Saisonstart am Deutschen Theater Viel Lehm um nichts

"Apocalypse Now" in der Berliner Republik? Von wegen! Anders als Francis Ford Coppola gelang Andreas Kriegenburg bei der Umsetzung von Conrads "Herz der Finsternis" am Deutschen Theater kein Meisterwerk. Für einen triumphalen Neustart muss Intendant Ulrich Khuon noch zulegen.

Plakative Inszenierung: "Herz der Finsternis" am Deutschen Theater Berlin
Arno Declair

Plakative Inszenierung: "Herz der Finsternis" am Deutschen Theater Berlin

Von Christine Wahl


"Wir sind nicht die Welt", sagte Ulrich Khuon kürzlich in einem Interview. "Und wir sollten nicht unsere Privatneurosen mit der Welt verwechseln." Man kann dem neuen Intendanten des Deutschen Theaters Berlin tatsächlich nicht vorwerfen, dass sich sein Plädoyer gegen die virulente Nabelschau im Theater in goldenen Worten erschöpfte. Khuon, der einen soliden Vorschusslorbeerkranz vom Hamburger Thalia Theater an die Berliner Vorzeigebühne mitbringt, lässt Spielplan-Taten folgen. Globalpolitischer als mit den beiden Auftakt-Uraufführungen - inszeniert von den wichtigsten Hausregisseuren Andreas Kriegenburg und Stephan Kimmig an zwei aufeinander folgenden Abenden - geht es jedenfalls kaum.

Am Donnerstag fragte Kriegenburg mit "Herz der Finsternis", Joseph Conrads berühmtem Expeditionsbericht ins Innere Zentralafrikas, nach Kolonialismus, Ausbeutung und unserer Perspektive auf das "Fremde" schlechthin. Lukas Bärfuss' Stück "Öl", das am Freitag folgt (in Stephan Kimmigs Regie), verlängert diese Thematik in die Gegenwart: Mitsamt Geschäftspartner, Ehefrau und der eigenen unerschütterlichen Überzeugung, das Gute zu tun, begibt sich ein Manager auf der Suche nach Ölvorkommen in ein fiktives Dritte-Welt-Land und findet europäische Profitgier, Verstrickungen, Neurosen.

Das ist theoretisch gut gedacht. Doch der erste Praxistest, Kriegenburgs Conrad-Abend in einer Theaterfassung des Autors und Dramaturgen John von Düffel, zeigt: Es gibt Luft nach oben. Zugegeben: Die Erzählung des Kapitäns Marlow, der im Dienst einer belgischen Handelsgesellschaft per Dampfschiff den Flusslauf des Kongo hinauf reist, hat es in sich. Der Trip in die Fremde wird immer mehr zu einer Reise ins eigene Unbewusste.

Anziehungskraft des Diabolischen

Für eindeutig gehaltene Kategorien wie Gut und Böse, Schwarz und Weiß, Wildnis und Zivilisation lösen sich auf. Vor allem, als Marlow am Ende auf den Elfenbeinagenten Kurtz (Markwart Müller-Elmau) trifft, der seinen Distrikt mit einer unvergleichlichen Brutalität ausbeutet. Kurtz verkörpert mehr eine Denkfigur als eine realistische Person: das Prinzip der absoluten Freiheit, auch von jedweder Moral. Und dass das Diabolische eine sogartige Anziehung ausübt, eine Mischung aus größter Lust und tiefster Abscheu, wissen wir nicht erst seit Sigmund Freud.

Joseph Conrads Meisterschaft besteht darin, diese changierende Faszination und die Auflösung sämtlicher Sicherheiten auch erzählerisch in einer irritierenden Schwebe zu lassen. Und genau hier beginnt das Problem von Kriegenburgs Theaterabend. Wo Conrad flirrend andeutet, bebildert Kriegenburg malerisch und klopft das Unfassliche damit fest. Daran ändert auch die Idee nichts, einen multiplen Marlow ins Rennen zu schicken. Der Kapitän wird gleichzeitig von sechs Darstellern (Natali Seelig, Daniel Hoevels, Peter Moltzen, Harald Baumgartner, Olivia Gräser und Elias Arens) verkörpert. Das übrige Personal schält sich im Laufe des Spiels wechselweise aus diesen Marlows heraus und verschwindet nach getaner Arbeit wieder in ihnen.

