Salzburger Festspiele Don Juan und die Hühner

In Salzburg geht das Gedenken an den Ersten Weltkrieg weiter: Der Regisseur Andreas Kriegenburg zeigt Horváths "Don Juan kommt aus dem Krieg". Der reale Schrecken wird dabei zum wunderschönen Schauermärchen.

Salzburger Festspiele/ Monika Rittershaus

Der eine Mann behandelt Frauen wie Wegwerfwaren: Don Juan benutzt die vielen Frauen, die ihm begegnen, eher routiniert als enthusiastisch - und entsorgt sie dann ohne Mitgefühl. Stößt sie fort, lässt sie an sich abprallen. Oder wendet sich gleich ab, selbst wenn sie sich ihm breitbeinig in den Weg legen.

Der andere Mann behandelt Frauen wie Recycling-Material: Ödön von Horváth sah für sein Stück "Don Juan kommt aus dem Krieg" neun Schauspielerinnen in 35 Rollen vor, "es gibt nämlich keine fünfunddreißigerlei Frauen, sondern bedeutend weniger. Die gleichen Grundtypen kehren immer wieder." So sieht es Horváth. Kaum wird eine Frau von Don Juan fallengelassen, wirft sich ihm dieselbe Schauspielerin also in einer anderen Verkleidung wieder an den Hals.

Der Regisseur Andreas Kriegenburg, dessen Inszenierung von "Don Juan kommt aus dem Krieg" am Sonntag bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte, betont die angebliche Austauschbarkeit der Frauen noch, indem er seine neun Schauspielerinnen allesamt weiß schminkt und in sehr ähnliche schwarze Kleider steckt. Immer wieder gackern sie im Kollektiv über die Bühne - kein Wunder, dass Don Juan sich für diese albernen Hühner nicht wirklich interessiert.

Dabei gibt es bei Horváth einen anderen Grund für Don Juans Abgestumpftheit: Der Krieg hat ihn verändert, heute würde man sagen: traumatisiert. Er sucht bei Frauen nicht mehr das Abenteuer, sondern er sucht die Eine, die er zu Beginn des Krieges hatte fallenlassen, die in seiner Phantasie jetzt aber die Einzige geworden ist. Dass sie inzwischen tot ist (was er nicht weiß), ist die bittere Pointe bei Horváth. In Wahrheit nämlich, so lässt sich "Don Juan kommt aus dem Krieg" lesen, sucht der Titel-Antiheld nicht die Liebe, sondern den Tod - der Thanatos hat über den Eros gesiegt.

In Gasmaske in der Asche marschieren

In Kriegenburgs Salzburger Inszenierung gehen solche Aspekte im schaurig-schönen, pseudo-poetischen Getümmel unter. Die Schrecken des Krieges erledigt der Regisseur, der wie so oft auch sein eigener Bühnenbildner ist, gleich anfangs, als er Don Juan (Max Simonischek) in Gasmaske in der Asche marschieren lässt, die die Spielfläche umgibt. Die Frauen steigen derweil auf Leitern, um einige der von der Decke hängenden Feldpostkarten zu pflücken und vorzulesen. Dabei allerdings überlagern sich ihre Stimmen schon bald so mit Dampflok- und Granatenlärm, dass nichts als ein irritierendes Klangbild bleibt.

Die Postkarten als Reminiszenz an den Krieg sind für den Rest des Abends dann nur noch hübsche Dekoration in einer zwar düsteren, aber wunderbar ausgeleuchteten und zauberhaft nostalgisch kostümierten sepiafarbenen Welt, in der selbst das Blut auf der weißen Schürze der Krankenschwester seltsam dekorativ ist (Kostüme: Andrea Schraad). Wieder ist der Erste Weltkrieg, dem das Schauspiel bei den Salzburger Festspielen in diesem Jahr einen Schwerpunkt widmet, nur "effektvoll inszeniertes Spektakel", wie es der Kollege schon in der vergangenen Woche beschrieben hat.

Beim Nachmittagstee plappern die Damen im Schnellsprech

Den ganzen Abend über vertraut Kriegenburg, der in den letzten Jahren häufiger auch Opern inszeniert hat und zuletzt für seine "Soldaten"-Inszenierung in München begeisterte Kritiken bekommen hat, dem Klang der Worte und der Kraft der Bilder mehr als dem Inhalt.

Er macht aus Horváths Schlaglichtern auf eine Nachkriegszeit, in der alle Verhältnisse verändert sind, eine zum Teil enervierende Sprechoper voller Klischees: Alle Frauen sind fast durchgängig auf der Bühne, wer gerade nicht dran ist in den schnell wechselnden Szenen, singt im Hintergrund, mal eher Sakrales, mal eher sirenenartig. Beim Nachmittagstee plappern die Damen im Schnellsprech, Traute Hoess als Großmutter mit hexenhaftem langen weißen Haar dröhnt wienerisch, Elisa Plüss als kecker Teenager piepst herzallerliebst, und immer, immer spielt die Musik. Nur einmal darf Olivia Grigolli als verarmte Professorengattin echte Verzweiflung zeigen - "Vergiss nicht, dass ich auch nur ein Mensch bin" -, aber auch da tanzt ihre Tochter über die Szene hinweg.

Mag sein, dass dies alles aus Sicht des traumatisierten Soldaten Don Juan erzählt ist, der mit dem "Hurra, wir leben noch" der Zivilisten nichts anfangen kann: ein "Schauermärchen" oder der "Alptraum" Don Juans, wie Kriegenburg es im Programmheft andeutet. Aber für diese Deutung bleibt der Protagonist deutlich zu blass. Dass Max Simonischek mehr kann, als sich mit offenem Mund die Haare zu raufen und taumelnd mit leerem Blick in die Ferne zu starren, um innerliche Zerrüttung zu spielen, hat er in diversen Rollen gezeigt, zuletzt vor allem an den Münchner Kammerspielen. Hier auf der Perner-Insel allerdings wird er zum Pin-up degradiert, dekorativ angeschmuddelt, ein fescher Naturbursche, das Hemd offen bis zum Bauchnabel. Dabei ist er doch der einzige Mensch unter lauter Masken.

Den Kern des Stücks, wie der Krieg die Beziehungen der Menschen verändert, auch wenn er längst vorbei scheint, wird unter einer Ausstattungs- und Einfallsorgie begraben, die sich beim Expressionismus des Stummfilms ebenso bedient wie bei Tim Burton und leider auch oft an Robert Wilsons hochstilisiertes Bildereffekttheater erinnert. So endet dieser Don Juan halbnackt in einem Grab aus Eis, das die Frauen um ihn herum in kleine Stücke gehackt haben: ein Tod im schönsten Kitsch.



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hermannheester 18.08.2014
1. Die Gigolo-Funktion
Zitat von sysopSalzburger Festspiele/ Monika RittershausIn Salzburg geht das Gedenken an den Ersten Weltkrieg weiter: Der Regisseur Andreas Kriegenburg zeigt Horváths "Don Juan kommt aus dem Krieg". Der reale Schrecken wird dabei zum wunderschönen Schauermärchen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/salzburger-festspiele-2014-oedoen-von-horvaths-don-juan-a-986536.html
Sie war bei ausgedienten Kriegshelden besonders ausgeprägt! Das schlägt sich hier nun in einem zeitgenössischen "Kunstwerk" nieder. Frauen als Objekt der Begierde aber auch als Wegwerfware. Sie sind ja "auch nur ein Mann"! Und genau dieser Spruch ist zeitlos gültig. Nicht nur bei Horvath!
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