S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Wie Denker zu Idioten wurden

Früher lüpfte man den Hut vor Professoren und Philosophen, doch in den Achtzigern setzte ein Wertewandel ein. Warum ist intellektuell heute ein Schimpfwort? Weil keinen Wert mehr hat, was nicht verkauft - und die obszönen Superreichen zum kollektiven Vorbild geworden sind.

Intellektuelle gab es früher. Sie schrieben Bücher, waren Professoren, Maler, Philosophen, Musiker. Sie waren geachtet und beneidet, man grüßte sie mit einem Lüpfen des Hutes. Im vergangenen Jahrhundert war das, und Kapitalist war ein Schimpfwort, die Zurschaustellung von Geld galt als obszön. Neureiche waren die, deren Frauen tote Tiere am Körper trugen, ihre Männer gehörten bildungsfernen Schichten an. Der Reiche, die Karikatur seiner selbst, aß Schweine und hatte einen dicken Bauch.

Früher, wir reden von den achtziger Jahren des letzten Jahrtausends, war es übrigens auch undenkbar, dass eine Dame, wenn sie nicht zufällig ein Bordell führte, Kleidung und Accessoires trug, auf denen das Logo des Herstellers goldfarben oder auffällig zu erkennen war. Teure Designerware blieb wohlhabenden älteren Herrschaften vorbehalten, ihre Kinder hätten sich geweigert, etwas zu tragen, das auch ihren Großeltern stehen würde.

Die achtziger Jahre leiteten aber zugleich einen Wertewandel im großen Stil ein. Bei einer Bank zu arbeiten, war plötzlich nicht mehr denen vorbehalten, die es anderenorts zu nichts Gescheitem gebracht hatten. Der Kapitalismus hatte mit dem Zusammenbruch der verzagten Gegenversuche endgültig gewonnen, und befand sich auf der Geraden zur eigenen Explosion, die in Kürze bevorsteht. Gesellschaftlich respektiert werden unterdes nur noch Menschen, die es zu was, sprich: zu Geld gebracht haben. Die kollektiven Vorbilder sind Superreiche, und deren durch die Inflation der Yellow Press für alle erreichbar scheinenden Lebensmodelle, die Helikopter, goldene Wasserhähne und Speedboote beinhalten. Die Globalisierung führte die Erdbevölkerung zusammen. Geschlossen agiert sie, als sei sie zu Besuch bei uninteressanten Fremden hier auf der Welt. Wir nehmen, was wir kriegen können, und die nach uns sollen es mal schlechter haben. Wir fressen die Meere leer, wir höhlen Berge aus, wir schürfen die Tiefsee in Grund und Boden, wir wollen kollektiv nur eines, und das ist MEHR.

Das Königspaar der glänzenden neuen Welt ist nicht mehr Sartre und Beauvoir, sondern Pitt und Jolie. Kinder, Häuser, Gestüte, unfassbarer Reichtum, so wollen wir sein, so müssen wir leben. Intellektuelle sind heute Verlierer, weil sie kein Geld verdienen. Sie haben keine Label an ihrer Kleidung, sie feiern nicht in St. Moritz, sie sind ohne jede Bedeutung für unsere Gesellschaft, also lächerlich.

Ab und zu hört man einen wie Alexander Kluge bedächtig in eine Kamera atmen, man hört von Theaterstücken oder Philosophen, die keine Millionenauflagen erreichen, aber wozu? Was nicht verkauft, hat keinen Wert. Der Erfolg gibt ihnen recht, das ist eines der blödesten Sprichworte unserer Zeit, die hoffentlich bald zu einem universellen Kollaps führen wird, zu einer großen Pulverisierung von allem, was wir kennen, um der Verblödung ein erfreuliches Ende zu bescheren.

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