Weltkriegs-Inszenierung in Salzburg Immer noch Krieg

Sie wollten wissen, wie Menschen den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebten: Mit "36566 Tage" begeistern Studenten das Salzburger Publikum - eine Zeitreise zu Männern, die jung starben. Und zu Frauen, die allein zurückgelassen wurden.

Salzburger Festspiele/ Bernhard Müller

In einem Saal der alten Kaiser-Franz-Josef-Kaserne in Salzburg stehen Feldbetten. Auf jedem davon liegen Fotografien, die verstümmelte Soldaten zeigen: von Granaten und Kugeln zerfetzte Gesichter, ohne Wangen oder Kinn, mit leeren Augenhöhlen. Es sind Bilder von Männern, die überlebt haben. Eine Schwester in weißer Tracht nimmt jeweils eine Krankenakte, liest Namen und Art der Verwundung vor und sagt: "Wir werden Haut von der und der Körperstelle verpflanzen und ungefähr 20 Operationen brauchen, bis der Patient wieder einigermaßen hergestellt ist."

In einem anderen Raum spielen zwei Männer mit einem alten Lederball. Sie sind fußballbegeistert wie viele junge Menschen im Jahr 1914, als in Salzburg der erste Klub gegründet wurde, der damals noch nach Gegnern suchen musste. Die fanden sie dann, allerdings nicht auf dem Rasen, sondern im Feld. Eigentlich wollten sie ja schießen und treffen, doch der Befehl zu "stürmen" hörte sich auf einmal ganz anders, lebensbedrohlich an. Aus dem Spiel wurde Ernst, ohne Regeln und Abpfiff.

In einem dunklen Zimmer blinken Sterne am Plafond. Man sieht den Großen Bären, den Kleinen Wagen oder Kassiopeia: Es ist der Himmel, wie er sich den Salzburgern am 28. Juli 1914 in einer wunderbar klaren Nacht zeigte. Was werden die Menschen damals, zu Beginn des Großen Krieges, daraus gelesen haben? Die Garantie für einen Sieg? Oder den Untergang Österreich-Ungarns?

Ein Salzburger, der diesen Tag und diese Nacht nicht zu Hause miterlebte, kommt zu Wort: Zu blitzendem Farbenspiel ertönt Georg Trakls Gedicht "Grodek", in dem es um sterbende Krieger und tödliche Waffen, um schwarze Verwesung und gewaltigen Schmerz geht. Es ist das letzte Dokument des großen verzweifelten Dichters, der sich auf die Todesspur begab und alleine starb, bevor man ihn zum Sterben an die Front schickte.

Kunstvolles und Banales, Intimes und Hurrageschrei

Wer sich auf die Reise durch die Stockwerke des Thomas-Bernhard-Instituts (das heute in der Kaserne untergebracht ist) begibt, lernt den Krieg, der "36566 Tage" vor dem Premierenabend begann, aus den unterschiedlichsten Perspektiven kennen. Zwei Jahre lang haben Mozarteum-Studenten aus den Bereichen Schauspiel, Regie, Bühnenbild und Komposition in Salzburg recherchiert: Sie wollten wissen, wie Menschen, die damals so alt waren wie sie heute, die Tage des Ausbruchs der Katastrophe erlebten, was sie dachten und empfanden, hofften und fürchteten, was sie unterließen und was sie euphorisch machte.

Sie fanden Briefe von Männern, die jung starben, und Aufzeichnungen von Frauen, die allein zurückgelassen wurden; sie stießen auf Kunstvolles und Banales, auf Intimes und auf öffentliche Lügen, auf leise Töne und bombastisches Hurrageschrei - und immer fanden sie das vorzeitige Ende von Menschen, deren Zukunft nicht in den Plan der großen Politik passte.

