S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Ja, wie geschickt sie das anstellt!

Die ist so nett. So sympathisch. So unaufdringlich. Aber immer klar. Deutlich. Und vor allem: immer sachlich. Sie ist die große Umwälzmaschine im zarten Gewand: Ursula von der Leyen.

Eine Kolumne von Silke Burmester


Sie hätte auch Umweltministerin werden können oder Verkehrsministerin. Dann wäre es die Umwelt, die familienfreundlicher werden müsste - oder die Autobahn. Es ist komplett egal, welches Ressort, Ursula von der Leyen hat eine Zauberformel für ihr politisches Wirken und die heißt "Familie ".

Es ist die alte CDU-Haltung im modernen Gewand. So modern, dass manche CDUler noch nicht einmal erkennen, wie linientreu von der Leyen ist. Aber es ist nicht der Verkehr oder das Agrarwesen, das die 55-Jährige "familienfreundlicher" gestalten möchte, sondern die Bundeswehr. Und wenn man sich vor ein paar Wochen gefragt hat, warum die Politikerin, die viele als das nächste Kanzlergeschoss der CDU sehen, sich ausgerechnet das Verteidigungsministerium für ihr Wirken gegriffen hat, dann ergibt ihre Ansage, die olle Einrichtung "familienfreundlicher" machen zu wollen, den Sinn, der zunächst im Nebel blieb: Sie bringt die Truppen hinter sich. Wir kennen das aus der Geschichte: Wer regieren will, sollte das Militär im Rücken haben. Nicht vor der Brust.

Und wie geschickt sie das anstellt! Ein Blick in den Bericht des Wehrbeauftragten genügt, um zu wissen: Die Soldatinnen und Soldaten sind frustriert. Einem Sozialleben entgegenstehende Schichtdienste, unnötiges Nixtun und Rumhängen in der Kaserne, unerfreuliche Einsätze in fremden Kulturen, zu wenig Disco. Man hätte die Ergebnisse auch anders lesen können: Material zu alt, die Wummen zu krumm, nicht genügend Action. Also tolle Gadgets anschaffen, damit das Kriechen durch den Wüstensand und die Lüneburger Heide mehr schockt.

Eine Mischung aus Kasernenhof und Phantasialand

Aber nein, Ursula von der Leyen kommt mit dem um die Ecke, das man am wenigsten erwartet. Hatte man bislang denken können, zum Töten bereitzustehen und Familie wären Gegensätze wie Krieg und Frieden, nimmt von der Leyen dem Übel "Bundeswehr" einfach seinen Schrecken durch das hübsche Wort "Familie".

Daraus entsteht eine Mischung aus Kasernenhof und Phantasialand: Frauen und Männer, die ihre Arbeitszeiten im Dialog mit den Vorgesetzen ihrer familiären Situation entsprechend ausrichten, betreten motiviert und gut gelaunt das Kasernengelände. Mit dem Fahrrad kommen sie morgens aus der angrenzenden Siedlung herbeigeradelt und bringen ihren Nachwuchs in die kaserneneigene Kinderbetreuung, die von 6 bis 22 Uhr geöffnet hat. In der Mittagszeit nehmen sie das Angebot der "Angehörigenstunde" wahr, auch die ein Teil des neuen Arbeitszeitmodells, und besuchen ihre demente Mutter. Sie wird gleich neben dem Hort im Altersheim liebevoll von estländischen Fachkräften und jungen Menschen im Sozialen Jahr betreut.

Beim Gang zur Mutter fällt der Blick auf die Kinder, die ausgelassen auf dem großen Areal herumtoben. Manche haben sich einen der Minipanzer geschnappt und kurven durchs Gelände, andere hüpfen auf einem Bein bei "Himmel und Hölle". Hier ist für Bewegung gesorgt, die elterliche Angst vor Dickleibigkeit und motorischer Unterentwicklung verfliegt im Angesicht der Kletterwände und Parcours. In lustigen Wettbewerben robben die Kinder unter Drähten durch oder überwinden Hindernisse. Auch im Matsch dürfen sie sich suhlen und für die Erlernung der Konzentration in diesen hibbeligen Computerzeiten gibt es zwei Mal in der Woche Schießübungen. Für die Schulkinder ist Hausaufgabenhilfe selbstverständlich. Auch ein großer Supermarkt gehört zum Angebot, er bietet bis 23 Uhr alles, was eine Familie braucht, vom Vollkornbrot bis zum Kloreiniger.

