S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Himmel, ist das alles elend!

Helfen eigentlich gute Vorsätze im neuen Jahr? Gibt es überhaupt eine Chance, sie einzuhalten? SPIEGEL-ONLINE-Kolumnistin Sibylle Berg verzweifelt schon in den ersten Januartagen. Sie auch?

Da wachen sie auf, kriechen aus ungemachten Betten. Wie die riechen nach zwei Wochen! Lüften, ja, man könnte lüften. Fenster auf. Meine Güte. Wie sieht das hier aus! Der Weihnachtsbaum ist abgebrannt. Hat das denn keiner gemerkt? Rüdiger hast du nicht gemerkt, dass der Baum brennt. Rüdiger? Rüdiger liegt im Bett. Er ist tot. Vielleicht schläft er auch noch, eine Gänsekeule ragt aus seinem Mund. Oder aus dem Bauch. Kinder. Was machen die Kinder? Gott sei dank, wir haben keine Kinder, sonst wäre das ganz, ganz dumm gelaufen.

Die Brückentage, Weihnachten, Silvester - jedes Jahr das selbe Elend. Nach zwei Tagen beginnt der Mensch das Verrotten. Er hat genug Filme gesehen, die in New York, irgendwo um den Gramercy Park spielen, mit gut aussehenden Menschen, die in verrückten Buchverlagen arbeiten.

Rüdiger, so sag doch was. Morgen geht die Arbeit wieder los. Nicht in einem kleinen Buchladen in New York, sondern in einer Rückversicherungsgesellschaft in Spandau. Großraumbüro. All die alten Nasen werden wieder da sein, mit ihren Keksen und ihren Fotos, der Baum, sie wissen schon, und das ist meine Nichte.

Das neue Jahr. Es wird genauso weitergehen wie das alte geendet hat. Furchtbar. Rüdiger hustet. Er lebt. Er ist Ingenieur. Am sich umorientieren. Schnupperkurs in der KFZ-Branche. Himmel, ist das alles elend.

Die Frau torkelt ins Bad, das Grauen. Zehn Kilo mehr, und alle im Gesicht. Aus dem Hals könnte man zehn Hälse für Afrika machen. Überall diese Pizzaschachteln, Truthahnüberreste in der Küche. Schokolade klebt am Sofa. Das hatten sie jetzt vierzehn Tage nicht verlassen. Aber wo sollen Leute wie sie denn Weihnachten auch hingehen, in Berlin? Alle sind zu Hause in Schwäbisch-Gmünd, die Weltstadt geschlossen. St. Barth liegt nicht drin.

Bleich sinkt sie aufs Bett. Sie muss einen Vorsatz fassen. Viele Vorsätze, für das neue Jahr, das von draußen träge in die Wohnung schaut und mit dem Paar eigentlich nichts weiter zu tun haben will. Ich muss Sport machen, sagt Rüdiger. Weniger essen, begeisterungsfähiger werden. Neugierig wie ein junger Luchs in die Rückversicherungsagentur federn und dem Chef mal so richtig sagen... Ja, was denn nur?

Weniger trinken. Aber wer soll denn zehn Grad Minus und einen bleigrauen Himmel ohne einen gepflegten Rausch ertragen? Vorsätze. Die Hoffnung der Müden, der Zahnräder des Kapitalismus, der Basis des Staates, dass sich das Schicksal mit einem Mantra der Besserung zum Guten wenden würde. Vorsätze, der Pakt mit dem Universum. Ich werde abnehmen, mich disziplinieren, ich werde den Iron Man mitmachen, und dann musst du, Schicksal, mich belohnen. Mit einem Leben das sich nicht anfühlt wie Beutelsuppe schmeckt. Ein kleiner Deal, komm schon!

Aber da kommt keiner. Da ist keiner zu Hause im Himmel, das war ein Märchen, der Gott, das Schicksal, das Karma - ein Märchen. Und es wird alles genauso weitergehen. Endlich eine Sprache lernen, schreibt sie auf die Liste. Und dann schläft sie ein, Frohes neues Jahr, murmelt das neue Jahr angeekelt durch das Fenster.

Scheuen Sie sich nicht, mir Ihre Fragen zu senden.


Aktuelle Theaterstücke von Sibylle Berg:
"Nur Nachts": Deutsches Theater Berlin ( www.deutschestheater.de ) Spieldaten Januar: 16.1.2011

"Lasst euch überraschen!": Theater Bonn ( www.theater-bonn.de )
Spieldaten Januar: 29.1.2011

"Hauptsache Arbeit!": Theater im Keller Graz ( www.tik-graz.at ) Spieldaten Februar: 2.2., 4.2., 5.2., 10.2.,11.2., 12.2.,17.2., 18.2., 19.2., 24.2., 26.2.2011