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30. März 2012, 13:16 Uhr

S.P.O.N. - Der Kritiker

Durchs wilde Ironiestan

Eine Kolumne von

Dieser Tage wird ausgiebig der Triumphzug Karl Mays gefeiert - getarnt mit etwas Ironie. Dabei stellte Albert Camus in einer erst jetzt veröffentlichten Abhandlung klar, dass richtig verstandene Ironie immer der Aufklärung dient.

Ist Ironie eine Waffe der Starken oder der Schwachen, ist sie ein Mittel der Wahrheit oder der Lüge, ist Ironie gut oder schlecht? So einfach sind die Fragen, die Albert Camus stellt. Es ist der November 1939, Camus ist Journalist in Algier, die Deutschen machen sich daran, die Welt zu erobern. Aber die Frage nach der Ironie gilt heute so wie damals. Weil die Ironie eine Mata Hari ist, eine Doppelagentin der Wahrheit.

Und in dieser deutschen Woche stellt sich mal wieder die Frage, wie wir eigentlich Ironie verstehen. Heute vor hundert Jahren starb Karl May: ein Schriftsteller, dessen fiktive Welteroberungen, so die "Süddeutsche Zeitung", vor dem Hintergrund der realen Welteroberungen Hitlers zu sehen sind. "Befriedigt und nur mit dem allernötigsten Maß an Ironie getarnt", schreibt der Autor Burkhard Müller über Karl May, "wird ein Triumph gefeiert, wie ihn kein anderer deutscher Autor erlebt hat".

Ist Ironie also ein Mittel der Tarnung, der Verstellung und der Täuschung oder eines der Aufklärung? Und was wäre dann der politische Ort der Ironie? Ist Ironie links oder rechts, festigt sie die Macht oder bekämpft sie die Macht, ist sie ein Mittel der Schwachen oder der Starken, ist sie aggressiv und offen in dem, was sie will, ist sie ätzend und zersetzend oder ist sie ästhetisch und hübsch, nett, verschleiernd, ist die Doppelbödigkeit ein Weg, die eigentlichen Absichten zu verstecken?

Falscher Freund Stalin

Als Camus über die Ironie schrieb, über den Journalismus und die Wahrheit, hatte er einen klaren Feind - er musste sich aber auch vor falschen Freunden hüten. Der Feind war Hitler, der falsche Freund Stalin. Und die Ironie war sein Weg, den Weg zwischen diesen beiden Abgründen des 20. Jahrhunderts zu finden. Denn Ironie, schrieb Camus, ist nie ein Mittel der Macht, ja die Macht ist undurchlässig für Ironie. Gerade deshalb ist Ironie eine "Waffe gegen die allzu Mächtigen", sie "verweigert sich nicht nur dem, was falsch ist, sie sagt auch oft, was wahr ist".

Das ist nun nicht die Ironie, von der wir oft sprechen, die Ironie von Thomas Mann oder gerade in dieser Woche wieder die Ironie von Harald Schmidt - der ja in all den Jahren bis zu seinem Abschied verschiedene Seiten der Ironie vorgeführt hat: Der eher anarchische Gestus am Anfang, die selbstgefällige Ironie des Machterhalts im Mittelteil und die Lähmung am Ende. Die Freiheit, die er sich eine Weile lang mit seiner Ironie schuf, hat er dabei im Grunde nie wirklich genutzt. "Die Wahrheit und die Freiheit sind wie zwei anspruchsvolle Maitressen", schreibt Camus, "deshalb haben sie auch so wenig Liebhaber."

Aber Freiheit und Wahrheit gehören für Harald Schmidt nicht unbedingt zusammen. Er war, das wird im Rückblick klar, wie eine Figur von Beckett, er schien schon sehr lange auf irgendetwas zu warten, er saß dort im Studio und wusste im Grunde, dass niemand kommen würde und schon gar nicht Godot, aber er blieb halt dort und ließ sich einen Bart wachsen und schnitt ihn sich wieder ab. Er war gefangen in der "Hölle der Ironie", so hat das Antonia Baum in Zusammenhang mit Christian Kracht genannt, er hatte sich diese Hölle selbst gebaut - und ob er glücklich war oder nicht, das konnte er am Ende wohl selbst nicht mehr sagen.

Der Text von Camus, der 1939 zensiert wurde und von "Le Monde" gerade zum ersten Mal gedruckt wurde, ist auch deshalb so schön und begeisternd, weil er aus diesen selbstgebauten Höllen unserer engen Ironie herausführt. Die Ironie, so wie sie Camus versteht, kann einen gar nicht in diese Hölle bringen, weil sie immer schon der Weg aus der Hölle ist.

Und so ist dieser Text ein hellsichtiges Manifest für heute, das beschreibt, wie Schreiben und Denken geht, in dunklen wie in nicht ganz so dunklen Zeiten. Die Ironie ist dabei eines von vier Prinzipien, an die sich ein freier Mensch, sagt Camus, halten sollte: Klarheit, Widerspruch, Ironie und Eigensinn. "Der Eigensinn ist dabei die wichtigste Tugend", schreibt Camus, das Paradox sei dabei, dass gerade der Eigensinn zu mehr "Objektivität und Toleranz" führt.

Und wenn heute alle groß Karl May feiern? Dann weiß ich, warum ich Karl May nie mochte.

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