S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Die Elsen-Versteher von "Bild"

Wow! Die "Bild"-Zeitung umarmt den Feminismus und verbannt die nackten Mädchen von der Seite eins. Bleiben zwei Fragen: Sind die Frauen im Innenteil des Blattes besser aufgehoben - und sollten sich Männer auch ausziehen?

Sehr geehrte Herren der "Bild"-Zeitung-Chefredaktion!

Sie waren am Donnerstag ganz auf sich allein gestellt, hatten zum Internationalen Frauentag allen Damen frei gegeben, um zu zeigen, dass Sie auch ohne Frauen ein Blatt machen können. Waren wahrscheinlich eh nur 25 von 161 im Impressum aufgeführten Personen. Ja, und kaum waren die Weiber aus dem Haus, hat es in Ihrem Oberstübchen wohl klingelling gemacht und Sie hatten eine tolle Idee, beziehungsweise eine Erhellung.

Ihnen ist aufgefallen, dass die Zeiger der Uhren seit dem Film "Deep Throat" weitergewandert sind, und eine nackte Frau auf der Seite eins nicht mehr zeitgemäß ist. Keine Ahnung, warum für so eine Einsicht die Kolleginnen erstmal das Haus verlassen müssen. Zumal die von Ihnen in der Vergangenheit durchgeführten Leserinnenbefragungen deutlich gezeigt haben, dass es Frauen so gar nicht gefällt, wenn Geschlechtsgenossinnen schon auf der Titelseite bloßgestellt werden.

Vom gestrigen Sonnabend an sollen Frauen nun ihre Brüste im Innenteil zeigen, wo es etwas wärmer ist, als auf der Seite eins, wo doch gerade an den Bahnhöfen der Wind so hart am Zeitungsständer vorbei pfeift.

Dieser Schritt scheint mir besonders mutig und heldenhaft, vor dem Hintergrund, dass die Nackte auf der Seite eins doch quasi das Gesicht Ihrer Zeitung geprägt hat. Und Sie jetzt Tausende von Männern enttäuschen, die sich von nun an in ihrem morgendlichen Dämmerzustand erstmal durch die Zeitung fummeln müssen, statt auf bequemer Grabbelhöhe begrüßt zu werden: "Hallo, ich bin die Cindy und ich bin so allein..."

Seit knapp 28 Jahren war auf eins Verlass: den Busen am Morgen. Der Busen gehörte zur "Bild"-Zeitung wie das Mettbrötchen zum Bauarbeiter, wie die Buddel Bier zum Feierabend. Eine Art Bundesbusen hatten Sie geschaffen - einer für Alle.

Ihr Busen war nicht nur eine Säule Ihres kommerziellen Erfolgs, sondern auch Säule des männlichen Selbstverständnisses, nach dem Frauen nichts anderes wollen, als Männer zu beglücken. Nachdem sie die Kartoffeln geschält und den Kaffee gekocht haben, selbstverständlich.

Alice Schwarzer am Stricktelefon

Aber was die Herren wollen, ist für Sie nicht länger maßgeblich. Ihre Redaktion geht mit der Zeit und hat erkannt, dass mit Männern kein Geschäft mehr zu machen ist. Das Wachstumspotential für Zeitungen liegt in puncto der Leserschaft bei den Frauen. Und wenn Sie denen gefallen wollen, müssen die nackten Weiber halt weg, zumindest vom Titel.

Nein, ich beneide Sie nicht. Im Nacken spüren Sie den heißen Atem der Politikerinnen und Medienfrauen, die Quoten fordern und Männer, die sich um die Kinder kümmern und vorn müssen Sie das Blatt sauber halten, für potentielle Leserinnen, die auch immer anspruchsvoller werden. Das ist nicht leicht! Dass Sie da nicht in die Trotzhaltung fallen, dass Sie da nicht sagen: "Ach, scheiß doch auf die Weiber, mit ihren Quoten und ihrem Diskriminierungs-Gelaber!", das finde ich toll. Wie einfach wäre es, zu denken, "Lass doch die blöden Elsen, wir sind Männer! Wir haben die Mehrheit, wir sind die Mehrheit! Wer braucht schon Frauen?! Und wenn denen das nicht passt, dann sollen sie doch sehen, wo sie bleiben!"

Gefällt mir wirklich gut, dass Sie die Größe haben, einzugestehen, dass Sie jetzt mal etwas frauenfreundlicher werden müssen, das zeigt mir, dass die Arbeit der von Ihnen über die Jahre so fleißig denunzierten Feministinnen nicht vergebens war. Und dass es vielleicht doch nicht so verkehrt war, dass Alice Schwarzer bei Ihnen die Horoskope geschrieben hat. Oder ein Kohlkochbuch herausgegeben hat oder am Stricktelefon saß oder was immer sie bei Ihnen getan hat, um in Ihrer Mitte anzukommen.

Einen kleinen Tropfen Wermut muss ich aber doch in das Glas Champagner träufeln, das ich auf Sie und Ihre Entscheidung erheben möchte: Erstens ist die Vertreibung der Damen ins Blattinnere keine Lösung. Der Sexismus wird nicht dadurch besser, dass die Frauen sich an einem anderen Ort erniedrigen.

Und, zweitens, wenn Sie offenbar nicht davon abzubringen sind, die Suggestion sexueller Verfügbarkeit als Teil eines gelungenen Boulevardblattes zu begreifen und gleichzeitig modern sein wollen, dann wäre es ein Fortschritt, an einem Tag eine Frau, am anderen einen Mann zu zeigen.

Schließlich sind Sie doch für Gleichberechtigung, oder?!

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