S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Sie haben allen Grund, sich zu fürchten!

Ich habe Angst vor der Dunkelheit und davor, nicht geliebt zu werden. Eigentlich habe ich vor allem und jedem Angst. Ich habe immer Angst! Wie kann ich sie bekämpfen?

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Ich könnte mich und Sie jetzt zu Tode langweilen, indem ich Ihnen von der evolutionären Notwendigkeit der Angst erzähle. Ich sage Ihnen aber lieber, dass Sie in einem Land leben, das Ende des 19. Jahrhunderts ein Ausbildungssystem erfand, das auf Bestrafung und Angst basierte, dass es daraufhin zwei Kriege gab, dass nach dem letzten, verlorenen, ein bestraftes Volk übrig blieb, das alles tat, um nicht mehr unangenehm aufzufallen, um nicht erneut bestraft zu werden.

Wie, nicht unangenehm auffallen, sagen Sie und denken an deutsche Touristen. Das zählt nicht, erwidere ich, das ist im Ausland, da kann man sich ein wenig gehen lassen. Vermutlich ist die Neigung zu übertriebener Angst durchaus genetisch vererbbar, Herr Sarrazin würde zustimmend murmeln.

Sicher erzeugt kollektive Angst ein gesellschaftliches Klima, das dem überbordend Mutigen nicht besonders freundlich begegnet. Das alles könnten wir auf 679 Seiten untersuchen, und Sie würden begeistert sein von meiner Fähigkeit, Zitate und fundierte Sätze prechtgleich zusammenzutragen, wir aber wollen hier aktive Lebenshilfe anbieten und darum verkürze ich auf: Sie haben Recht. Es gibt keinen Grund nicht, ängstlich zu sein.

Wir alle wissen, wie unser Leben endet. Und wann. Bald und furchtbar. Das könnte uns dazu verleiten, zu behaupten, dass wenn das Ende klar umrissen ist, wir in der Zwischenzeit die mutige Sau raus lassen könnten, doch das ist nur wenigen gegeben. Wir anderen wissen, dass unser Leben sehr kurz ist, und wir wollen die Zeit angenehm und ohne Zwischenfälle verbringen. Wir haben Angst, nicht geliebt zu werden, natürlich, verständlich, denn wir werden nicht geliebt. Niemals, wir werden gehasst und zwar von fast allen anderen, die in uns die eigene, unvollkommene Vergänglichkeit erkennen.

Und wir können nichts daran ändern, wir können noch so durchschnittlich und angepasst sein, so langweilig und lieb es uns möglich ist, wir werden von irgendwem immer gehasst. Wir werden von unserem Partner verlassen, weil ihm ein neues Glück zusteht, unsere Kinder können Unfälle haben oder Investmentbanker werden. Alles, was auch immer Sie sich an angstmachenden Szenarien ausmalen, kann eintreten.

Sie haben Angst vorm Fliegen? Zu Recht. Die letzten Minuten in einer trudelnden Maschine müssen sich wie Jahre anfühlen. Sie haben Angst zu verarmen? Durchaus berechtigt, warum soll es gerade Sie nicht treffen? Der Verlust des Arbeitsplatzes oder ausbleibende Aufträge, das hektische Suchen nach Jobs, das Scheitern, der Alkoholismus - warum sollen gerade Sie verschont bleiben?

Die Sicherheit des Wirtschaftswunders gibt es nicht mehr. Sie haben Angst vor Krebs? Kluges Kind. Sie fürchten sich vor Terroranschlägen? Nur zu. Vielleicht haben sich die völlig normalen, netten Menschen, die in New York, Moskau, London, Madrid, Tel Aviv einen Selbstmordidioten getroffen haben, nicht gefürchtet, und das haben sie jetzt davon. Sie haben jeden Grund zur Angst. Nehmen Sie sie an. Fürchten Sie sich! Die Angst akzeptieren heißt zu wissen, dass man ein schlauer Mensch ist.


