Es ist das Bild auf der Rolltreppe, das bleiben wird.

Was bleibt von Tomas Tranströmer? Was bleibt von Mario Vargas Llosa, Herta Müller, all den anderen? Es ist etwas grundsätzlich anderes, könnte man sagen, die Geschichte von Amanda Knox, wie sie uns die Bilder und die Medien erzählen, und die Tranströmer-Zeile, dass Schweden ein "aufgedocktes Schiff ist, dessen Segel gerafft sind", die ich gerade bei Google gefunden habe.

Das ist richtig und es ist falsch. Was sind die Geschichten, die wir über uns erzählen, in denen wir uns erkennen, in denen wir die Welt erkennen? Sind das im Jahr 2011 Geschichten, auf die sich ein paar Menschen hinter verschlossenen Türen einigen, bis sie es uns verkünden, damit wir daran glauben? Oder ist das eine patriarchalische Geste aus dem vorletzten Jahrhundert?

Dieser heilige Verkündigungsirrwitz

Wenn etwas von Tranströmer oder den anderen bleibt, dann liegt es nicht am Nobelpreis. So funktioniert Literatur nicht. Entweder die Bücher sind gut, ganz unabhängig davon, was sich diese Jury so ausdenkt, oder sie sind nicht gut. Und wenn es einen Unterschied gibt zwischen Amanda Knox und Tomas Tranströmer, dann geht dieser Unterschied verloren durch einen Preis, der einmal im Jahr suggeriert, Literatur habe eine Bedeutung, die sie gar nicht hat.

Der Nobelpreis ist deshalb überflüssig, ist lächerlich, ist kindisch, besonders in einer Welt, die von Amanda Knox beherrscht wird. Dieser ganze heilige, trotzige Verkündigungsirrwitz, dieses Warten, auf diesen einen Mann, auf diese eine Frau, auf die Erlösung durch ein Werk oder ein Wort - das ist doch eine kitschige Vorstellung von Literatur und ein bizarres Weltbild, semireligiös, voraufgeklärt, gegenwartsfeindlich.

Der Nobelpreis ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, geboren aus dem schlechten Gewissen eines Mannes, Alfred Nobel, gekoppelt an die Vorstellung, dass die Welt ein besserer Ort sein könnte. Im 21. Jahrhundert ist der Kern dieser Idee immer noch gut und richtig, hat vielleicht sogar eine besondere Dringlichkeit - was aber nun genau die Literatur damit zu tun hat, ist höchst unklar.

Statt einer furiosen Zukunft ein scheußliches Heute

Die Literatur verändert die Welt nicht, sie macht sie nicht mal zu einem besseren Ort. Wer das wirklich glaubt, belügt entweder sich selbst oder andere. Der moralische Anspruch an Literatur reduziert Kunst auf eine Funktion, auf einen gesellschaftlichen Zweck. So gesehen, ist der Literaturnobelpreis kunstfeindlich.

Für eine bessere Welt sind schon eher Medizin, Chemie und Physik zuständig. Wenn die das nicht hinbekommen, wenn die statt einer furiosen Zukunft nur ein scheußliches Heute schaffen, dann kommt die Literatur ins Spiel. Dann dürfen die Schriftsteller die zerbrochenen Träume aufkehren und die verbotenen Gedanken sammeln und die Freiheit vermessen, die wir alle nicht haben. Das ist die Arbeitsteilung.

Alles andere ist eine Ersatzhandlung. Ist Porno für die mittelmäßig interessierten Stände. Ist Selbstbeschäftigungstherapie für Literaturkritiker. Die freuen sich natürlich darüber, dass sie es mit ihrer Literatur einmal im Jahr sogar in die "Tagesschau" schaffen, ohne dass jemand Berühmtes gestorben ist.

Die ehrlichste Sache wäre nun, den Preis abzuschaffen. Es ist so langweilig, wenn jedes Jahr im Oktober sich ein paar Leute darüber Gedanken machen, ob nun Dylan oder Adonis den Preis bekommen, es ist so überflüssig, wenn jedes Jahr darauf verwiesen wird, dass Philip Roth den Preis ja noch nicht hat.

