Salzburger Festspiele Ekstasen nach Art antiker Vasen

Peter Stein und Jossi Wieler zeigen in Salzburg Wunderwelten des Theaterschreckens: der eine als reaktionärer Hausmeister im Tempel der antiken Tragödie, der andere als sensibler Menschen-Erforscher. Fazit: Man braucht für große Kunst den Sinn für kleine Gesten.

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Immer wenn man glaubt, es geht nicht mehr, kommt aus der Tiefe des Raumes der Götterliebling Klaus Maria Brandauer. Aber wehe, wenn er nicht höchstpersönlich im Einsatz ist! Dann sieht man unfassbar schlechten Schauspielern beim Kreischen und Glotzen und Blöken zu. So war es beim berühmten "Wallenstein" von Brandauer und Peter Stein in einer Berliner Fabrikhalle im Jahr 2007; so war es beim "Zerbrochnen Krug" dieses Dreamteams im Berliner Ensemble im Jahr 2008. Und so ist es nun wieder in Salzburg bei Steins und Brandauers fast drei Stunden langem "Ödipus auf Kolonos".

Brandauer ist der alte Ödipus und eine böse Zumutung: ein Monstergreis mit ausgestochenen Augen und brüchiger Stimme, ein Zombie der Theaterkunst. Er grunzt und murmelt, er zirpt und gurrt, er quäkt und zetert, er ächzt und säuselt, er schreit und singt. Das ist ein Stück aus dem Theater-Tollhaus, aber natürlich ein ehrfurchtgebietendes Ereignis.

Brandauer präsentiert eine Neuübersetzung des gut 2400 Jahre alten Stücks von Sophokles, die der gute Peter Stein sich höchstpersönlich zusammengesampelt hat aus seiner Kenntnis des Altgriechischen und angeblich ohne Hilfe anderer Übersetzungen. Brandauers Ödipus sagt zum Beispiel: "Es ist ein Unterschied/ Viel reden oder zutreffend."

Nervsprech mit Superstar

Brandauer redet eher viel. Aber er macht es auf seine rührend charmante Art, er bietet die Verzweiflung des Vatermörders und Mutterschänders Ödipus als Virtuosennummer feil. Er kann gar nichts anderes als den brillanten Entertainer: Wenn die Götter den Himmel endlich auf mich fallen lassen, dann soll's mir recht sein, schreit dieser grandiose Leidensmensch in die eitle Zuschauerschaft der Salzburger Festspiele - weil es meinem Elend die Größe verleiht, die es verdient. Und natürlich kriegt er am Ende dafür Premierengetrampel und Premierenapplaus. Rundherum aber ist billiger Schund zu sehen auf der Pernerinsel in Hallein, wo Stein und Brandauer ihren "Ödipus" zeigen. Schauderhafte Kostüme von Moidele Bickel gibt es da zum Beispiel zu bestaunen. Der Darsteller des Athenerfürsten Theseus, der den alten Ödipussi beschützt, heißt Christian Nickel. Er trägt eine reinweiße Priesterkluft und ist ein grotesker, armrudernder Doppelgänger des Volksmusikanten Hansi Hinterseer. Auch die Ödipus-Töchter Antigone und Ismene werden von schlimmen Jungdarstellerinnen in noch schlimmeren Rupfensackgewändern gespielt.

Stein spielt den "Ödipus auf Kolonos" aus mit allen Ekstasen, und er hält sich dabei an die Darstellungen auf antiken Vasen. Ungefähr so spannend wie deren Betrachtung ist der Abend dann auch. Toll anzusehen sind allein die zwölf Chormänner, die Stein wie schon in seiner asbachalten "Orestie" vor drei Jahrzehnten großartig zu immer neuen Schwarm-Formationen anleitet: Gäbe es eine Weltmeisterschaft im Theater-Synchronschwimmen, dann würde dieser im Ganzen doch sehr schreckliche Peter-Stein-Abend eine Goldmedaille verdienen.

Leise, präzise, klug

Was dagegen aus einem Abend mit einem auch eher schwierigen Text werden kann, wenn man ein Ensemble wirklich als Ensemble begreift, zeigt der Schweizer Regisseur Jossi Wieler am Mittwochabend im Salzburger Landestheater mit "Angst" nach einer Novelle von Stefan Zweig. Aber man tut weder Stein und schon gar nicht Wieler einen Gefallen, wenn man sie vergleicht: Sie spielen in zwei verschiedenen Theaterwelten.

Wielers Theater ist leise, psychologisch hochpräzise und intellektuell, ohne kalt zu sein. In "Angst", der neunzig Jahre alten Zweig-Novelle, die Koen Tachelet in Theaterform gebracht hat, erzählt er die Geschichte eines Ehebruchs im großbürgerlichen Milieu: Die Anwaltsgattin Irene Wagner lässt sich nach zwölf ziemlich sorg- und ereignislosen Ehejahren, einer "windstillen Existenz", auf eine Affäre mit einem Musiker ein.

