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18. Januar 2001, 17:38 Uhr

Saatchi Gallery

Zwischen Glamour und Gosse

Von Gunnar Luetzow

Die Ausstellung "I am a camera" in der Londoner Saatchi Gallery untersucht die Beziehung zwischen Fotografie und Malerei und konfrontiert amerikanische Wohlstandswelten mit englischem Elend.

Zwischen Fotografie und Malerei: "Lois" von Jason Brooks

Zwischen Fotografie und Malerei: "Lois" von Jason Brooks

Nein, zur Familie Billingham möchte man lieber nicht gehören. Und so, wie es bei ihr zugeht, würde man sogar eine Einladung zum Tee dankend ablehnen. Der offensichtlich von einem Leben unterhalb der Armutsgrenze gezeichnete Vater Billingham macht weder erschöpft im halb verwüsteten, halb verdreckten Klo noch im freien Fall in Richtung Wohnzimmerboden einen guten Eindruck. Betrunken, tätowiert und von der Wohlfahrt eingekleidet, sieht man ihn mit seiner ebenfalls tätowierten und schwer übergewichtigen Frau streiten oder sich, nachdem Blut vergossen wurde, wieder vertragen.

Jetzt sind diese von Sohn Richard Billingham aufgenommenen Bilder eines alltäglichen Terrordroms in der Londoner Saatchi Gallery ausgestellt. Der Titel "I am a camera" ist gut gewählt, da er mehrfache Deutungen zulässt: Einerseits wird in den Bildern von Jason Brooks und Kristina Calabrese mehr oder weniger erfolgreich die sich seit den späten sechziger Jahren wandelnde Beziehung zwischen Malerei und Fotografie befragt, andererseits wird der Zeitgeist auf den Punkt gebracht - jeder beobachtet seine Nächsten wie sich selbst.

Maskiertes US-Familien-Idyll: Gearons im Urlaub

Maskiertes US-Familien-Idyll: Gearons im Urlaub

Wie Tierney Gearson mit ihren Familienfotos: So also verbrächte die obere amerikanische Mittelschicht ihre Ferien am Meer, in den Bergen und im geräumigen Garten. Doch mit derselben Deutlichkeit, mit der sich bei den Billinghams die Armut in Behausung, Bekleidung und Benimm festgefressen hat, legt der Wohlstand der Gearsons eine wohlgenährte Aura über die Aufnahmen. Dennoch scheitert hier der bemühte Versuch der Fotografin, mit dem Einsatz von Masken die surreale Dimension des eigenartigen Planeten "Suburbia" zu entlarven. Immerhin liefern die Bilder den Hintergrund für Duane Hansons beeindruckende Skulpturen, die auf das andere, das arme Amerika hinweisen: Der einsame alte Mann auf der Bank, die Putzfrau oder die an der Grenze zur "Bag Lady" lebende Rentnerin.

Unüberbrückbare Widersprüche lassen sich auch bei Nan Goldins Foto-Installation "Thanksgiving" finden. Sie zeigen das Lebens einer Bohème, die auf der Suche nach Intensität nichts auslässt. "Liebe ist unmöglich / in ihrer Umkehrung unendlicher Schmerz / dazwischen leben wir" steht an der Wand eines heruntergekommenen Zimmers, das stark an die Achtziger-Jahre-Hausbesetzerszene erinnert. Ob die einstmals weißen Tapeten durch Action-Painting oder Schlimmeres ihr blutig-rot-gesprenkeltes Aussehen erhalten haben, möchte man lieber gar nicht wissen. Zum Alltag von Nan Goldins Freunden gehört der hastige Austausch von Körperflüssigkeiten genauso wie die Heroinspritze. Zwischen Heirat und Beerdigung bleibt den Abgebildeten noch immer genug Zeit für eine häusliche Schlägerei, deren Folgen die Bilder schonungslos dokumentieren.

Entlarvende Hochglanz-Bilder: Jessica Craig-Martin

Entlarvende Hochglanz-Bilder: Jessica Craig-Martin

Das schlichte Bild eines Hotelfrühstücks wirkt dazwischen schon wie das Versprechen eines besseren Lebens, bis man bei genauerer Betrachtung Jessica Craig-Martin entdeckt, eine amerikanische Vogue-Fotografin, die von Berufs wegen zwischen der High Society von Cannes, Los Angeles und New York herumjettet. Sie zeigt in dieser Schau schonungslose Aufnahmen, die es niemals auf die Hochglanzseiten geschafft hätten. Die unter dickem Make-up verborgenen Falten, die opulenten Büfetts und der zur Schau gestellte Schmuck machen deutlich: Zwischen Arm und Reich liegen immer noch Welten.

"I Am a Camera" bis 25.3. in der Saatchi Gallery, 98a Boundary Road, London NW8, Do-So 12-18 Uhr

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