S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Wenn schon sterben, dann vorher bitte leben

Wann wird Sie der Tod ereilen? Und wie? Haben Sie auch immer schön gesund gelebt vorher? Was mich das angeht? Alles! Denn der Gesundheitsterror wird immer stärker: Der Zustand des Körpers ist der Verantwortung des Einzelnen entzogen und der kollektiven Verantwortung zugeführt worden.

Es war eine kleine, angenehme Zäsur in der Geschichte, dass Gesundheit kein Privileg der herrschenden Klasse mehr war. Der Mensch hatte verstanden, dass maßvolle Bewegung ihm nichts Böses tat, er schritt mit seinem Hund über Felder, trank danach einen Kräutertee, abends ein paar Gläser Rotwein, dazu rauchte er eine Zigarre.

Der Mensch verstarb mit Ende 70, am liebsten zu Hause, beim Singen der Nationalhymne. Bis auf einige Erkältungen, eine Blinddarmoperation war er gesund, falls er das Glück hatte, in einem westlichen Land geboren worden zu sein. Und ein Mann zu sein, denn die meisten Ärzte und Forscher waren Männer, die sich in ihrer Arbeit vornehmlich dem eigenen Geschlecht widmeten.

Es gab auch zu jener Zeit Fettleibige und Säufer, aber es war dem Kollektiv egal, denn das Gesterbe war Privatangelegenheit.

Heute sind wir im Gefängnis der kollektiven Kontrolle gelandet. Gesund. Bleib schön gesund, lang sollst du leben. Richtig lang lebt doch keiner. Ob er nun 70 wird oder 90, dafür aber fünf Jahre Intensivmedizin, was macht das schon. Es ist eine jämmerlich kurze Zeit, die wir mit Ärgerlichem füllen. Kein mir Bekannter ist an mangelndem Joggingehrgeiz gestorben, alle sterben an Krebs. Einer nach dem anderen. Da stimmt doch was nicht. Das kann doch nicht richtig sein, dass wir zum Sport genötigt werden, wie ungezogene Schulkinder, und alle dennoch an Krebs sterben.

Diktatur des Kapitalismus

Und doch wird der Terror immer stärker, die Vorschriften, die Übergriffe vom Staat in Privates, ist die Diktatur des Kapitalismus mit Demokratie zu vereinbaren? In fast allen westlichen Ländern sind die Kosten im Gesundheitswesen ein politisches Dauerthema mit immer neuen, überraschenden Schuldzuweisungen. Die Raucher. Die Dicken. Die Dünnen. Vermutlich beeinflusst auch das Tragen langen Haars die Gesundheit. Fest steht aber auf jeden Fall: Der Mensch ist ein wandelndes Gesundheitsrisiko.

Der Zustand des Körpers ist der Verantwortung des Einzelnen entzogen und der kollektiven Verantwortung zugeführt worden.

Wie die kollektive Verdammung funktioniert, das Entsetzen in den Blicken Fremder, wenn man erwähnt, man würde Sport verweigern, einfach weil man alt sei, das Ende absehbar. Es gibt - möchte man den aggressiven Sportfanatikern, und ich meine weder Profis noch Menschen, die abends Dehnungsübungen machen, sondern euch, die ihr auch ständig mit Wasserflaschen herumrennt, die ihr euch unsterblich wähnt - noch andere Arten, sein Leben herumzubringen.

Man kann Musik machen, Theater spielen, kiffen, malen, Karten spielen - man kann eigentlich alles, solange man andere nicht belästigt damit und sein kleines Leben nicht über andere erhebt. Man muss den Verfall nicht forcieren, es macht keinen Spaß krank zu sein und hinter einem Tropf durch Krankenhausgänge zu rollen, aber man kann ihn nicht aufhalten. Man wird auch mit der Einhaltung aller Regeln sterben. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute fällt mir, die lieben Leser werden es ahnen, wie immer nicht ein.

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