Schon bald wird sie von ihrer Vorgängerin, einer "Proletarierin", die merkwürdigerweise alles über sie zu wissen scheint, erpresst. Erst will die Frau Geld, dann die Handtasche, schließlich den Verlobungsring. Am Ende sieht Irene Wagner, unfähig, mit ihrem Mann zu sprechen, nur noch einen Ausweg: Selbstmord. Erst da verrät ihr Ehemann, dass er die andere Frau engagiert hat, um seine Gattin wieder auf den Pfad der Tugend, zurück zu Mann und Kindern, zu "Eigentum und Geborgenheit", zu bringen.

Wielers Inszenierung verhehlt nie, dass dem Theaterabend ein Prosatext zugrunde liegt voller Beschreibungen von Seelenzuständen und viel innerem Monolog. Weite Passagen lässt er im Original sprechen; die Figuren reden dann auch über sich selbst in der dritten Person. Das schafft für den Zuschauer eine in jüngster Zeit häufiger beklagte Distanz zum Geschehen, auch weil wenig Raum ist für schauspielerische Großtaten. Aber es öffnet einen analytischen Blick auf die Menschen und auf das, was sich zwischen ihnen abspielt.

Die kleinen Gesten sind es, die bei Wieler zählen: Wie André Jung als der behäbige Anwaltsgatte sich zu seinen Kindern auf den Fußboden begibt und dort nach der richtigen Position sucht, immer im Wechsel zwischen selbstherrlich und an sich selbst zweifelnd; wie Elsie de Brauw als Irene Wagner nach einer Party frierend dasteht und sich danach sehnt, dass ihr ihr Mann endlich den Pelzmantel und seinen ganzen Schutz umlegt, sie sich dann aber doch mühsam allein anziehen muss.

Die zwei sind mit jeder ihrer Bewegungen ein durch Gewohnheit entfremdetes Ehepaar. Dazu gibt Stefan Hunstein einen tollen sorglos-verantwortungslosen Liebhaber; Katja Bürkle ist in einer famosen Doppelbesetzung eine grandios burschikose Erpresserin und, gut ausgepolstert, ein ziemlich duckmäuserisches, aber genauso neidisch nach oben blickendes Dienstmädchen.

Und die schlecht gelaunten österreichischen Premierengäste, die motzen, dass da kein Brandauer auf der Bühne steht, sondern nur "lauter unbekannte Deutsche", sollten einfach mal anfangen, sich diese Namen zu merken. Die coproduzierenden Münchner Kammerspiele, von denen dieses Ensemble stammt, sind näher, als sie es wahrhaben wollen.

Bewegende Kulisse

Wielers psychologische Feinarbeit wird unterstützt von Anja Rabes' kongenialem Bühnenbild und ihren Kostümen. Das Eigenheim besteht bei ihr nur aus ein paar weißen, geraden Wänden, die immer schön hell erleuchtet sind. Am Ende allerdings verwandelt sich der feste weiße Holzboden in schwankende Bohlen, und während Irene einen Alptraum hat, leuchtet es unheimlich aus der Tiefe herauf.

Draußen, außerhalb der Wände, ist ein Parcours aus schwarzen Metallstreben aufgebaut, eine unübersichtliche, verworrene Welt voller Hindernisse. Wenn Zweig von einem tarnenden Schleier schreibt, setzt Rabes der Frau eine Sonnenbrille auf - schon ist der Sprung in die Gegenwart vollbracht.

Wie genau sie mit den Kostümen das gemeinte Milieu trifft, fällt vor allem auf in der Szene, als Elsie de Brauw sich in ihrem bunt gemusterten Seidenkleid ins Publikum mischt und ein Plädoyer dafür hält, dass ihre Schuld doch durch die zermürbende Angst vor der Entdeckung längst gesühnt sei: Da steht sie zwischen lauter Doppelgängerinnen, alle mit viel dezenter Kosmetik und noch mehr Selbstdisziplin in Form gehalten, deren Lachen an einigen Stellen ein wissendes ist.

Am Ende zieht Wieler geschickt das heute sehr altbacken und patriarchalisch wirkende Ende von Zweigs Novelle ins Heute. Wo im Text des österreichischen Autors die Erleichterung der Frau im Zentrum steht, dass sie sich endlich ihrem Mann offenbaren durfte, wo also nach seiner großmütigen Vergebung alles wieder gut sein soll, wirft in Salzburg Elsie de Brauw einen skeptischen, sehr distanzierten Blick auf den Mann, der sie mit seinen Psychospielchen fast zu Tode gequält hat.

Wielers Kommentar besteht in einer stummen Schlussszene, in der die Kinder des Hauses, nun verkleidet als der Hausherr und die Erpresserin, eine Puppe malträtieren: Nichts ist gut in der Familie Wagner.



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