S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Mein Mitleid mit den Bluffern

Warum so viele Menschen am Burnout-Syndrom leiden? Vielleicht, weil unser gefälschtes Leben uns einfach überfordert: Hier muss ein Doktortitel her, dort ein schöner Lebenslauf. Das Dumme ist bloß: Faken, Posen und Angeben hilft uns aus unserer Mittelmäßigkeit nicht heraus.

Das Vorgeben falscher Tatsachen, das Faken von Leistungen, das Angeben, Täuschen, Behaupten scheint eine Begleiterscheinung des sich selbst fressenden Kapitalismus zu sein. Keiner scheint mehr zu genügen oder hat die Sorge, nicht zu genügen in dieser Welt, wo nur noch Bestleistungen zu zählen scheinen. Aber das ist natürlich alles Quatsch. Auch wenn Frau Schavan 23 Doktortitel hätte - es machte sie zu keiner Cern-Wissenschaftlerin oder nobelpreisdekorierten Mikrobiologin. Sie wäre auch dann noch einfach nur eine Politikerin mit Doktortitel.

Lance Armstrong hätte sich zu Raketengeschwindigkeit dopen können, es wäre in einer Gruppe anderer, ebenfalls gedopter Radfahrer völlig ohne Belang, und auch ein Mensch wie Guttenberg könnte lügen, vortäuschen, Rad schlagen, er würde dadurch dennoch kein weitsichtigerer Politiker.

Warum also machen die das? Warum versuchen die Menschen, mehr als ein Mensch zu sein?

Wir leben in einer Zeit der Bluffer. Angeber und Lügner gab es immer, doch heute - so scheint es - kann man kaum einem mehr Glauben schenken. Die Angst des Einzelnen in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, ist stärker als die Verspannung, die ein Leben mit Lügen beinhaltet.

Kapitalismus in seiner Jetzt-Form scheint zu bedeuten: Verkauf jedem deinen Müll gut. Verkaufe jedem klebrige Cola oder dich selbst, als sei es Gold. In den neunziger Jahren war die Psychologie popkulturelles Gemeingut geworden und jeder begrüßte jeden mit dem grauenerregenden Satz: Hey, nimm doch mal deine Maske ab. Man meinte damit: Hey du, Mensch du, zeig dich doch mal so echt verletzlich, du. Ein Kindergarten, vergleicht man das kleine bisschen Haltung, das der Mensch beim Verlassen seiner Wohnung einnimmt, um andere nicht anzuöden, mit dem General-Fake, den die meisten heute liefern.

Müssen, vermutlich.

Wer nicht lügt, fliegt durch die Raster, wer sich nicht aufplustert wird übersehen. Die steigende Zahl von Erschöpfungsdepressionen könnte auf der ständigen Vortäuschung einer anderen Persönlichkeit beruhen.

Gefälschte Leistungen, Doktortitel, Lebensentwürfe, erfreulich allein, dass die Zahl der gefakten Pilotinnen und Ärzte noch überschaubar ist. Wenn wir alle ein zunehmend gefälschtes Leben führen, wenn wir Leistungen, Gesundheit, Haltungen und Gefühle vortäuschen, was macht das dann mit der Person, die wir einst waren? Lagert sie als Biomasse in Kokons in einer anderen Matrix? Stirbt der nette, unperfekte Mensch, der man mal war, wenn das saloppe, forsche Arschloch mit der erlogenen Identität stärker wird? Würde es vorgetäuschten Menschen dann nicht auch genügen, nur noch vorgetäuschte Produkte zu konsumieren?

Fragen über Fragen.

Wir leben in einer Zeit der Lügen. Und all die Doktortitelsammler, die Poser mit ihren erbärmlichen, kleinen, anmaßenden Schwindeleien, die so sinnlos rührend sind, in einer Welt die immer voller wird, das trampolinspringende Individuum mit einem Schild in der Hand, auf dem "Hier bin ich!" geschrieben steht, sie alle verdienen unser aufrechtes Mitleid.

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