S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Wir Deutschen sind das perfekte Volk

Unser Humor, das war Heinz Erhardt, das ist Mario Barth. Unsere Garagenauffahrt ist gekehrt, und im Urlaub wollen wir Schwein. Nein, das ist nicht ironisch, die Ironie hat ja der Engländer gepachtet. Warum tun wir uns in Deutschland so besonders schwer damit, fremde Einflüsse zuzulassen?

Wir mögen das Fremde nicht. Wir haben eine Leitkultur und einen Kanon, das wollen wir uns doch nicht nach amerikanischem Vorbild verwässern lassen. Wir wollen verdammt noch mal kein Volk von Gummikauern sein. Das hat doch was mit Stolz zu tun.

Die Menschen waren schon immer lieber, wenn auch nicht gerne, von ihresgleichen umgeben. Die Familie, die Sippe, das Dorf, und dann reißt der Geduldsfaden auch schon. Nichts gegen Chinesen, solange sie nicht zu viel Glutamat in das Essen streuen, das wir bei ihnen einnehmen.

Das war doch perfekt, in den fünfziger Jahren, in Deutschland, auf dem Land, in der Provinz, der Terror der sauberen Gardinen, mittags Saumagen, und keine Alternative fürs Auge. Keine Hippies, keine Ausländer mit lustigen Bärten, keine außerkulturellen Einflüsse, so lag das Land im Dauersonntag. Ehemalige Nazis, die natürlich alle im Herzen Widerstandskämpfer gewesen waren, stellten das Wirtschaftswunder her. Die Schlampe des Ortes war die mit dem kurzen Rock, die Jungs waren Halbstarke, in der Kneipe saßen die Männer.

Wie die Häuser in Reihe standen, die Vorgärten einsehbar, die Garagenauffahrt gekehrt, da hätte doch keine Familie einen Ausfall gewagt, da wurde das Auto gewaschen am Samstag, blitzen musste der Hund, die Frau hatte eine gute Frisur, eine gute Frauenfrisur, und das Kind rauchte nur heimlich. Man ging in die Kirche, natürlich ging man in die Kirche und keinem wäre eingefallen, eine Moschee aufzubauen, die Synagogen waren ja für die Freiwillige Feuerwehr umgebaut.

Wir mögen alles Fremde nicht

Nein, keine Sorge, ich bin nicht ironisch, die Ironie hat der Engländer gepachtet, den bewundern wir dafür, aber das soll er mal schön bei sich zu Hause machen. Unser Humor, das war Heinz Erhardt, das ist Mario Barth. Unsere Kultur, keine Ahnung, was das ist. Fragt man, ist von Heine die Rede, aber der war Jude, fragt man, ist von Wagner die Rede, aber ich bitte Sie, wer hört denn auf dem Land unentwegt den Ring?

Die Werte, die wir verteidigen, sind uns weitgehend unbekannt. Den Jesus haben wir nicht erfunden, der Weihnachtsmann kommt aus Amerika, aber die Autos, die haben wir selber gebaut und verteidigen das Recht auf eine Verschrottungsprämie. Wir tun uns mit Fremden so schwer wie jedes Volk in der Welt, außer vielleicht den Amerikanern, die ja keine Kultur und keine Tradition haben, weswegen wir sie verachten. Nein, das ist nicht ironisch, da ändert sich nichts bei uns, schauen Sie sich das Straßenbild einmal an, das ist homogen xenophob.

Wir mögen alles Fremde nicht, im Urlaub auch nicht, da wollen wir Schwein. Aber ich bitte Sie, ziehen Sie mal nach Andalusien aufs Land. Ziehen Sie in die Anden, versuchen Sie Ihr Glück in Mexiko. Natürlich ohne Millionen und ohne die Sprache zu beherrschen. Wir hassen Veränderungen. Wie alle Menschen auf der Welt. Wir wollen stagnieren, damit unser Leben länger erscheint in seiner Gleichförmigkeit. Wir sind das verpixelte Google-Volk, wir wehren uns gegen die feindliche Übernahme, und wissen Sie warum?

Genau, weil wir perfekt sind, wie wir sind.

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