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20. Dezember 2011, 09:54 Uhr

S.P.O.N. - Helden der Gegenwart

Heuchler am Herd

Eine Polemik von Silke Burmester

Im Fernsehen servieren Schuhbeck, Lafer und Co. Edel-Menüs - aber im echten Leben machen sie Werbung für Billigessen-Hersteller. Gut, dass diese scheinheilige Geschmacksverirrung weniger den Kunden schadet als vor allem den Maîtres selbst.

Lieber Alfons Schuhbeck,

ich sage es mal ganz direkt: Ich danke Ihnen! Haben Sie vielen herzlichen Dank für Ihren Werbeeinsatz bei McDonald's! Sie, "Deutschlands Starkoch Nummer eins" (wie es im Making-of des Fast-Food-Multis heißt) mit eben diesem Fast-Food-Multi in einem Werbespot vereint - das ist ganz nach meinem Geschmack!

Ich habe die Jahre nicht gezählt, in denen Sie und Ihre "Starkoch"-Kollegen die Bevölkerung mit Ihrer Ersatzreligion der "Genussküche" bereits beglücken, aber es sind auf jeden Fall zu viele. Sie haben es geschafft, aus dieser Butterbrot- und Rollmopsnation eine Art kulinarische Luftnummer zu formen, in der Menschen den Ton angeben, die ein Lamm vernünftig zubereiten können. Was früher die Zeugen Jehovas mit ihrem "Wachtturm" waren, sind heute Schuhbeck, Lafer, Poletto und Co. Sie lauern an jeder Ecke, grinsen von jedem Plakat und winken auf jedem Fernsehkanal mit ihren Löffeln, Rinderbeinen und Geflügelscheren, auf dass man eintrete in ihr gelobtes Land mit Namen "Genuss."

Einfach mal schlecht kochen ist nicht mehr drin. Wer auf das Tamtam der Pinzettenköche nichts gibt, hat sich ins soziale Aus gestellt. Kein Wunder, wenn man bald keine Freunde mehr hat, nicht eingeladen wird und nicht mal mehr im Sommer beim Grillen die Zange halten darf.

Wein - der Fetisch der Bedeutungslosen

Die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs ist in diesem Land seit Jahren rückläufig, dafür wird gekocht, was die Herdplatte hergibt. Die schönsten Magazine verunstalten ihre Seiten mit Ihren zur Literatur erhobenen Kochvorschlägen. Wo früher Postman, Habermas oder vielleicht auch Susan Sontag die Spalten gefüllt hätten, sind heute Tim Raue, Anna Schwarzmann und Anna Sgroi am Werk und zeigen, wie sie Baby-Oktopusse zerhacken und einlegen. Das Gerede über Wein - meiner Meinung nach der Fetisch der Bedeutungslosen - ist der Anbetung der Rübchensuppe gewichen, die Nation befindet sich im Kniefall vor Pesto und Poletto. Immer geht es um höchste Ansprüche, höchste Reinheit, höchste Qualität.

Und in dieser Situation kommen McDonald's und Sie! Der "Starkoch Nummer eins", Sternekoch seit 1983, macht Werbung für Produkte mit zweifelhaftem Nährwert und Umwelteinfluss (Stichwort: Müllproduktion und CO2). Reißen Sie sich und Ihren Küchenkindern endlich die Maske herunter und offenbaren Sie ein anderes Gesicht: das der Gier. Der Scheinheiligkeit. Und der Prinzipienlosigkeit.

Sie, Herr Schuhbeck machen aktuell Werbung für die Fast-Food-Kette. Cornelia Poletto warb für Wurstprodukte aus Massentierhaltung von Herta; Horst Lichter warb für Maggi und Alexander Herrmann für Knorr Instant Bouillon - Produkte, die - würde bekannt, dass Sie sie selbst verwenden - Ihren Ruf ruinieren würden. Die Dosensuppe "Champignon Creme" der Firma Escoffier etwa, für die Sie ebenfalls Ihr Gesicht hingaben, war für den "Goldenen Windbeutel" nominiert, den Negativpreis von Foodwatch für dreiste Werbelügen.

Es wird eine Kochbereinigung stattfinden

Wie Johann Lafer so haben auch Sie sich ein Markting-Imperium mit Gewürzen, Kochutensilien, Kochbüchern, Kochschule, Events, Shops und Übernachtungsmöglichkeiten aufgebaut. Nur dass man bei Lafer, dem lachenden Vagabunden, unter anderem ausgezeichnet mit der "Goldenen Schlemmerente", auch mit dem Hubschrauber fliegen kann: "Heli-Gourmet". Das Foto, das Lafer in seiner Kochjacke im Cockpit zeigt, suggeriert: Der Mann kann nicht nur Eier aufschlagen, er fliegt auch noch. All jenen, die wie Sie, Herr Schuhbeck, am Boden bleiben müssen, sei die Blechspielzeugfigur des Meisters zum Hinstellen empfohlen, sie ist gegenwärtig statt für 34,95 Euro für 24,99 Euro zu haben.

Nun möchten Sie, lieber Herr Schuhbeck, sicherlich gern wissen, womit Sie sich den Heldensockel verdient haben, auf den ich Sie gern heben möchte. Nun, es ist ganz einfach: Werbung für McDonald's ist - ähnlich wie Werbung für Herta oder Maggi - ein weiterer Schritt zu Ihrem Verschwinden aus der Öffentlichkeit. Mit solchen Aktionen sägen Sie am Ast Ihrer Glaubwürdigkeit. Spitzengastronomie und ein hoher Anspruch einerseits und Fast Food andererseits - das fällt ja selbst dem einfachsten Kartoffelesser auf, dass da wohl was nicht stimmt. Dass man Sie nicht mehr ernst nehmen kann.

Und je weniger man Sie ernst nehmen kann, desto weniger will man Sie sehen. Desto weniger werden Sie im Fernsehen und im Radio auftauchen, in den Zeitschriften und Zeitungen, in der Sparkassen-Reklame. Es wird eine Kochbereinigung stattfinden. Die Schaumwelle, auf der Sie in unser Leben geritten kamen, wird Sie langsam wieder hinaustragen, dorthin, wo der Pfeffer wächst. Selbst wenn man Horst Lichter und Johann Lafer als Ernie und Bert der Kochshows einen gewissen Unterhaltungswert zumessen kann, so wird man doch beruhigt durchatmen können, wenn Sie und Ihre bigotten Götter in Weiß aufhören, uns aus allen Kanälen heraus mit Glaubensbekenntnissen zu behelligen, die die Welt im Angesicht der wahren Probleme nicht braucht.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich das mal sage: McDonald's - ich liebe es!

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