S.P.O.N. - Der Kritiker Zwei Handvoll Zuverlässigkeit

Was ist gut, was ist böse? Was ist wichtig, was bleibt? 2011 war ein Jahr, das die Zeit mit seinen Krisen in Vorher und Nachher teilte. Georg Diez stellt zehn Schlüsselpersonen vor, die dieses Jahr wichtig waren, weil sie den Zeitgeist abbildeten oder gestalteten.


Es war ein Jahr wie ein Messer. Ein Jahr, das die Zeit teilte in vorher und nachher. Das den Blick für immer veränderte. Das die Bedeutung neu verteilte. Das zeigte, das ist wichtig, das ist unwichtig, das ist richtig, das ist falsch. Es war also ein Jahr der Moral, mit all seinen Revolutionen, seinen Krisen, seinen Überraschungen: Demokratie in Nordafrika verunsichert den Westen, Banken in Not verunsichern die Demokratie, Bürger in Wut verunsichern den Staat. 2011 war kein leichtes Jahr für die alte Welt.

Der Abstieg des Westens wurde von einem Raunen zu einer Gewissheit in diesem Jahr, das mitten ins Leben fuhr, brutal manchmal, irritierend immer. Was ist gut, was ist böse? Mark Zuckerberg? Julian Assange? Steve Jobs? Teufel, Heiliger, Teufel, es kam immer darauf an, wie man gerade hinschaute, es war wie eines dieser Kinderbilder, die sich verändern, wenn man sie dreht. Teufel, Heiliger, Teufel. Dazwischen gab es nichts, so schien es, in diesem Jahr 2011, in dem Sicherheiten mal wieder endgültig zerrieben wurden.

Was also bleibt? Was ist wichtig? Was wollen wir? Zehn Personen, zu irgendwas muss die Kultur ja gut sein, zeigen, wie es gehen könnte. Sie sind wegweisend nicht nur durch das, was sie tun, sondern mehr noch durch das, was sie sind. Eine vorläufige Liste meiner It-People 2011.

David Graeber, Occupy-Vordenker: Anarchismus

Alles könnte anders sein, diese Haltung knallt der Anthropologe und Vordenker der Occupy-Bewegung einer Zeit entgegen, die gefangen ist in Zwängen, die sie selbst geschaffen hat: "Too big too fail". Aber Schulden zum Beispiel: Sind die real? Und was passiert, wenn wir in einer Art symbolischer Feier einfach alle Schulden streichen würden? Würde die Welt aufhören zu existieren? Im Gegenteil, schreibt Graeber am Ende seiner großartigen Studie "Debt. The First 5000 Years": "Eine solche Aktion wäre eine Wohltat, weil sie von den Menschen echtes Leid wegnehmen würde. Wir würden uns daran erinnern, dass Geld nichts ist ohne den Menschen, dass wir Schulden und Moral nicht verwechseln sollten, dass all das soziale Konstruktionen sind - und dass Demokratie doch nur bedeutet, dass wir uns alle darauf einigen können, die Dinge auch ganz anders zu betrachten."

Taryn Simon, Fotografin: Zusammenhänge

Schuld, Unschuld, Verstrickungen, Wahn, Vererbung - im Spiegel von Taryn Simons Archiv zeigt die Moderne ihre vormoderne Teufelsfratze. "A Living Man Declared Dead and Other Chapters" hieß die Ausstellung, die sie 2011 in London und Berlin zeigte und die 2012 in New York im MoMA zu sehen sein wird. Simon ist Fotografin mit epischen Ambitionen und der Hartnäckigkeit eines Whiskey saufenden Reporters. Kein Wunder vielleicht, dass ihr Vater für das US-Außenministerium gearbeitet hat und eine Weile einen Spielsalon am New Yorker Times Square betrieb. Simon jedenfalls kennt die Taschenspielertricks des Schicksals, sie zeigt uns das Netz, in dem sich der Einzelne verfängt, das Netz aus Gewalt, aus Not, aus Bedeutungen, historisch, juristisch, zufällig - Blutlinien sind der Ausgangspunkt dieser Arbeit. Sie scheint zu sagen: Es konnte gar nicht anders sein. Und skizziert damit gleichzeitig, als Gegenbild, ein skeptisches Credo der Freiheit.