Aus dem Material entstanden kleine Theaterszenen, Installationen und Monologe, zusammengestellt zu einem Parcours mit 17 Stationen, die sich der Zuschauer erlaufen muss, was im günstigsten Fall knapp vier Stunden dauert. In kleinen Gruppen und einem Guide folgend geht es durch die Stiegenhäuser des alten Gemäuers oder in den Hof, wo in einer offenen Holzkonstruktion ein nachgebautes Feldlazarett steht. In einem der Räume werden in einem Kaffeehaus Mehlspeisen serviert, während die Schauspielschüler singend und tanzend das Vergessen in schwerer Zeit inszenieren. Oder man findet sich in einer Prozession wieder, angeführt von einem Pfarrer mit Kruzifix, der das Gotteslob im Schlachtenlärm anstimmt und zur letzten Ölung mahnt.

Dieses Stationendrama funktioniert (auch bei unterschiedlicher Qualität der Projekte), weil es nicht mehr will, als ganz persönlich eine Zeit zu hinterfragen, die trotz aller Erinnerungsanstrengungen in diesem Jahr fremd und fern bleibt. Vor allem das Theater hat in den ersten Salzburger Wochen gezeigt, dass ihm nur die Illustration eines großen Stoffes einfällt: Der Krieg findet im Saal statt, als effektvoll inszeniertes Spektakel, völlig ungefährlich für Leib und Wohlbefinden. Das Gezeigte bisher: enttäuschend.

"Produktionen im luftleeren Vergangenheitsraum"

Mit "Die letzten Tage der Menschheit" wagte Regisseur Georg Schmiedleitner nicht mehr als eine harmlose Nummernrevue. Katie Mitchell ("The Forbidden Zone") verlor sich und ihr Kriegsthema völlig im verbissen perfekten Spiel mit den medialen Möglichkeiten und zelebrierte eine Feier des Kunstwerkes im Zeitalter aller nur denkbaren technischen Produzierbarkeiten. Und Ernst Tollers expressiv ätzendes Heimkehrer-Stück "Hinkemann" geriet in der Regie von Miloš Lolic zu einem mutlosen Ringelspiel, bei dem mehr mit der Sprache als mit den Widrigkeiten einer aus den Fugen geratenen Epoche gekämpft wurde.

Diese Produktionen schienen in einem luftleeren Vergangenheitsraum zu schweben: Die schlechte, alte Zeit ist doch immer noch gut für tolle (Bühnen-)Bilder. Und so lag es dann an den Studenten, dass sie die drängenden Fragen an die Historie stellten, Bezüge herstellten zu einer Gegenwart, die sich nicht unbedingt als (aus vergangenen Katastrophen) lernfähig herausstellt. Hier merkte man die Handschrift von Hans-Werner Kroesinger.

Der erfahrene Doku-Theatermacher stand den Studenten als "Mentor" zur Seite und hatte sich bereits im Juni dieses Jahres im Berliner HAU-Theater mit der Produktion "Schlachtfeld Erinnerung" als Spezialist für Sarajevo und die Folgen eingeführt. Wie also funktioniert oder versagt "Erinnern"? Verschweigt und verdreht es nicht Tatsachen, je nach Blickwinkel? Wer verwaltet die Wirklichkeit? Und trügt das Gedächtnis nicht auf Wunsch? Der Attentäter (egal, ob gestern oder heute), ist er ein Schurke oder ein Held? Und überhaupt: Der letzte Krieg auf dem Balkan ist nicht hundert, sondern lediglich ein paar Jahre her.

Wie nah da Irritation und Verwirrung beieinanderliegen, kann man in Salzburg dieser Tage nachlesen. Im selben Programmheft für das Young Directors Project - unter diesem Label laufen sowohl "Hinkemann" wie auch "36566 Tage" - schreibt der junge serbische Regisseur Miloš Lolic 2014, er gebe zu, dass er auf Gavrilo Princip, den Attentäter von Sarajevo 1914, "stolz" sei: "Nicht, weil ich Mörder mag oder die Habsburger hasse, sondern weil Princip ein echter Romantiker war."


"36566 Tage" - Salzburger Festspiele, weitere Vorstellungen: 11. und 12. August.



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