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20. Januar 2012, 12:37 Uhr

S.P.O.N. - Der Kritiker

Schieß Dir den Weg frei, Burroughs!

Immer auf der Suche nach der "Magic Bullet": Seine ganz eigene Utopie ließ sich William Burroughs nicht durch Sachzwänge vernageln, mit Heroin, Morphium und ungebremstem Eroberungswillen stieß er in neue Welten vor. Liebeserklärung an einen intellektuellen Revolverhelden.

William Burroughs war dünn und süchtig und einsam und schüchtern und der freundlichste Mensch, der je seine Frau aus Versehen erschossen hat - und wenn man in diesen trüben Tagen irgendetwas Vernünftiges machen will, dann sollte man sich "Naked Lunch" bestellen oder "Queer" oder "Junkie" oder "Cities of the Red Night" und sich mit seinen Lieblingsdrogen für ein langes Wochenende einschließen, grüner Tee und Käsekuchen etwa oder Rotwein und Grissini, und auf die Reise gehen, natürlich an den Rand des Verstandes, aber vor allem in ein Land, das so frei und schön und herrlich ist wie nichts in diesem öden, öden Wulffdeutschland.

Dieses Burroughsland ist bewohnt von dünnen, süchtigen, einsamen und schüchternen Menschen, die von anderen Menschen als gefährlich, krank, verdächtig und gestört bezeichnet werden. Sie sind dünn, weil sie leiden, sie sind süchtig, weil sie zu weich sind, sie sind schüchtern, weil die anderen noch viel schlimmer sind - und sie sind doch freier als all diese anderen, die sie vor Gericht ziehen und ihre Bücher verbieten und ihre Drogen wegnehmen und sie Kriminelle nennen, weil Kunst ein Wort ist, das sie aufbewahren für Dinge, die Menschen tun, die längst tot sind.

Diese Freiheit ist das, wonach Burroughs suchte, in allen möglichen Winkeln der Welt, in Tangier, Mexiko, New York, Paris und Kansas, mit allen möglichen Mitteln, Morphium, Heroin, Dilaudid, Eukodal, Pantopon, Demerol, Opium, Palfium, Diosane, LSD6, Meskalin, Mushrooms. Diese Freiheit ist das, was durch all das Dunkel und das Elend und die Verlorenheit seiner Romane scheint, es ist eine Utopie, die man nicht positiv formulieren kann, weil sie sonst so pappig schmeckt wie Plastik, das wusste Burroughs, das wussten auch all die, die für eine Freiheit warben, die vor allem aus Verboten bestand und die Burroughs zu dem Feind machten, der er nie war - aber was ist schockierender in dieser Welt als ein Mensch, der einfach sagt, was er denkt, und tut, was er will.

Und was ist schöner, heute, inmitten dieser Festspiele der Verlogenheit, die die Politik veranstaltet, inmitten der Angst und der Abhängigkeiten, die das soziale Leben prägen, inmitten auch dieser Enge und dieser Mutlosigkeit, die die Kultur durchzieht, die bei all dem Wirrwarr drumherum auf Verständlichkeit schielt, auf den Realismus etwa, den die vielen Familienromane liefern, die dann auch noch "Freiheit" heißen, wie der von Jonathan Franzen, obwohl sie von der Form wie vom Inhalt her so weit weg sind von allem, was Burroughs oder seine Beat-Freunde mit Freiheit meinten - für all die Leser, die verstehen, dass Verwirrung nur die andere Seite der Vernunft ist, bieten die Bücher von Burroughs die Möglichkeit, hinabzusteigen in die Keller der Moderne, in eine Zeit, in der die Welt geformt wurde, so wie wir sie heute kennen, mit allen doppelten Fallstricken der Ironie, mit allen Brüchen, Zitaten, Verweisen, mit den Zufälligkeiten, die heute durch Sachzwänge vernagelt sind.

Es gibt nun kluge Bücher, in denen Burroughs als Held einer antikapitalistischen Bewegung gefeiert wird, als eine Art spiritueller Vorgänger von Occupy Wall Street, als Querschläger in der kulturellen Herrschaft des Geldes, die den Namen Postmoderne trägt, als ein Seher und Schamane, der das Leben von Grund auf anders anlegen wollte, was natürlich dann auch politische Konsequenzen hatte. Es gibt nun aber vor allem einen sehr schönen, persönlichen, fast intimen Film, der einem die sexuellen und familiären Fallstricke dieses dünnen Mannes mit seinem schief sitzenden Hut vorführt, ohne ihn zu verraten oder zu verherrlichen: "A Man Within" des jungen Regisseurs Yony Leyser läuft in einigen kleinen Kinos und zeigt einen intellektuellen Revolverhelden, der immer auf der Suche war nach der "magic bullet".

Von Cut-Ups wird da erzählt und von Strichern, Patti Smith gesteht ihm ihre ewige Liebe, und auch Allen Ginsberg will wissen, wie oder was Burroughs eigentlich liebt (seine Katzen), es wird viel geschossen und wenig philosophiert, die Paranoia ist ständiger Begleiter und der Weg durch die Popkultur ein einziger Triumphmarsch. Und weil Burroughs von den Zerberussen des Kanons immer als kultureller Betriebsunfall behandelt wird und von den Dealern des Geheimwissens als einer von ihnen gefeiert wird, bleibt so oft unklar, was dieser Film, was vor allem seine Romane offenbaren: Er ist der Dichter unserer Zustände. Er sitzt an der Bar der Moderne, zwischen Marcel Duchamp und John Cage. 2012 sollte das Jahr sein, William S. Burroughs zu lesen.

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