Der wird ihn doch eh nicht kriegen. Die Guten können ihn im Prinzip gar nicht kriegen. Es geht ja beim Nobelpreis, Tranströmer hin oder her, nicht in erster Linie um Literatur, sondern um Moral. Und damit verschont uns jemand wie Philip Roth zum Glück.



insgesamt 81 Beiträge
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avollmer 07.10.2011
1. Sorry ...
Ich kenne weder Amanda Knox noch kannte ich den Preisträger, diesen schwedischen Lyriker. Bin ich jetzt ein Ignorant oder ein ungebildeter Mensch oder entspricht das dem üblichen oder dem normalen?
janne2109 07.10.2011
2. .
meine Welt wird nicht von Knox beherrscht, besondere Literatur sollte weiterhin ausgezeichnet werden - wobei das wohl auch im Auge des Lesers liegt. Statt einen preis vielleicht mehrere Auszeichnungen? Nur ob wir hier darüber diskutieren oder nicht, davon wird sich nichts ändern. Und ob Nobel den Preis heute auch noch so ausloben würde??
doc_coop 07.10.2011
3. O si tacuisses philosophus mansisses
Lieber Herr Diez, Sie schreiben "...einen Preis, der einmal im Jahr suggeriert, Literatur habe eine Bedeutung, die sie gar nicht hat." "...das ist doch eine kitschige Vorstellung von Literatur und ein bizarres Weltbild, semireligiös, voraufgeklärt, gegenwartsfeindlich." "...Im 21. Jahrhundert ist der Kern dieser Idee immer noch gut und richtig, hat vielleicht sogar eine besondere Dringlichkeit - was aber nun genau die Literatur damit zu tun hat, ist höchst unklar." Kann es sein, dass es nicht am Literaturnobelpreis liegt, dass Sie ihn als überflüssig empfinden, sondern an Ihnen slebst, weil Sie als scheinbar unaufgekärter Mensch schlichtweg eine falsche Sicht der Dinge und selber ein "bizarres Weltbild, semireligiös, voraufgeklärt, (und) gegenwartsfeindlich" haben bzw. vulgo überhaupt nicht den leistesten Schimmer von Literatur bzw. Literaturwissenschaft haben? ...würde ich mal länger drüber nachdenken...
profdocnix 07.10.2011
4. Und doch...
Literatur verändert sehr wohl die Welt, allerdings indirekt und nicht breitflächig. Also nicht 1 Buch = 100.000 geänderte Leser, die dann alles anders machen. Aber sehr wohl bei jedem von uns Leser hier und da ein Buch das uns genau da abholt und weiterbringt wo wir gerade standen. Oder das uns einsehen läßt, dass wir den falschen Weg/Ideologie/Vorhaben/Ansatz verfolgen. Natürlich kann man das auch durch Sachbücher, Webseiten, Filme lernen. Aber hin und wieder eben auch durch Romane oder Lyrik. (Ganz abgesehen von den Millionen Frauen, die sich ihr Weltwissen über Romane holen statt über Sachbücher...)
Xircusmaximus 07.10.2011
5. Wer keine Ahnung hat,
Zitat von sysopDie Jury des Literaturnobelpreises hat einen merkwürdigen moralischen Anspruch: Sie geht davon aus, man könne mit Büchern die*Menschheit retten. Doch diese Ansicht ist kunstfeindlich - und lächerlich in einer Welt, die von Amanda Knox beherrscht wird. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,790468,00.html
hat dafür häufig eine Meinung. Leider muss man sagen. Bevor Herr Diez sich glaubt melden zu müssen, zu was auch immer, sollte er sich über das Thema, über das er glaubt referieren zu müssen, erkundigen. Alfred Nobel hat mitnichten behauptet mit Büchern die Welt verändern zu wollen oder zu können, sondern wollte den von Ihm gestifteten Preis Jemanden zukommen lassen, der auf dem Gebiet Literatur Hervoragendes mit idealistischen Anspruch geleistet hat. Die Behauptung mit Literatur die Welt retten zu können, ist ungefähr so richtig wie die Behauptung, dass Kunst nichts mit Ethik zu tun hat. So etwas kann nur schreiben, wer von Kunst bzw Literatur nichts versteht. Die großen Meisterwerke der Literatur haben in Ihrer überwältigenden Mehrheit stets auch einen hohen humanistischen Anspruch erhoben.
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