S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Liebe ist nur ein Viertel des Lebens

Verliebte Kuhaugen machen, Köfferchen packen - und abhauen: In jeder zweiten Beziehung, in die ein anderer Mensch eindringt, obsiegt der oder die Neue. Warum ist es eigentlich so schwer, sein Leben mit nur einem einzigen Partner zu verbringen?

Lebensentwürfe gibt es, die nachzuvollziehen nur mit größter Mühe gelingen mag. Erwachsene Menschen stehen nach 20, 30 gemeinsam verbrachten Jahren voreinander, und dann sagt einer Sätze wie: Ich konnte mich nicht dagegen wehren. Ich habe doch auch ein Recht darauf, glücklich zu sein! Das bedeutet: Ich habe mich in jemand anderen verliebt. Dann packen sie ihr Köfferchen, "du hörst von meinem Anwalt", und schlagen die Tür noch nicht mal zu. Ratlos sehen wir dem Menschen nach, der in den Wahnsinn taumelt.

Gehen wir von einer normal guten, normal freundlichen Beziehung aus. Eine, in der man miteinander redet, wenn auch nicht ununterbrochen, in der man lacht und gemeinsam einschläft, in der man dem Verfall des anderen nicht unbedingt mit Jubilieren, so doch gutmütig beiwohnt. Eine Beziehung, in der man sich nicht verspannt, die meisten Geheimnisse des anderen kennt, seine blöde Verwandtschaft und seine Angewohnheiten.

Vielleicht waren da Kinder mit Krankheiten und Sorgen, und die Steuer war zu hoch, und die Haare fielen aus, da waren Erkältungen und Darmgrippen, versaute Urlaube und nervende Nachbarn. Alles haben sie zusammen ausgehalten, ausgestanden. Wie kleine Tiere in einer Höhle wird man da doch, in dieser Vertrautheit, die nur durch ständige Berührung unserer schlecht durchbluteten Haut entsteht. Und dann: Ich habe mich verliebt, es ist einfach so passiert.

Keinem passiert das einfach so, das muss man doch wollen und zulassen. Natürlich schlummern in uns allen genetische Programme, die nach Paarung schreien. Natürlich sieht man immer wieder einen netten Menschen, einen potentiellen Partner, vielleicht verliert man sich mithin in erregenden Gesprächen, von denen man glaubt, sie so lebendig noch nie vorher erlebt zu haben. Aber darum einen Menschen verraten, mit dem man sein halbes Leben verbracht hat?

Juhu, ich lebe wieder

Sicher, sicher - jeder Mensch belebt andere Teile unseres Charakters. Der eine lässt uns wild sein, intellektuell, der andere kindisch und albern, möglich, dass so ein neuer potentieller Partner einem das Gefühl gibt, eine Seite zu aktivieren, von der wir selbst glaubten, sie sei nicht vorhanden. Das lässt einen lebendig fühlen, und das heißt, sich jung zu fühlen, denn wem macht es schon Spaß, die Vergänglichkeit zu akzeptieren?

Da wird verlassen, betrogen, da wird die Idee, dass jeder austauschbar sei, zur Gewissheit - und außer Acht gelassen, dass eine Beziehung doch nur ein Viertel unseres Lebens ausmacht. Sie ist wichtig für die Geborgenheit, das familiäre Wohlgefühl. Aber den Versuch, gegen die Endlichkeit anzugehen, könnte man doch wundervoll in den drei anderen Bereichen - Beruf, Wohnort oder Freundeskreis - machen. Könnte sich endlich den Beruf suchen, den man schon immer wollte, Abenteuerurlaub machen, ein Studium beginnen oder sich der Verfeinerung seines Charakters widmen.

Doch das ist zu kompliziert, nicht lustvoll genug, die Resultate nicht rasch erhältlich, also machen die meisten das, was einen schnellen Effekt hat: eine Affäre, eine neue Liebe, das alte Leben scheinbar hinter sich lassen. Was glauben die denn, wie viele Leben sie noch haben? Das könnten sie sich überlegen, die Leutchen, in diesen Sekunden, bevor sie sich entscheiden zu gehen. In den Minuten, bevor es sie überkommt, das große, neue, wilde Gefühl, gegen das man so machtlos ist.

Alles wird bleiben, wie es war. Nur vielleicht schlechter.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.