S.P.O.N. - Der Kritiker Volkswirtschaften wie Vieh vor sich hertreiben

Die Cowboy- und Lügnergeschichte des Banken-Kapitalismus: Der mit einem Oscar prämierte Dokumentarfilm "Inside Job" erzählt, wie es zur Finanzkrise kam und warum sich danach nichts geändert hat - er gehört unter den Weihnachtsbaum kultivierter Kapitalismuskritiker.

Eine Kolumne von


Menschen sind Lebewesen, die mit aller Macht versuchen zu verbergen, wie lächerlich, klein und schwach sie sind. Manche nennen das Zivilisation.

Entschuldigung, das klingt jetzt etwas sarkastisch oder zynisch. Aber wir reden ja auch vom Kapitalismus: Das Schauspiel des Jahres, Kindertheater, Märchenstunde, Lustspiel, Marionettenstück, echte Tragödie, man kann es sehen, wie man will. Sicher ist eh nichts. Sicher ist nur: Keiner weiß wirklich, was gerade passiert.

Kapitalismus: Hier verbinden sich Fakten und Fiktionen auf abenteuerliche Art und Weise. Kapitalismus: Hier ist der Nullpunkt unserer Zeit. Kapitalismus: Hier kann man der erbärmlichen Existenz des Menschen mal ganz direkt ins Gesicht schauen. (Ja, ja, ja, mein lieber Bankerfreund Dirk, er hat auch gute Seiten, der Kapitalismus, aber heute geht es eben um die schlechten.)

Meine Lieblingskapitalismusszene 2011 stammt aus dem grandiosen, markerschütternden und in diesem Jahr mit dem Oscar ausgezeichneten Dokumentarfilm "Inside Job". Erzählt wird die Cowboy- und Lügnergeschichte des Banken-Kapitalismus, erzählt wird, wie es zur Finanzkrise 2008 kam und dass sich danach nichts geändert hat. Im Gegenteil, sie kommen wie Springteufel immer wieder aus ihrer Schachtel, die gleichen Typen in den gleichen Anzügen, phantastisch.

Meinung wird Wahrheit

Da sitzen also in einer Szene die Vertreter der heute berühmten, berüchtigten Rating-Agenturen, die noch Tage vor dem Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers und dem Versicherungskonzern AIG die höchste Kredit-Note AAA gegeben haben (in Frankreich gibt es übrigens noch eine höhere Note, AAAAA, das ist das Gütezeichen für die Andouillettes, superfettige und eklig leckere Würste, aber das ist eine andere Geschichte). Da sitzen also diese Würste, also diese Männer sitzen da und sollen den amerikanischen Kongressabgeordneten erklären, wie sie zu ihren hasardeurhaften Bewertungen gekommen sind - und die sagen einfach, zusammengekauert und ihr Gesicht zerfurcht vom eigenen Lügenleben, seltsam breiig in ihrem Auftritt und fast schon zwischen ihren Worten verschwunden, obwohl sie noch da sitzen: Die sagen einfach "Das ist doch nur eine Meinung", "das ist doch nur unsere Meinung", "also, ich würde sagen, das ist doch nur eine Meinung".

Und die wird man ja wohl noch mal sagen dürfen. Seltsam nur, dass diese "Meinung" schon bald darauf und besonders in diesem Krisenjahr 2011 wieder "Wahrheit" wurde. Seltsam, dass diese so meinungsfreudigen Rating-Agenturen gerade in dieser Woche, in diesen Monaten die Volkswirtschaften wieder wie Vieh vor sich hertreiben. Seltsam auch, dass sie ihre Wurstigkeit schon im Namen tragen: Moody's zum Beispiel heißt ja übersetzt nichts anderes als "launisch, grillenhaft, unbeständig", Fitch klingt wie ein alkoholkranker Privatdetektiv mit einem Hang zum Glücksspiel, und Standard & Poor's trägt nicht nur den Doppelstandard schon im Namen, die Firma ist auch ganz offen damit, dass Armut (poor) Teil ihres Programms ist.

Obamas deprimierende Rolle

Es sind also diese "Rating-Riesen" (Märchenstunde), die uns gerade wieder das Fürchten lehren. Es sind die ewig gleichen Gentlemen (Lustspiel), die in anderer Verkleidung immer wieder auftauchen - die Obama-Männer Larry Summers etwa oder Timothy Geithner, die erst dafür sorgten, dass Goldman Sachs sein Geld wiederbekam, und dann sicherstellten, dass Barack Obama bloß keine eigene, neue Politik den Banken gegenüber begann. Die Rolle von Obama (Marionettentheater) ist in "Inside Job" übrigens so beiläufig deprimierend, dass ich angeschlagenen Seelen nicht empfehle, den Film allein an einem grauen Sonntagnachmittag anzuschauen.

Wie konnten all diese Typen, fragt man sich, diese Wirtschaftsprofessoren, Regierungsberater, Zentralbanker, ihre Stunts vor aller Augen abziehen? Die Antwort, die der Film gibt, ist episch: Vielleicht sind einige von ihnen wirklich böse. Die meisten aber sind einfach leer, sie wirken wie die Menschen in dem Film "Men in Black", denen ein paar Außerirdische einfach das Hirn und das Herz und alles andere aus dem Körper gesaugt haben. Übrig ist nur noch die Hülle. Und so sitzen sie da und reden und lügen und merken gar nicht, was sie da tun. Unrecht ohne Bewusstsein ist aber eher eine Sache von Maschinen als von Menschen.