Mike Mills, Filmemacher: Familie

Sein Film "Beginners" ist das Gegenstück zu "Melancholia" von Lars von Trier. Zärtlich versus brutal, versponnen versus genialisch, die Welt als ein Punkt, ein Zimmer, ein Paar versus die Welt als Kosmos, der untergehen muss, um eine Seele zu retten. Mike Mills und Lars von Trier sind beides Männer, die sich weigern, erwachsen zu werden - was eigentlich keine besonders angenehme Sache ist und bei von Trier auch zu anhaltender Depression führt. Mills dagegen ist eher von der melancholischen Art. Er tastet sich gemeinsam mit seinem Hauptdarsteller Ewan McGregor sanft und vorsichtig durch ein Leben voller ganz normaler Komplikationen: Da ist der altersschwule Vater (Christopher Plummer), da ist eine ziemlich magische Französin (Mélanie Laurent), da sucht jemand seinen Weg, heraus aus der total versponnenen Einsamkeit unserer Tage. Es könnte auch schön sein.

James Blake, Musiker: Sehnsucht

Ich muss mich korrigieren, falls sich noch jemand erinnert: James Blake und sein Album "James Blake" sind ganz großartig. Ich weiß allerdings nicht genau, warum. Es wimmert und zirpt, es schwimmt alles weg in einem elektronischen Strom, der nie wirklich fließen darf, zu groß ist die Skepsis dem eigenen Gefühl, dem eigenen Pathos gegenüber, das natürlich umso deutlicher formuliert wird, weil sich ja in der Verweigerung die größte Feier verbirgt. James Blake baut mit seiner Musik fast visuelle Gebäude, es sind komplizierte Gebilde, die von der Trauer getragen werden, dass die einfachen Dinge unwiederbringlich verloren sind: Liebe, Leben, das schöne, sentimentale, revolutionäre Ich, mit dem alles beginnt. Andererseits zeigt das, was Blake tut, nicht genau den Weg dorthin, an den Ursprung der Klänge, der Bilder, der Gedanken?

Jörg Koch, Verleger: Stil

Wie er immer schon so da steht. Wie er sich durch einen Raum bewegt, als sei es die ganze Welt. Als würde die ganze Welt jedenfalls zuschauen. Das ist genau das Maß an Gelassenheit, das heute schon als ethische Komponente durchgeht. Es hilft natürlich, dass das Gute bei ihm immer sofort ins Diabolische flackert - nur so kann man sich die Unabhängigkeit bewahren, die man braucht, um genau zu wissen, in was für einer Zeit man lebt. Alle anderen schauen ja immer nur und suchen und interessieren sich am Ende doch nur dafür, was auf dem Konto landet. Koch aber wollte es wirklich. Er wollte wissen, wie das geht, heute zu leben, wie es sich anfühlt, wie es aussieht und was man dazu am besten trinkt. Deshalb waren die Partys, die er in den Räumen seines Magazins "032c" machte, auch immer so gut: Berlin fühlte sich nie mehr und nie weniger wie Berlin an als hier.

Mark Greif, Publizist: Klugheit

Einfach angenehm. Geht jemand herum und denkt über die Dinge nach, die ihm unterkommen. Eine Mutter von Achtlingen etwa, die in Amerika eine Mediensensation war, bis die Medien merkten, dass sie auf sie hereingefallen waren - die Frage war nur: Ist eine Frau aus der Unterschicht schuld, die sich der Möglichkeiten der modernen Medizin und der modernen Medien bedient, oder sind es die Institutionen, die nicht in der Lage sind, auf die Herausforderungen der Zeit angemessen zu reagieren? Greif jedenfalls stellte fest, dass diese "Octomom", so wurde sie genannt und so heißt auch Greifs Essay, der in der Edition "n+1 singles" erschienen ist, so ziemlich das einzige konkrete Schurkenbild blieb, das während der Finanzkrise 2008/2009 in Amerika existierte. Das war eine Spekulation, mit Leben, mit Geld, über die man sich bequem empören konnte. Sehr viel schwieriger war es, sich über die Spekulationen zu empören, die Banker und Broker betrieben hatten. Von Greif, der sich auch in der Occupy-Bewegung engagiert, sind auf Deutsch bei Suhrkamp einige gesammelte Essays unter dem Titel "Bluescreen" erschienen - Aufklärung für das 21. Jahrhundert.

