Saint-Laurent-Auktion Schnäppchen-Show für Millionäre

Verkaufsspektakel der Superlative: Die Kunstsammlung des verstorbenen Designers Yves Saint Laurent wird bei Christie's versteigert. Antiquitäten, Tafelsilber und Gemälde sollen 300 Millionen Euro erzielen - in besseren Zeiten hätten es 500 Millionen sein können.


Jonathan Rendell erinnert sich noch genau an das erste Mal, als er die Wohnung von Yves Saint Laurent am linken Seine-Ufer betrat. "Eine außergewöhnliche Erfahrung", sagt der Deputy Chairman des Auktionshauses Christie's in New York. "Es war unmöglich, irgendetwas zu finden, was nicht großartig war."

Sechs Monate ist das jetzt her. Im Juni 2008 ist der legendäre französische Couturier gestorben. Wenige Wochen später kündigte sein Lebenspartner und Manager Pierre Bergé an, die umfangreiche Kunstsammlung zu versteigern, die die beiden im Laufe von 50 Jahren zusammengekauft haben. Rendell: "Bergé will dieses Kapitel seines Lebens abschließen."

Die Entscheidung löste eine Euphorie aus, die der rezessionsgeplagte Kunstmarkt dringend braucht. 800 Stücke stehen zum Verkauf - so viele, dass für die dreitägige Versteigerung vom 23. bis 25. Februar im Pariser Grand Palais gleich fünf Kataloge gedruckt werden mussten.

Noch nie in seinem Berufsleben habe er eine so großartige Sammlung verkauft, schwärmt etwa der Präsident von Christie's Europe, Jussi Pylkannen. Es sei "eine breite Auswahl vom Feinsten". 200 bis 300 Millionen Euro sollen die Schätze einbringen. Es ist die weltweit größte Kunstauktion seit Jahren, britische und französische Medien sprechen gar von der "Auktion des Jahrhunderts".

Saint Laurent und Bergé waren obsessive Sammler - von Gemälden und Skulpturen über deutsches Tafelsilber hin zu englischen Wandteppichen und Art-déco-Möbeln. Jeden Winkel ihrer zahlreichen Wohnhäuser in Frankreich und Marokko stopften sie mit Kunst voll.

"Man konnte sich in den Wohnungen kaum bewegen", bemerkt der Skulpturenexperte Donald Johnston süffisant. Viele Stücke soll der Modedesigner bei Schaufensterbummeln spät in der Nacht entdeckt haben. Im Londoner Stammhaus von Christie's sind nun für wenige Tage rund 70 Highlights aus den beiden Pariser Wohnungen des Paars ausgestellt. Zur Vorbesichtigung hat das Auktionshaus Experten aus aller Welt eingeflogen und überhäuft die Pressevertreter mit Superlativen.

Ein Mondrian hängt an der Wand, "Composition avec Grille 2". Noch nie habe er so einen Mondrian verkauft, sagt Thomas Seydoux von Christie's Paris. Im Unterschied zu den meisten Bildern des Niederländers habe dieses nicht restauriert werden müssen. Es sei original und daher "extrem rar". Der geschätzte Preis: 7 bis 10 Millionen Euro.

Wenige Schritte weiter hängt ein Matisse, "Les Coucous", mit dem der Franzose seine orientalische Phase einleitete. Das Bild soll Sammlern 12 bis 18 Millionen Euro wert sein. Das teuerste Gemälde im Angebot dürfte ein Stillleben von Picasso sein, 25 bis 30 Millionen Euro soll es einbringen.

Auf 180.000 Euro taxiert, aber nicht weniger spektakulär, ist der "Lüneburg-Pokal". Der 113 Zentimeter hohe Silberbecher von 1645 sei die "Mutter aller Pokale", tönt Johnston. Ein Zeitgenosse soll bei seinem Anblick ausgerufen haben: "Da kann man ja ein Baby drin baden." Johnston sagt: "Größere gibt es nur im Kreml."

Diese Begeisterung der Christie's-Leute entspringt auch der Not. In der Wirtschaftskrise sind ihre Verkaufskünste gefragter denn je. Der Umsatz des 1766 gegründeten Traditionshauses ist jüngst um 30 Prozent eingebrochen, ein Viertel der 800 Mitarbeiter in London muss in den kommenden Monaten gehen, in New York wurden bereits 80 Stellen gestrichen. Die russischen Oligarchen und andere neureiche Boom-Profiteure, die die Preise hochgetrieben hatten, haben ihre Vermögen schwinden sehen.

"Der Kunstmarkt durchläuft gerade eine Periode der Neubewertung", formuliert Rendell vornehm. Die Saint-Laurent-Auktion soll den Markt aus der Depression rütteln, Rendell spricht von einem "Lackmustest". "Besonders interessant wird sein, woher die Käufer kommen."

Rendell hat die Verkaufsshow in den vergangenen sechs Monaten mit Bergé zusammen vorbereitet. Superreiche VIP-Kunden hat er persönlich durch die beiden Pariser Wohnungen geführt - sie durften sich die Stücke an ihren Originalplätzen angucken. "Einer ist für einen Tag aus Singapur eingeflogen", erzählt Rendell. "Natürlich im Privatjet."

Laut "Economist" hatte ein Interessent aus Abu Dhabi sogar angeboten, die komplette Sammlung zu kaufen. Bergé lehnte ab - er fand das zu intim. Aus dem gleichen Grund wollte er sie auch nicht in ein Museum geben, sondern die Stücke in alle Welt verstreuen.

Mit dem Tod seines Lebenspartners sei die Sammlung in dieser Form ohnehin "bedeutungslos" geworden, sagte er kürzlich auf einer Pressekonferenz. Und er wollte sofort verkaufen - egal, wie schlecht der Markt gerade ist. In besseren Zeiten hätte die Sammlung Schätzungen zufolge auch 500 Millionen Euro erzielen können. Aber Bergé ließ sich nicht umstimmen, und die Kunstwelt dankt ihm das.

Die Krise habe auch einen positiven Nebeneffekt, sagt Rendell. Zuletzt habe sich alles zu sehr um die zeitgenössische Malerei gedreht, viele Werke seien überbewertet gewesen. Nun kämen auch andere Kunstformen wieder zur Geltung.

Zum Beispiel zwei mit Leopardenfell bezogene Hocker aus den späten Zwanzigern. Schätzpreis: 2 bis 3 Millionen Euro.



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