S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Der direkte Draht zum Künstler ist ein Witz

Ist das Urheberrecht ein Relikt aus vordigitalen Tagen? Der Streit um Acta jedenfalls ist auch ein Kampf von Jung gegen Alt. Doch wer meint, die Generationen sollten einander jetzt sogar den Krieg erklären, muss wissen: Am Ende gewinnen nur die Idioten.

Draußen herrscht Krieg. Die Alten gegen die Jungen. Die Erfolgreichen gegen die, die es schwer haben werden, weil sie zu viele sind. Keine Seite hört der anderen zu, wie immer, wenn sich Fronten bilden.

Da sind die Internetauskenner, die glauben, mit dem Erwerb der neuesten Apple-Produkte oder der Beherrschung von Super-Android-Geräten automatisch eine Garantie gegen das Altern ausgestellt bekommen zu haben. Und die Alten, alles vor Jahrgang 75, die sich über das Internet freuen, aber noch ohne mobile Telefone aufgewachsen sind. Sie streiten über Acta.

Die nach 75 ergehen sich in Spitzfindigkeiten, die eigentlich nur sagen: Wir kennen uns im Internet aus, wir kennen uns aus, wir haben etwas Eigenes. Endlich. Nehmt uns das nicht auch noch weg. Alles nehmt ihr uns weg, alles, was wir uns ausdenken, fresst ihr, verpackt es und verkauft es, ihr alten, satten Idioten.

Die alten, satten Idioten interessiert Acta kaum. Es sei denn, sie sind Künstler. Musiker. Schauspieler. Autoren. Dann sind sie genervt. Sie wollen sich nicht 500-seitige Gesetzentwürfe durchlesen, sie wollen nicht darüber streiten, sie sind müde.

Ein satter Shitstorm ergoss sich über Sven Regener, der bei einem Interview sagte, was die Alten befürchten. Der geile Geiz der Internet-User frisst die Rente der alten Künstler. Die, die meist ihr Leben am Rande der ordentlichen bürgerlichen Gesellschaft verbrachten, weil sie nicht in lahmen Laufbahnen funktionieren konnten oder wollten. Die, die fast immer weniger Geld hatten als der Angestellte, der sich mangels Talent oder Illusion in eine Versicherungsagentur verdrückt hat, merken, dass sie immer mehr arbeiten, je älter sie werden. Und dass immer weniger hängenbleibt. Und das soll ihnen jetzt auch noch geklaut werden.

Oder er, der müde Künstler, soll sich neben seiner Kunst, die seinen Kopf explodieren lässt, zusätzlich noch überlegen, wie er das Zeug loswird. Klaugeschützt. Genug Fuck-u-Money hat doch keiner verdient, also noch mal auf Tour, mit 60, damit die Hütte bezahlt wird.

Die Jungen sind sauer. Sie müssen mit diesem, von den Alten verdorbenen Planeten weitermachen. Es gibt keine Sicherheit mehr. Kein Sichausruhen irgendwann, es sind zu viele, und sie sind alle hier. Jetzt, auf dieser Welt. Diese Alten. Deren Musik man doch gar nicht mehr hören mag, weil man seine eigene hat. Deren Bücher man nicht liest, wer liest denn Bücher. Und das sind alles Kapitalisten. Die sind doch in der Zeitung und im Fernsehen, die müssen doch Geld scheißen.

Doch die Alten beginnen sich zu ereifern, sagen, dass da doch keine Millionen verdient werden. In den Verlagen, wo unterbezahlte Frauen arbeiten, in den Plattenfirmen, wo die Angst umgeht, beginnen sie von sich zu erzählen, von den Bruchstellensummen, die sie an CD und Buch verdienen.

Da verdrehen dann die Jungen die Augen. Jammernde Opfer! Preisen den direkten Draht von Künstler zu Verbraucher. Doch der? Ist ein Witz. Ich habe aus Versehen ein BoD-Buch gekauft. Es zu lesen, war wie einen Verkehrsunfall zu beobachten. Super Sache, so ohne Lektorat.

Internet-Fake Lana del Rey fiepst sich durch YouTube, die Zeitungen können sich keine langen, guten Reportagen mehr leisten. Kunst muss schnell sein, flach sein, funktionieren. Dann ist das eben so, dann ist das die neue Welt, ist das, was die Jungen wollen. Und wir Alten eben nicht mehr. Machen wir Krieg, wie er zwischen Generationen üblich ist.

Doch ich versichere Ihnen jetzt schon: Es gewinnen nie Junge oder Alte. Die Idioten werden siegen.

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