Theresia-Walser-Uraufführung Rechte Parolen und rot-grüne Gutmenschen

Ungefiltert lässt Theresia Walser in "Die Empörten" bei den Salzburger Festspielen eine grün-schwarze Opportunistin auf eine perfide agierende Rechtspopulistin treffen. Das geht gründlich schief.

Barbara Gindl/ APA/ DPA

Empörung an sich ist ja noch nichts Verwerfliches, meinte die Dramatikerin Theresia Walser im Vorfeld der Uraufführung ihres neuen Stücks bei den Salzburger Festspielen. Ohne Empörung keine Demokratie, keine Menschenrechte, kein Klimaschutz, kein #MeToo. Es kommt immer darauf an, in welche Richtung der Groll, die Unzufriedenheit sich Bahn bricht. Denn natürlich ist Empörung nie unschuldig oder immer auf der Seite der Guten. Wütend und aufgebracht sind auch diejenigen, die bei Pegida-Versammlungen Ausländer raus haben wollen oder Fremden gleich eins auf die Mütze geben; die lauthals ihren Unmut darüber äußern, in einem Land zu leben, das sie längst nicht mehr als das ihre (an-)erkennen können oder wollen. Empörung ist ein zweischneidiges Schwert und nutzt und trifft immer einen anderen.

Mit "Die Empörten", eben dem neuen Stück von Theresia Walser, verhält es sich nicht anders. Der Plural im Titel weist schon auf das ganze Dilemma hin: Sie kommen alle dran, sie dürfen alle ihre Thesen und ihren Mist loswerden, dürfen schimpfen wie ordinäre Rohrspatzen und versöhnlich sein wie Ausländerflüsterer. Walser gibt den Gutmenschen ebenso eine Stimme wie den nur leidlich verkappten Nationalen, den Abwägern wie den Totschlägern, den Dummdreisten wie den Opfern. Nur - und das ist die zugunsten heiterer Haltlosigkeit ein bisschen arg versteckte Erkenntnis: Die Vernünftigen sterben aus.

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"Die Empörten": Der Slapstick lauert unterm Deckel

Eine "finstere Komödie" hat die Autorin als Auftragswerk abgeliefert, die ein bisschen funktioniert wie "Immer Ärger mit Harry". Auch hier eine Leiche, die zwar stets im selben Versteck (einer historisch schwer belasteten Kiste) schlummert, die aber jeder für sich und seine politischen Zwecke bzw. Vertuschungen reklamiert. Der Slapstick lauert unterm Deckel und Regisseur Burkhard C. Kosminski lüpft ihn denn auch oft, wie er überhaupt gerne auf dem Boulevard der komödiantischen Beliebigkeiten herumschlittert.

Der Bruder der Bürgermeisterin eines völlig unbedeutenden Kaffs, in dem gerade Neuwahlen anstehen, ist mit dem Auto in eine Menschenmenge gerast. Es gab Verletzte und einen Toten, ausgerechnet einen Ausländer; der Fahrer soll auf Arabisch den Herrn angerufen haben. War er also ein Selbstmordattentäter? So lange das nicht geklärt ist, bleibt er unter Verschluss, mithin verschwunden. So weit, so konstruiert. Eine Geschichte, die logisch nicht ganz funktioniert, dafür aber Raum bietet für alles, was derzeit gesellschaftlich unkorrekt einmal gesagt werden darf.

Die Amtsinhaberin will den Fall vertuschen, ihre Herausforderin für sich ausschlachten. Ihre Wortgefechte sind wie ein Puzzle, bei dem zu jeder hohlen Phrase ein kluger Spruch, zu jeder Beleidigung ("Islamophobe Volkssau") ein Tiefschlag ("Selbstauslöschungsorgasmus im Namen der Menschenliebe") passt. Wenn das Bild fertig ist, haben wir aber nichts anderes als unkommentiert und unreflektiert den bunten und widersprüchlichen Status quo unserer gespaltenen Gemeinschaft vor Augen.

