S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Wir traurigen Preußen

Warum sieht man in Slums lachende Kinderaugen? Und macht Geld eigentlich wirklich nicht glücklich? Doch, natürlich: Deshalb machen Sie doch bitte jetzt endgültig Schluss mit dem linksliberalen Wahn vom glücklichen Eingeborenen!

Neulich irgendwo in einem Restaurant, die Sonne schien besonders golden, hörte ich zwei Erwachsene über Glück reden. Die glücklichsten Menschen, sagte einer, hätte er in einem Slum, ich habe vergessen wo, getroffen. Diese reine Lebensfreude, die lachenden Kinderaugen.

Es tut mir leid, er sprach von "lachenden Kinderaugen", und wir wollen doch bei der Wahrheit bleiben, bei einem so fragilen Thema. Wie immer wenn ich Schwachsinn höre, wurde mein Kopf von einer milchigen Flüssigkeit geflutet. Der linksliberale Wahn vom glücklichen Eingeborenen hält sich also hartnäckig. Der europäische Mensch liebt Märchen, die ihm das Gefühl ausgleichender Gerechtigkeit geben. Wir im Westen haben Geld und sind unglücklich, der einfache, herzensgute Mensch in der Dritten Welt weiß nicht, ob er den nächsten Tag erlebt, aber das tut er leidenschaftlich. Gutgelaunt und lachend im Elend.

Der Brite Richard Layard veröffentlichte im letzten Jahr sein leicht verständliches Werk: The New Happiness. Es existiert ein Journal of Happiness Studies. Umfragen wie die World Happiness Database beschäftigen sich ebenso mit dem Glücklichsein, wie der Nobelpreisträger in Ökonomie Daniel Kahnemann in seinem Buch Well-Being: The Foundations of a Hedonic Psychology. Alle kommen zu ähnlichen Thesen. Die Hauptaussage ist vereinfacht: Geld macht leider glücklich. Jedenfalls in einem Maße, in dem es ein von Existenzängsten freies Leben garantiert, und wo ein Mehr immer noch möglich ist. Die Hoffnung auf mehr Geld ist also ein Garant auf Zufriedenheit, gemeinsam mit den Basisfaktoren Autonomie und Kompetenz, Verbundenheit mit anderen und Selbstwertgefühl.

Die Rigorosität in unseren Genen

Leider schließt das sehr viele Länder dieser Welt aus. Keine hinreichende Erklärung findet man jedoch dazu, warum es in Deutschland verhältnismäßig schwierig zu sein scheint, glücklich zu sein. Obwohl wohlhabend sieht man doch selten lachende Kinderaugen auf den Straßen. Was aber nicht am Fehlen der Glücksgrundvoraussetzungen liegen kann.

Vielmehr steht zu befürchten, dass, wenn es etwas wie einen deutschen Charakter gibt, der dem Glücksempfinden ein wenig abträglich ist. Vermutlich sitzt die preußische Erziehung in ihrer Rigorosität dem Menschen noch in den Genen. Immer der Beste in allem sein zu wollen, hat seine Narben hinterlassen. Die Menschen verlassen sich mehr auf Obrigkeiten als auf sich selbst. Was dem Basispunkt der Autonomie und der Selbstachtung widerspricht. Selten wird, zum besseren emotionalen Verständnis, ein abhängig Angestellter die gleiche Zufriedenheit empfinden wie ein selbstbestimmter Selbständiger. Obwohl das scheinbare Unsicherheiten und mehr Arbeitszeit mit sich bringt.

Hoffen wir, dass die Glücksforschung recht hat mit ihrer Behauptung, wonach die Zufriedenheit im Alter beachtlich zunimmt und die meisten Menschen (die nicht in finanzieller Not leben) angeben, mit 70 die glücklichste Zeit in ihrem Dasein zu erleben. Ein gutes Altern wünsche ich uns allen.

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