Zum Endspiel des Euro 2011 also ein paar vorläufige Erkenntnisse über den Kapitalismus der neueren Art: Die Götter lachen. Die Kinder staunen. Die Menschen weinen.

Unter den Weihnachtsbaum des kultivierten Kapitalismuskritikers gehört in diesem Jahr die DVD "Inside Job" von Charles Ferguson, 5,97 Euro bei Amazon, direkt neben das großartige Schulden-Buch von David Graeber: "Debt. The First 5000 Years", die so klugen und lustigen Wirtschaftsreportagen von Michael Lewis in dem Buch "Boomerang" und "Das Gespenst des Kapitals" von Joseph Vogl.



insgesamt 22 Beiträge
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wika 09.12.2011
1. Sehr zahm der Artikel …
… sie hätten ruhig deutlicher werden können Herr Diez. Nehmen sie sich hier ein Beispiel an dem Vertreter der "Anonymen Billionäre", der an an schwach frequentierten Stelle mal die Katze aus dem Sack ließ … *Schuldenkrise eskaliert, jetzt auch noch Guthabenkrise* (http://qpress.de/2011/12/05/schuldenkrise-eskaliert-jetzt-auch-noch-guthabenkrise/) … für einige Menschen mag das Neuland sein, aber die Realität ist nunmal so. Der Schuldenkrise steht exakt dieselbe Position auf der anderen Seite des T-Kontos gegenüber, nur das die zahl der Betroffenen hier offenbar so gering ist, dass es der Erwähnung nicht lohnt. Was meinen Sie wohl wie sich der Spiegel lesen würde, wenn man an allen stellen das böse Wort Schuldenkrise durch das Wort Guthabenkrise ersetzen würde? Ok, statistisch gemittelt geht uns ja allen sehr gut, da müssen wir die blöde Verteilung von 99:1 einfach mal ein büssl beiseite schieben und uns rein an der Statistik erfreuen … (°!°)
Olaf 09.12.2011
2. Ich bin verwirrt...
Zitat von sysopDie*Cowboy- und Lügnergeschichte des Banken-Kapitalismus: Der mit einem*Oscar prämierte Dokumentarfilm "Inside Job" erzählt,*wie es zur Finanzkrise kam und warum sich danach nichts geändert hat - er gehört unter den Weihnachtsbaum kultivierter Kapitalismus-Kritiker. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,802645,00.html
Kultivierte Kapitalismuskritik für € 5.97 bei Amazon als Geschenktipp für den gut situierten, deutschen Kulturliebhaber in gesicherter Stellung. Ist das nun Satire, Werbung oder meint Herr Diez das Ernst?
roterschwadron 09.12.2011
3. Immer mehr Brandzeichen
Zitat von sysopDie*Cowboy- und Lügnergeschichte des Banken-Kapitalismus: Der mit einem*Oscar prämierte Dokumentarfilm "Inside Job" erzählt,*wie es zur Finanzkrise kam und warum sich danach nichts geändert hat - er gehört unter den Weihnachtsbaum kultivierter Kapitalismus-Kritiker. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,802645,00.html
Genialer Beitrag, Herr Diez, Danke! Könnten Sie dann noch als kultivierter Kapitalismuskritiker in Erfahrung bringen, ob es Zufall ist, daß SPON zu den jüngsten Ackermannbeiträgen keine DIskussion im Forum vorgesehen hat? Hat sich der Chefkapitalist diese Tage womöglich in seinem Kofferraum vor dem Big Crunch versteckt? Frau Merkel kann man nur wünschen, daß ihr Wachkoma noch rechtzeitig endet und aus dem "Inside Job" kein "Blow Job" für die Bankenaristokratie wird...
favela lynch 09.12.2011
4. Zugemüllt
Zitat von sysopDie*Cowboy- und Lügnergeschichte des Banken-Kapitalismus: Der mit einem*Oscar prämierte Dokumentarfilm "Inside Job" erzählt,*wie es zur Finanzkrise kam und warum sich danach nichts geändert hat - er gehört unter den Weihnachtsbaum kultivierter Kapitalismus-Kritiker. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,802645,00.html
Die meisten Menschen - auch inside their jobs - sind nicht leer, sondern zugemüllt. Bei näherer Betrachtung mit sorgsam kaschierten respektive arrangierten Todsünden. Leere wäre wünschenswert, um den Bezug zum Leben und zu den Dingen wiederzufinden. Doch ist la Grande Chartreuse nun wirklich unerreichbar. Ein Blick dahin jedoch nicht unbedingt. Ein Schlückchen würde manchem schon helfen.
AKI CHIBA 09.12.2011
5. Es ist schon lange alles gesagt worden!
Wir (die Spezies) werden uns hoffentlich nicht zu Grunde richten, dass wir wahr werden lassen können, was ein gewisser Karl Marx postuliert hat: Einen sich selbst überwindenden Kapitalismus mit vielleicht sozialer Gerechtigkeit. Man hat ihn falsch gelesen, falsch interpretiert und dann auch noch gefälscht: Leninismus, Stalinismus, Kommunismus. Dass man ihm dann auch noch den Marxismus-Leninismus übergestülpt hat, ist zur bösen Ironie geworden. Erst jetzt könnte sich die von ihm vorhergesehene revolutionäre Situation ergeben. Lenin hat zur Unzeit einer rückständigen Feudal- und Agrargesellschaft gewaltsam sein Konstrukt aufgezwungen. Et kütt, wie et kütt!
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