Abgrasen des gesellschaftlichen Wildwuchses

Caroline Peters spielt (im kommunalen holzgetäfelten Interieur, das Florian Etti auf die Bühne gebaut hat) die Bürgermeisterin Corinna Schaad als eine grüne sozial-christdemokratische Machtfigur mit liberalen Manieren, eloquent und schnippisch, garstig und selbstzweifelnd, an der das "Wir schaffen das" wie ein Kaugummi klebt. Ob sie nur ihren Posten halten will oder ob in ihr wirklich noch ein Rest Vernunft nicht ganz abgestorben ist, wird nie so richtig klar. Ihre Gegenspielerin Lerchenberg mit dem Wagnerschen Vornamen Elsa und dem stets versehentlichen Hitler-Schnalzer im rechten Arm reiht genüsslich Parolen aus dem rechten Sumpf aneinander und weiß genau, was das Volk leider denkt. Beide sind übrigens blond und beide sind auch blind, wenn es darum geht, die Wirklichkeit und die, die unter ihr zu leiden haben, richtig einzuschätzen.

Zum Beispiel Frau Achmedi (Anke Schubert), die Witwe des beim "Anschlag" (Elsa) oder "Unfall" (Corinna) getöteten Bürgers, die zwar ein Kopftuch trägt, aber schon immer in dem Kaff zu Hause ist. Eigentlich geht es um Menschen wie sie, aber sie ist nur ein Objekt der politischen Begierden. Noch dazu eines, das sich jeder Hilfe und jeder Aussperrung verweigert: Die ach so verständliche Bürgermeisterin hat sie nie gewählt, weil die sie raussaniert hat aus ihrer "Heimat"; jetzt muss sie mit "Balkanschlampen" zusammenleben. Spätestens an diesem Punkt aber wird klar, dass Theresia Walser bei ihrem Abgrasen des gegenwärtigen gesellschaftlichen Wildwuchses keinen noch so schiefen Halm auslassen wollte.

Zwei (männliche!) Gegenspieler hat das Stück immerhin, die freilich mit ihren Zweifeln an der Anständigkeit der (weiblichen) Meinungsverwalter auch nicht weit kommen. Anton (Sven Prietz), ein weiterer Bruder der Schaad, als windelweicher Jammerlappen mit aufgesetztem Verständnis und eingestandener Gefühlsverwirrung, und das Faktotum Pilgrim. André Jung spielt diesen wetterwendischen Redenschreiber beider Parteien (und ausgerechnet im Landestheater!) als eine Figur von Thomas Bernhardscher Größe und Verzweiflung.

Natürlich gibt es in dieser Realität, die Walser gar nicht zu überspitzen, zu karikieren braucht, keine Lösungen; aber ein bisschen Haltung hätte schon sein können. Erst ganz am Ende dreht Caroline Peters dem Publikum den Rücken zu und sagt das, was schon vom Beginn der "Empörten" an, nach dieser irgendwie auch genussvoll wiedergekäuten und sanktionierten Suada so beunruhigt hat, dass Worte die Schatten der Tat sind.

Aber wahrscheinlich ist es ja auch schon zu spät, denn längst "schlürft und schlammt und saugt es wieder... dieses Es (...), diese Gier nach dem großen Sog ins Gedärm." Nur kurzer Beifall bei der Premiere für die Schauspieler, Buhs für die Autorin.


"Die Empörten". Salzburger Landestheater, 18.-29. August, Salzburger Festspiele.



insgesamt 4 Beiträge
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hannibalanteportas 20.08.2019
1. "Die Vernünftigen sterben aus"
Das trifft es leider.
chjuma 20.08.2019
2. Stimme haben nur die Radikalen
Der Gutmensch verschenkt für den Augenblick der Glückseligkeit seine eigene Lebensgrundlage und staunt dann wenn da welche kommen und das als selbstverständlich ansehen. Die Gegenseite spricht allen anderen die Existenzberechtigung ab. Eines haben beide radikale Seiten gemeinsam, sie haben zu viel Zeit und keine Sorgen, weil sie entweder zu viel verdienen oder sich von (H4) Amts wegen keine Existenzsorgen machen brauchen. Wer schwer arbeitet um Steuern zu zahlen und seine Familie durch zu bringen, wird meistens nicht gehört. Und somit kann ich das Fazit, "die Vernunftbegabten sterben aus", nur teilen.
freddykruger 20.08.2019
3. @chjuma #2
zitat - oder sich von (H4) Amts wegen keine Existenzsorgen machen - zitatende. Diese Aussage ist verachtenswert und zeigt mehr als deutlich welch geistes Kind Sie sind.
slartibartfass2 24.08.2019
4. Wer sind die Guten, wer die Bösen?
In unserer heutigen neoliberalen Ausbeuter- und Selbstoptimierergesellschaft gibt es eigentlich keine Guten und keine Bösen. Ich glaube, das ist es, was uns die Autorin sagen will. Dass die das im Publikum sitzenden Zuschauer nicht hören will, ist doch auch völlig normal.
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