S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Das Leben ein Geschenk? Ich bitte Sie!

Optimismus ist das Bekenntnis zu überbordendem Irrsinn. Nur Geisteskranke können jubeln angesichts der wöchentlich neuen Katastrophen: das Öl, das Atom, die Flut, der Vulkan - beginnt das Ende der Welt jetzt? Und sollte uns das tatsächlich beunruhigen?

Der Untergang der Welt ist seit Jahrtausenden ein Dauerthema in Medien und Kunst. In Hieroglyphen in den Fels gehauen, von Nostradamus in Almanachen bedichtet, mit Emmerich Film geworden. Von Konsumenten benickt, denn dem Menschen schien jede Zeit, zu der er lebte, die Schrecklichste zu sein. Woher sollten sie es auch besser wissen? Alles, was eine Zeitspanne von zehn Jahren übersteigt, entzieht sich unserem Vorstellungsvermögen.

Und im Jetzt ist es ja immer schwierig. Die Pest, der Krieg, der Kaiser, das Lehen, nur wenigen Geisteskranken gelingt es, optimistisch zu sein. Optimismus ist das Bekenntnis zu überbordendem Irrsinn. Ungefragt geboren, das Leben als Geschenk betrachtend, tanzend der rasanten Talfahrt des Ichs beizuwohnen, in die Hände zu klatschen, wenn die Organe versagen, ein Lied anzustimmen beim Betrachten der täglichen Nachrichten.

Optimisten bejubeln die Möglichkeiten des Kapitalismus, die verbesserte Lebenserwartung, die Bildung, sie tun es aus einer privilegierten Position heraus, sie sitzen in Bibliotheken, trinken Earl Grey und murmeln: Das ist eine wunderbare Zeit jetzt. Theoretisch. Für uns in der westlichen Welt, die wir nach Indien schauen und auf die Massen von jungen Studenten, die Lebenserwartung im Sudan untersuchen, die irrsinnig gewachsene Toleranz. Bei uns dürfen Homosexuelle heiraten.

Der Welt sind wir egal

Der Pessimist weiß: Es wird nie eine perfekte Zeit geben. Denn immer werden Menschen da sein, die Homophobie wird ebenso wenig aussterben wie der Antisemitismus, die Blödheit wird bei jeder sich bietenden Gelegenheit aus den Menschen herausbrechen.

Der Welt sind wir egal. Sie wird uns nicht den Gefallen tun, mit einem leisen Puff zu explodieren und im All zu verglühen. Wir werden die Sache aushalten, bis zum Ende. Die toten Gewässer, die stinkende Luft, die explodierenden Atomkraftwerke, das wird immer so weiter gehen. Wir werden Löcher flicken, und andere werden sich auftun, wir werden forschen und bauen, um in dem Dreck, den wir erzeugt haben, zu überleben. Und es wird uns gelingen.

Da wird der eine und andere Inselstaat überspült, ein paar Städte versinken, Flugzeuge werden vom Himmel fallen, und Seuchen werden ausbrechen, Hysterie erzeugen und wieder verschwinden, nachdem ein paar Hunderttausend gestorben sind.

Hach Gottchen, jetzt habe ich mich wieder in Rage geredet, Sie ahnen mich mit Schaum vor dem Mund, dabei sitze ich vergnügt in meiner Wohnung, die ich noch habe, die noch nicht in einem umzäunten Sicherheitsgelände befindlich ist, draußen regnet es bereits verdächtig lange, aber das Aussterben der Rasse ist ja immer ein belustigender Gedanke. Solange die Sache nicht uns betrifft.

Also, bleiben Sie ruhig. Vermutlich wird die Welt irgendwann untergehen, kalt werden, die Meere werden tot sein, die Sonne ausgeschaltet. Die Chance, dass Sie das noch erleben, steht fünfzig zu fünfzig.

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