Filipa César, Filmkünstlerin: Genauigkeit

Ein Mann blättert ein Fotoalbum durch. Es sind Bilder aus einer anderen Zeit, von sehr weit weg, Häuser, die gleich aussehen, Menschen, die fremd aussehen, die Stimme ist ruhig, sie hält inne, dann geht es weiter. Mehr ist da nicht, wir sehen die Hand, wir hören ihm zu, wir können lesen, was er sagt, er ist in Guinea-Bissau - und die Geschichte einer ehemaligen portugiesischen Kolonie könnte im Grunde nicht weiter weg sein von uns heute. Es geht aber um etwas anderes. Es geht um die Ordnung der Bilder, aus der das Chaos entsteht. Es geht um den Sturm, der in der Monotonie der Bewegung und der Stimme liegt. Es geht um eine Art von Meditation, die einen nicht zu sich selbst führt, sondern an den Beginn der Moderne, zu einem Nullpunkt der Moral. Wo ist vorne, wo ist hinten? In diesem Archiv, César nannte ihre Arbeit "The Embassy", sie ist eine Art Gegenstück zu Taryn Simons Ausstellung, in diesem Archiv entsteht Verwirrung, je länger man hinschaut.

Birgit Minichmayr, Schauspielerin: Temperament

Die Methode Minichmayr ist schwer zu erklären. Sie wirkt immer, als könne sie alles verlieren, als könne sie alles verspielen, in einem Augenblick, gerade jetzt - aber natürlich ist sie immer in Kontrolle, ist sie es immer, die die Regeln des Spiels bestimmt. Mit rauer Stimme, mit einem Körper, der selbst in der Verführung seltsam unwillig ist, störrisch, der wieder weg will, kaum hat er sich gegeben. Im "Weibsteufel" war das so, eine Inszenierung von Martin Kusej, die jetzt wieder in München am Residenztheater zu sehen ist. Oder in "Kasimir und Karoline", auch am Residenztheater in der Inszenierung von Frank Castorf. Sie scheint immer zu testen, sich selbst und alle anderen. Es wirkt, als wolle sie ausprobieren, was länger hält, sie selbst oder alle anderen. Und manchmal weiß man nicht, was sie mehr verachtet, sich selbst oder die Welt. Das ist die Freiheit, die man heute braucht.

Pierre Huyghe, Installationskünstler: Unheimlichkeit

Ein Tür öffnet sich und jemand ruft deinen Namen. Du gehst in den Raum der Galerie Esther Schipper in Berlin und du siehst: nichts. Außer einem leeren, sehr hellen, weißen Raum. Schön, denkst du. Dann stellt sich der Blick auf die Situation ein. Zuerst siehst du die anderen Gäste der Vernissage, dann siehst du, wie etwas krabbelt. Und in dieser minimalen Zeit, in der du denkst, ach schau mal, da krabbelt eine Ameise, und der Einsicht, dass genau das die Ausstellung ist, diese Ameise, die da auf dem Boden krabbelt, diese Spinne, die in der Ecke sitzt, in diesen paar Sekunden passiert das, wofür die Kunst dieser Welt bislang ungefähr 30.000 Jahre gebraucht hat, also von den ersten Höhlenmalereien bis heute. Pierre Huyghe schafft es aber nicht nur, dass die Zeit zusammenschrumpft. Er verschiebt zugleich die Planken der Sicherheit, auf denen du gehst, auf denen du dein Leben eingerichtet hast. Wenn das ein Haus ist, warum fühle ich mich dann nicht zu Hause? Ach ja, man kann übrigens auch ein Grippevirus kaufen, ich glaube, in einer Edition von drei.

Michael Althen, Filmkritiker: Freundschaft

Als er da war, schien alles gut. Es brauchte nicht viele Worte, es war das Normalste von der Welt. Ach so? Ja ja. Das Wesen der Weisheit und der Charme des Kindes. Als habe er alles gesehen, als habe er alles gewusst. Die Menschen jedenfalls kannte er, deswegen hat er sich auch immer wieder neu über sie gewundert. Was soll man sonst auch tun? Im Mai ist der Filmkritiker und Freund Michael Althen gestorben, er ist manchmal sehr weit weg und manchmal sehr nah.