Aktuelle Theaterstücke von Sibylle Berg:

"Hauptsache Arbeit!": Theater im Keller Graz (www.tik-graz.at) Spieldaten Februar: 5.2., 10.2.,11.2., 12.2.,17.2., 18.2., 19.2., 24.2., 26.2.2011


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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
moderne21 05.03.2011
1. Angst essen Seele auf
Die in diesem lesenswerten Artikel angesprochene Angst leistet den Mächtigen und Wichtig (http://www.wir-sind-wichtig.de)en in diesem Land gute Dienste. Selbstbewußte und mutige Bürgerinnen und Bürger sind Politikern und Wirtschaftsbossen ein Greuel.
Titani 05.03.2011
2. Ängste sind nicht unsere Feinde.
Bei allen Herausforderungen ist die eigenen Dualität ist der Schlüssel zum Verständnis. Wer glaubt, die Angst sei sein Eigentum, der kann sie nicht begreifen. Fragen sie sich, wer da eigentlich Angst hat. Wenn sie diese Frage für sich beantwortet haben, können sie damit beginnen, Ihre Ängste ganz anders zu behandeln. Sie sollten all ihre Gefühle lieben und sie wie Freunde behandeln die Zuwendung brauchen. Nur durch Zuneigung kann die Angst verstanden werden. Wer sie verdammt oder verdrängt verstärkt sie nur.
Jo.S 05.03.2011
3. 2 Schwestern im Geiste?
Zitat von sysopIch habe Angst vor der Dunkelheit und davor, nicht geliebt zu werden. Eigentlich habe ich vor allem und jedem Angst. Ich habe immer Angst! Wie kann ich sie bekämpfen? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,749182,00.html
Es rührt mich sehr, was Frau Berg mir vor Augen führt. Noch beeindruckender fand ich die Sorgen von Frau Rösinger: http://www.youtube.com/watch?v=8JcjEcLwj7Y Aber das liegt wohl daran, dass Frau Rösinger mir die Wahrheit auf dem Weg zur Arbeit zurief, als ich die Radiowelt auf Bayern II hörte.In dieser Situation war ich einfach noch begeisterungsfähiger als jetzt an meinem Heimcomputer.
Alexander Berg 05.03.2011
4. Gelernte Verhaltensmuster
"Ich habe Angst vor der Dunkelheit und davor, nicht geliebt zu werden. Eigentlich habe ich vor allem und jedem Angst. Ich habe immer Angst! Wie kann ich sie bekämpfen?" Sehr geehrte Frau Berg, es handelt sich bei allen Wahrnehmungen nur um Symptome kollektiv-repetitiv gelernter Verhaltensmuster, die zu selten hinterfragt werden, man sie als normal und gegeben hinnimmt. Ein gelerntes Paradigma: Der Mensch steht im Zentrum allen Denkens und Handelns. Ein zivilisatorisch gelebter Irrglaube. Angst darin, das alles zusammenhaltende Bindemittel, welches immer wieder aufgefrischt werden möchte/will/muss. Sie haben selbst die Verantwortung für Ihre Emotionen (denn es sind lediglich "fühlbare" Resultate ihrer gelernten Verhaltensmuster) und somit auch die Entscheidung, sich von einer "Überdeutung" zu verabschieden. Denn der Mensch lernte, Probleme überall dort lösen zu wollen, wo sie sensuell in Erscheinung treten und somit auch der Fehleinschätzung und Bedeutung von Angst. Angst ist nur ein Symptom: Vorhandene Verhaltensmuster versuchen sich "äußeren Störfeldeinflüssen" zu widersetzen. Dieses Grundprinzip liegt jedem System inne, was seine strukturelle Aufrechterhaltung betrifft und neue Erfahrungen zu "klassifizieren" versucht. Angst ist somit nur ein Zeichen, dass wir aufgefordert sind, etwas dazu zu lernen. …nicht geliebt zu werden. Was ist Liebe? Letztlich treffen Informationen auf bestimmte Verhaltensmuster, die durch eine nicht-lineare Reaktion, Hormone auswerfen. Hervorgerufen wird dies durch das Übereinstimmen von Verhaltensmustern der einen, wie auch der anderen Person. Denn man zieht nur dass an, was man im "Inneren" in sich trägt. Ist wie beim Radio, Ihren Lieblingssender können Sie nur hören, wenn sie die richtige Frequenz einstellen. "Man bekommt immer das, was man sich nimmt." Liebe Grüße aus Pilgerzell Alexander Berg
terzani 05.03.2011
5. Mikroskopie der Angst
"Am stärksten wuchert die Angst, es ist nicht zu sagen, wie wenig man wäre ohne erlittene Angst", hat der fast siebzigjährige Elias Canetti in seinem biographischen Rückblick auf seine Kindheit geschrieben (Gerettete Zunge S.65) und uns dann immer wieder in seinen drei autobiographischen Bänden gezeigt, dass seine und wahrscheinlich auch unsere Realität in ihren bewegendsten Momenten nur in den angstvoll vergrößerten Partikeln begreifbar wird.
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