Was durchaus interessant hätte werden können, wirkt indes nur wie die Neuauflage eines erprobten Erfolgskonzepts: Schon bei seiner Kafka-Romanadaption "Der Prozess" an den Münchner Kammerspielen, die im Mai als eine der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen beim diesjährigen Theatertreffen gastierte, bot Kriegenburg den Protagonisten Josef K. in siebenfacher Ausführung auf.

Geschniegelt und gebügelt

Spielte der Regisseur dort aber abendfüllend mit den Identitäten, haben die Marlows ihr Pulver hier schon am Anfang weitgehend verschossen. Wie geradewegs aus der Top-Etage eines A-Klasse-Konzerns weg gecastet, stehen sie zu Beginn geschniegelt und gebügelt auf der Bühne, während der Elfenbeinagent Kurtz lehmverschmiert in Unterhosen direkt aus dem "Herzen der Finsternis" einreitet.

Die Marlows beginnen sogleich, sich ihrer zivilisatorischen Insignien zu entledigen, schleudern Jacketts und Hemden von sich und werden im Laufe des zweieinhalbstündigen Abends zusehends lehmverschmierter. Kurtz vollzieht unterdessen folgerichtig die Gegenbewegung, schlüpft in den Anzug und mutiert zum Mediziner.

Die bei Conrad recht komplexe Dialektik vom vermeintlich Wilden und dem angeblich Zivilisierten ist damit gleich zu Anfang in einem plakativen Bild erledigt. Und genauso äußerlich und naheliegend geht es weiter. Kaum berichtet etwa Natali Seelig, die als Marlow Nummer eins vorn an der Rampe den Ich-Erzähler gibt, von angeketteten schwarzen Zwangsarbeitern, streifen sich die restlichen Marlows dunkle Strumpfmasken über, marschieren im Gleichschritt und rasseln dazu im Takt mit einer Kette.

Marlow als Marionette

Ist von Feuer die Rede, lodert aufs Stichwort prompt irgendwo eine Flamme auf. Und die überlebensgroßen, ausgemergelten schwarzen Puppen, die die Bühnenbildnerin Johanna Pfau bald vom Schnürboden herabfahren lässt, tragen auch eher zur naiven Bebilderung als zur produktiven Irritation bei. Mal werden sie von den Marlows wie Marionetten bewegt, dann wieder kriecht die Schauspielerin Olivia Gräser schlammverschmiert aus einem Puppenschoß hervor und wird vom übrigen Personal aggressiv mit Essensbröckchen und Buchseiten gefüttert: Für ein sich stets auf der richtigen Seite wähnendes Entwicklungshilfebusiness, das hier attackiert werden soll, ist das nicht mehr als eine abgegriffene Chiffre. Da wundert es kaum, dass auch Kurtz eher wie der böse Onkel mit Neigung zu Verbalgewalt daherkommt. Vom personifizierten Bösen keine Spur: Der will nur spielen!

Das "Grauen", Joseph Conrads Angriff auf das selbstgewisse westliche Ego, wird an diesem Abend von puren Äußerlichkeiten übertüncht. An der Vorlage kann's nicht gelegen haben: Deren Adaptionstauglichkeit hat Filmregisseur Francis Ford Coppola in seinem Meisterwerk "Apocalypse Now", die das "Herz der Finsternis" mit dem Vietnam-Krieg kurzschließt, mehr als bewiesen. Also müssen für einen triumphalen Berliner Neustart das Deutsche Theater und Kriegenburg zulegen. Der gebürtige Magdeburger arbeitete Anfang der neunziger Jahre bereits an der hauptstädtischen Volksbühne und verließ die Stadt als ein von Publikum und Kritik nicht eben pfleglich Zerrupfter. Nächste Woche wartet die nächste Chance: Kriegenburg legt mit Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" nach.



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