Unter von der Leyen braucht die Bundeswehr nicht länger Anzeigen in Jugendzeitschriften zu schalten, um ihre streitbare Existenz als "Adventure Camps" mit "Team Challenge" zu camouflieren und verzweifelt um Nachwuchs zu werben. Unter von der Leyen wird die Bundeswehr zu "einem der attraktivsten Arbeitgeber in Deutschland" (von der Leyen). Und all das, was sie ist, eine Organisation, die das Töten lehrt, die Gehorsamkeit einfordert und Feindbilder schafft, gerät in den Hintergrund. Die Bundeswehr wird zur fröhlichen Gemeinschaft mit Chorangebot und Aufstiegschancen für Frauen, in der sich die ganze Familie wohl fühlt.

Unter Ursula von der Leyen wird das Wort "Militär" im Zusammenhang mit der Bundeswehr verschwinden. Auftauchen werden dankbare, zufriedene Bürger, die bereit sind, jeden noch so grotesken Auslandseinsatz als "humanitäre Hilfe" oder "Verteidigung der Freiheit" wahrzunehmen. Glückliche, sorgenfreie Bürger, die keinen Zweifel daran haben, dass eine Frau, die solches bewirken kann, Kanzlerin sein sollte.



insgesamt 194 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Observer 19.01.2014
1. Da ist was dran.
Und gefällt mir besser als der Versuch, preussische Ideale ins 21. Jahrhundert zu befördern.
jj2005 19.01.2014
2. Volltreffer
Zitat von sysopDie ist so nett. So sympathisch. So unaufdringlich. Aber immer klar. Deutlich. Und vor allem: immer sachlich. Sie ist die große Umwälzmaschine im zarten Gewand: Ursula von der Leyen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/s-p-o-n-kolumne-von-silke-burmester-ueber-ursula-von-der-leyen-a-944278.html
Kompliment, Frau Burmester - eine präzise Analyse. Und ja, sie wird Kanzlerin, sobald Angie etwas amtsmüde wird...
olddreamer 19.01.2014
3. Warum auch nicht?
Diese Frau hat mit Sicherheit mehr Chuzpe als viele ihrer Kollegen.
bresson1 19.01.2014
4. vfL ist eben festgefahren in einer ganz banalen Sicht- und Verhaltensweise
aus vdL - Sicht: sie macht halt genau mit dem (einzigen) Stiefel weiter, der sich in ihrer Laufbahn (bisher) bewährt hat, nämlich ihre Lebensrolle "Mutter der Nation" vorzuspielen. Wirkliche Arbeit, echte thematische Aufbereitung, Konzept und Strategie und vor allem reale Ergebnisse? Pustekuchen - eine Mutter konzentriert sich auf das Wohlfühen und heimelige Wärme am nährenden Busen.
wolfgangreusch 19.01.2014
5. Man muss nicht immer ...
...eine Persiflage draus machen, liebe Medien ... Es ist ja klar, dass Journalisten, die nunmal keine Zeit- oder Berufssoldaten sind, sich das alles nur schwer vorstellen können. Ich bin im 19. Jahr Soldat und sage immer : Wir sind ein Großunternehmen wie viele andere in Deutschland, mit dem Unterschied, dass unser Produkt "Sicherheit" heißt und nicht so richtig mit Händen zu greifen ist. Die Menschen, die beider Bundeswehr arbeiten, haben keine anderen Bedürfnisse als anderswo. Sie haben Kinder, machen Urlaub, konsumieren, haben mal mehr und mal weniger Sorgen. Die Belastung ist dann sehr hoch, wenn es um die Einsätze geht. Dann tut Entlastung Not. Und dass die Ministerin das nun anpacken will, auf höchster Ebene und nicht nur, weil sich hier und da lokal engagierte Menschen gegen die furchtbare Bürokratie in der Bundeswehr durchsetzen, ist zumindest für uns Mitarbeiter ein Lichtblick. Nur blöd, dass das so gar nicht dem medialen Bild vom tumben, kriegsgeilen Soldaten entspricht. Worüber soll man noch schreiben wenn herauskäme, dass dort ziemlich normale Menschen arbeiten? Also bitte: Nicht einfach Ex Cathedra einen solchen Artikel in den Orbit semmeln, vielleicht einfach mal an einen Standort fahren und mit den Menschen dort reden. Ist anstrengend, ich weiß ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.