Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Wem gehört der Tag der Deutschen Einheit?

Ein Riss geht noch immer durch dieses Land. Aber nicht zwischen West und Ost, sondern zwischen denen, die schon immer hier waren - und denen, die es erst seit 60, 30, drei Jahren sind. Das muss aufhören.

Was schief läuft beim automatisierten Reden über die deutsche Einheit (Wunder, Freude, weiter so), zeigt sich in einem kurzen Satz, der die deutsche Realität 2014 voll erfasst: "Gewalt in Allahs Namen - was denken unsere Muslime?"

Warum unsere? Weil sie hier leben und "zu Deutschland" gehören (Christian Wulff)? Aber was denken dann "unsere" Porschefahrer eigentlich über die Klimakatastrophe, was denken "unsere" Chicken-McNugget-Esser über Legebatterien, was denken "unsere" Latte-macchiato-Trinker über fairen Kaffeeanbau?

Es ist eben kein freundliches "unsere", das sich die Redaktion von Günther Jauch da am vergangenen Sonntag ausgedacht hatte, so wie es nie ein freundliches Willkommen gab in einem Land, das Einwanderer und Flüchtlinge nur mit Misstrauen betrachtet und danach fragt, was sie tun müssen, wie sie sich verändern müssen, wie sie sich anpassen, einpassen, integrieren müssen.

Als ob man sich sonst groß dafür interessiert, was "unsere Muslime" denken, wenn es nicht gerade um Islamisten oder Terror geht, Hassprediger oder Zwangsheirat, Frauenschläger und Schleierfrauen. Was in dieser Formulierung steckt, ist mehr als paternalistischer Besitzerstolz, was schon ekelhaft genug wäre - es ist der dauernde Modus von Verdacht und Kontrolle, von Fremdheit und der Verpflichtung zu beweisen, dass man weiß, was es heißt, wenn man in diesem Land dazu gehören will.

Immer noch ein deutsch-deutsches Trauma

Aber was denken "unsere Muslime" zum Beispiel über den Tag der deutschen Einheit? Freuen sie sich auch so ferngesteuert wie die Leitartikler der großen Zeitungen, weinen sie auch über die Bilder der Ostdeutschen, die ihre Freiheit gewonnen haben, fragen sie sich auch wie manche Westdeutsche, wo eigentlich das Land geblieben ist, das Deutschland war vor der Wiedervereinigung, westlicher, moderner, migrantischer, weniger deutsch?

Und was sagen "unsere Ostdeutschen" zu Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat? Nur 46 Prozent, das hat die "Berliner Zeitung" gerade herausgefunden, äußern sich positiv über die Demokratie, nur 38 Prozent mögen den Kapitalismus, nur 28 Prozent sind zufrieden mit dem Rechtsstaat - müssen jetzt mehr als zwei Drittel der Ostdeutschen doch noch einen Integrationstest machen?

Ist der Tag der deutschen Einheit also auch 25 Jahre danach immer noch dazu da, deutsch-deutsche Traumata durchzuarbeiten, die Wendung nach innen weiterzutreiben und sich in homogenisierender Selbstbespiegelung zu gefallen und das irgendwie heuchlerische Schauspiel vom verlorenen Sohn wieder und wieder zu inszenieren - oder geht es irgendwann auch mal tatsächlich um die Frage, wer in diesem Land lebt und wie das funktionieren soll?

Deutsche Heuchlerei

Die Nation, das war die Parole nach 1989, sollte nicht länger ein Problem sein, wie all die lästigen Nachkriegsjahre über, sondern eine Lösung - aber wenn man die Nation immer noch mit dem Deutschen gleichsetzt oder verwechselt, zeigt man eben nur, wie wenig man in der Gegenwart angekommen ist.

Die Nation ist nicht völkisch definiert, sondern rechtsstaatlich - aber das Routinepathos zum 3. Oktober zeigt immer noch, wie eng die Grenzen sind, wer dazugehört und wer nicht. Das Reden über Deutschland ist eben ein Reden unter Deutschen, wozu in diesem Fall die Muslime etwa, "unsere Muslime", nicht gehören.

Ein Riss geht immer noch durch dieses Land, und das ist nicht "die Mauer in den Köpfen", nicht die Kluft zwischen "West" und "Ost" - es ist der Riss zwischen denen, die schon immer hier waren (was auch immer "immer" heißt), und denen, die seit 60, 30, drei Jahren hier sind (und die immer mehr werden). Zwischen denen, die aussehen wie man selbst, und denen, die anders aussehen, reden, denken. Zwischen "uns" und "denen".

Aber Possessivpronomen sind nichts, was zu einem offenen gesellschaftlichen Diskurs passt. Sie ordnen Menschen Gruppen zu, sie sind inhärent unfrei, sie widersprechen der Definition einer Nation als Zusammenschluss freier Individuen, die nicht qua Zugehörigkeit zu einer Religion etwa oder einer Ethnie unter Verdacht gestellt werden dürfen.

Vielleicht ist schon das Dauerbeschwören der Einheit das Problem. Einheit definiert sich eben durch Ausschluss. Einheit will Homogenisierung. Einheit ist das Gegenteil von Vielheit. Was will man also in fünf, zehn, 15 Jahren mit diesem Tag? Immer noch Wasserstandsmeldungen über Befindlichkeiten, wozu das Einheitsgerede automatisch führt?

Oder will man einen Tag, an dem alle, die hier leben, sich fragen, was sie hier wollen?

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