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Ylex 30.12.2011
1. Schade
Zitat: "Diskutieren Sie über diesen Artikel. Sagen Sie Ihre Meinung!" Ja, äh, also... eigentlich, so nach Lage der Dinge und nach der Vorstellung der Personen, also angesichts dessen bzw. derer habe ich an und für sich zu diesem ganz wunderbaren Artikel kaum etwas zu sagen, weshalb ich realistisch betrachtet auch gar nichts dazu schreiben sollte, es aber doch tue, weil mich die Personenauswahl von Herrn Diez fasziniert: Ich keine einzige davon, schade, und irgendwie bzeichnend für Kulturbanausen - war jedoch interessant zu lesen.
WolfHai 30.12.2011
2. Satire oder Meint-der-das-etwa-ernst?
Zitat von sysopWas ist gut, was ist böse? Was ist wichtig, was bleibt? 2011 war ein Jahr, das die Zeit mit seinen Krisen in Vorher und Nachher teilte. Georg Diez stellt zehn Schlüsselpersonen vor, die dieses Jahr wichtig waren, weil sie den Zeitgeist abbildeten oder gestalteten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,806289,00.html
Ich war ziemlich sicher, das sei Satire, in der Herr Diez sich über das schein-tiefe Geschwafel im deutschen Kulturbetrieb lustig machte: sehr stark im Ungefähren, und deshalb eben enorm "tief" - bis er am Schluss Michael Althen erwähnte, der nun nicht scheinbar, sondern echt gestorben ist. Ich bin perplex. Kann man einen Satz wie "Es war ein Jahr wie ein Messer" ernst meinen? Man kläre mich auf! Oder, falls es da nichts aufzuklären gibt, sollten wir vielleicht - basisdemokratisch! - abstimmen? Lasst von Euch hören, Leser!
Spiegelkritikus 30.12.2011
3. Bedeutung ist relativ
Zitat von sysopWas ist gut, was ist böse? Was ist wichtig, was bleibt? 2011 war ein Jahr, das die Zeit mit seinen Krisen in Vorher und Nachher teilte. Georg Diez stellt zehn Schlüsselpersonen vor, die dieses Jahr wichtig waren, weil sie den Zeitgeist abbildeten oder gestalteten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,806289,00.html
Was den Kritiker und Feuilletonisten Diez 2011 bewegt hat, erscheint recht subjektiv, einer eigenen Geistes- und Interessenwelt entstammend. Viele Foristen werden nur hier und da Überschneidungen mit ihren eigenen Präferenzen feststellen können, lediglich die Schuldenkrise und Occupy dürften die meisten beschäftigt haben. Jeder von uns lebt jederzeit in mehreren Erfahrungs-Welten: Der objektiv, oder genauer: intersubjektiv vorhandenen und der subjektiven, individuellen. Man kann auch von Aussen- und Innenwelt sprechen, die durch persönliche Bedeutsamkeit und Interessen miteinander verbunden sind. Insofern müsste im Vorspann korrekterweise davon gesprochen werden, dass der Autor 10 Personen vorstellt, die ihm dieses Jahr wichtig schienen, weil sie in seinen Augen den Zeitgeist abbideten oder gestalteten. Jeder von uns würde einen anderen Jahresrückblick schreiben, aber das macht die Buntheit und Vielfalt unserer Welt gerade aus!
Tahlos 30.12.2011
4. Wie eine Weinverkostung
Zitat von sysopWas ist gut, was ist böse? Was ist wichtig, was bleibt? 2011 war ein Jahr, das die Zeit mit seinen Krisen in Vorher und Nachher teilte. Georg Diez stellt zehn Schlüsselpersonen vor, die dieses Jahr wichtig waren, weil sie den Zeitgeist abbildeten oder gestalteten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,806289,00.html
deren Aussage man auch in keinster Weise nachvollziehen kann, gibt der Autor seine subjektive Darstellung der Welt bekannt. Das kann man und muss man vermutlich so hinnehmen ohne sich auch nur im geringsten anzuschließen. Bis auf die Occupy-Bewegung (und da nicht einmal speziell der Gründer) ist mir auch nicht eine einzige Person namentlich bekannt. In wieweit die anderen 9 überhaupt eine "Schlüsselposition" oder auch nur eine Bekanntheit außerhalb der "erlesenen Kulturelite" haben oder bekommen könnten, erschließt sich mir als "Kunstbanause" überhaupt nicht. Aber ich kann nicht behaupten dass es mich unglücklich macht. Ich könnte bisher leben ohne das ich ihre Namen kannte und werde es vermutlich auch weiterhin problemlos können. Allerdings ist auch durchaus möglich das ich überhaupt nicht die wichtigen Dinge des Lebens durchblicke.
Friedrich der Streitbare 30.12.2011
5. De gustibus non est disputandum
Mehr sollte man dazu nicht sagen.
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