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Festspiele in Salzburg: Der Prinz glüht alleine

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Salzburger Festspiele Der Prinz, das verschlampte Genie

Andrea Breths Inszenierung von Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" sollte bei den Salzburger Festspielen den Start in eine neue Ära der Rückbesinnung auf althergebrachte Theatermittel markieren. Es wurde ein Ausflug in eine ferne kriegerische Welt - zu Figuren, die den Zuschauer meist kaltlassen.

Modisch ist die erste Schauspielpremiere des diesjährigen Festivals schon mal ein Glanzstück. Man trägt schwarze, edle, fast bodenlange Stoffe am Hof des brandenburgischen Kurfürsten, die Kostümbildnerin Moidele Bickel hat den Damen und Herren prachtvolle Roben verpasst, der Bühnenbildner Martin Zehetgruber lässt sie häufig auftreten in neonhellem Laufsteglicht vor längsgeriffeltem Milchglas, die Regisseurin Andrea Breth hat ihre Akteure dazu animiert, ihre Rücken kraftvoll durchzustrecken und die Nase bloß ja vornehm hoch zu tragen: Lauter Edelmänner und Edelfrauen sind in diesem "Prinz Friedrich von Homburg" zu bestaunen, der am Samstagabend im Salzburger Landestheater Premiere hatte - nur der Titelheld ist irgendwie ein verschlamptes Genie.

Heinrich von Kleists berühmtermaßen schwieriges Stück handelt von einem gründlich verstrahlten Kriegshelden, der "zu sehr erschüttert" ist, wie es einmal heißt, von fast allem, was ihm widerfährt: ob er nun des nachts im Garten träumt, tags auf dem Schlachtfeld wie ein Berserker kämpft oder seine Geliebte anhimmelt. "Prinz Friedrich von Homburg" erzählt davon, wie ein junger Mann sich anmaßt, selbst in der Schlacht seinen Gefühlen zu gehorchen, dafür nach Kriegsrecht zum Tode verurteilt wird und erst nach vielen Wendungen doch noch Gnade findet. Woraufhin er in Ohnmacht fällt.

August Diehl spielt diesen merkwürdigen Prinzen Homburg als glutäugig in die Gegend starrenden, sehr sympathischen Teufelskerl. Das weiße Hemd pappt ihm schweißnass auf der Heldenbrust, die Haare stehen ihm wirr vom Kopf ab, seine Stimme klingt fiebrig matt. Kein Wunder, dass dieser Held bei seinem strengen Chef, dem Kurfürsten, den Peter Simonischek als gravitätischen Machtmenschen hinpoltert, in Ungnade fällt: Weil der Prinz im siegreichen Kampf die Befehle seines Herrn hitzköpfig ignorierte, soll er nach Kriegsrecht wegen Ungehorsams sterben. Doch dieser Homburg passt, so wie der Schauspieler Diehl ihn irrlichternd hintänzelt, ganz prinzipiell nicht unter seine stets aristokratisch stolzierenden Mitmenschen.

Krieg, Liebesirrsinn, Unterwerfung

Andrea Breths Inszenierung ist die erste Premiere des neuen Salzburger Schauspielchefs Sven-Eric Bechtolf, der sich eine Theaterregie wünscht, die sich auf altmodische Tugenden wie Ehrfurcht gegenüber großen Dichtern und Textgenauigkeit besinnt. Und Breths "Prinz Friedrich von Homburg" fängt auch wirklich sehr streng und konzentriert und packend an. Im Licht von Taschenlampen wird der träumende Prinz auf der fast völlig dunklen Bühne vom Kurfürsten samt Anhang entdeckt und mit einem freundlichen Scherz zu Bett geschickt. Statt in grüner Natur sieht man ihn bald zwischen rauchenden Baumstümpfen in einer Todeslandschaft stehen. Die Nebelschwaden aber geben einen schönen Kontrast ab zu der Klarheit und federnden Präzision, mit der das Ensemble aus Starschauspielern wie Diehl, Simonischek, Hans-Michael Rehberg oder Udo Samel die klug gekürzten Verse Kleists spricht. Wobei wir Zuschauer lernen: Es geht um Krieg, um Liebesirrsinn und um Unterwerfung in diesem Stück.

Leider aber zerfasert der Theaterabend nach dem tollen Anfang schnell. Und das hat damit zu tun, dass hier nur vom Krieg packend erzählt wird. Die Liebe, das große, allen Gesetzen zuwider handelnde Gefühl, die jäh aufwallende Raserei kommen hier so gut wie gar nicht vor. Zwischen dem Prinzen und seiner Prinzessin, der Kurfürstentochter Natalie, sprüht nicht der kleinste Funke.

Die Schauspielerin Pauline Knof spielt das Mädchen Natalie mit dem immer gleichen Ausdruck verschreckter Noblesse. Schmallippig, starr vor Entsetzen, mit stolz erhobenem blondem Haupt sieht sie zu, wie der Prinz bei ihrem Anblick außer Fassung gerät; stocksteif blickt sie ihn an, wenn er von seiner Todesangst erzählt; brav wie eine Musterschülerin bittet sie beim strengen Kurfürsten um Gnade. Und weil die Regisseurin Breth merkt, wie kalt und fern und langweilig dieser Bittgang bleibt, lässt sie den weißhaarigen Kurfürsten plötzlich zum Triebtäter werden: Altersgeil reißt er seine Nichte an sich und drückt ihr einen Kuss auf die Lippen. Die aber guckt wie immer staunend ins Leere. In diesem "Prinz von Homburg" glüht der kleine Prinz stets ganz alleine.

Opfer der eigenen Nerven

Weil ihr zu Kleists Fiebertraum von der Liebe nichts einfällt, führt Breth die Festspiel-Zuschauer in eine Höllennacht aus Niedertracht und Gier und Mord. Die aber bleibt eine bisher künstliche Schreckensvision. Fortwährend beschwört Breth einen Spitzel- und Überwachungsstaat, indem sie einen stummen, bedrohlichen Mithörer auf der Bühne postiert, dann wieder bricht ein General plötzlich unmotiviert in höhnisch-apokalyptisches Lachen aus. Am Ende wird der Prinz das Opfer einer gnadenlos bösen Welt und der eigenen Nerven.

Als er mit verbundenen Augen seine standrechtliche Erschießung erwartet, man ihm die Augenbinde abnimmt und der Kurfürst ihn endlich doch begnadigt, da fällt Prinz Friedrich bei Kleist jäh in Ohnmacht. In Andrea Breths Version aber liegt er tot im Staub Brandenburgs. Man breitet einen Mantel über ihn. Er ist hübsch lang und sehr elegant und schimmert schwarz.


"Prinz Friedrich von Homburg". Regie: Andrea Breth. Weitere Aufführungen bei den Salzburger Festspielen  u.a. am 30. und 31.07., 1. und 03.08.
In der Spielzeit 2012/13 am Burgtheater  in Wien zu sehen.