Salzburger Festspiele Schauer der Schuld

Angst essen Seele auf - das wusste der Schriftsteller Stefan Zweig schon lange vor Rainer Werner Fassbinder. Der Regisseur Jossi Wieler bringt Zweigs Psycho-Novelle "Angst" nun bei den Salzburger Festspielen heraus. Es geht um eine Frau, die ihren Mann betrügt. Und dessen Rache.

Regisseur Jossi Wieler
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Regisseur Jossi Wieler


Warum betrügt sie ihn? Irene Wagner, Mitte 30, fehlt es an nichts. Außer an Aufregung, Abenteuer und Abgründen. Vermutlich ist das der Grund, warum sie sich auf die Affäre mit einem jungen Musiker einlässt, ihre gutbürgerliche Existenz als Anwalts-Gattin mit Villa, Hausangestellten und zwei kleinen Vorzeigekindern - also "Eigentum und Geborgenheit" - aufs Spiel setzt.

Auf dem Weg zum Geliebten überwiegt noch die Lust am Abenteuer, die Angst zerfließt "heiß in einer grüßenden Umarmung". Auf dem Rückweg wird die Frau regelmäßig übermannt von der Angst vor der Entdeckung und vom "Schauer der Schuld".

Und natürlich behält sie mit ihrer Vorahnung recht: Schon bald wird sie erpresst von ihrer vermeintlichen Vorgängerin, einer einfachen Frau, die sie trotz Schweigegeldzahlungen immer weiter verfolgt - solange, bis Irene Wagner keinen Ausweg mehr weiß als in der Apotheke Gift zu kaufen, um sich umzubringen. Sie ahnt noch nicht, welche Rolle ihr Mann bei der ganzen Geschichte spielt.

Perfider Rachefeldzug

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig hat diese beklemmende, psychologisch tiefgründelnde Erzählung vor hundert Jahren geschrieben, vor neunzig Jahren wurde sie veröffentlicht - in jenem Jahr also, in dem in Salzburg, wo Zweig damals lebte, zum ersten Mal die Festspiele stattfanden. Im Jubiläumsjahr hat nun der Schauspielchef Thomas Oberender in seinem Programm dem großen Autor einen kleinen Schwerpunkt gewidmet, souverän ignorierend, dass Zweig mit dem Festival nie viel zu tun haben wollte.

Höhepunkt soll die Uraufführung von "Angst" durch den Schweizer Regisseur Jossi Wieler, 58, werden - einem genauen Seelenerkunder, der neben seinen Operninszenierungen vor allem mit Bearbeitungen komplexer Dramen (u.a. von Elfriede Jelinek) und großer Romane (u.a. von Paul Claudel) bekannt geworden ist.

"Die gesellschaftliche Konvention drängt die Personen zur privaten Lüge", erklärt Wieler zu seiner Sicht auf den Text. Der "Blick in die Innenräume der Seele" von Zweigs Hauptfigur, ihre Verstrickungen und Abgründe, hat für den Regisseur etwas Filmisches: "Das Motiv des Verfolgtseins erinnert an Alfred Hitchcock oder David Lynch." Tatsächlich ist "Angst" mehrmals verfilmt worden; die berühmteste Version ist die von Roberto Rossellini 1954 in München gedrehte, mit Ingrid Bergman in der Hauptrolle. In Salzburg spielt die Niederländerin Elsie de Brauw die Rolle der Irene Wagner.

Wieler interessiert sich allerdings ebenso für den betrogenen Gatten und dessen perfiden Rachefeldzug in "Angst": "Ein Jurist, dem es angeblich immer um Recht oder Unrecht, Wahrheit oder Lüge geht, und der seine Frau so schikaniert, maßt sich die Macht eines strafenden Gottes an."

"Münchner Erzählstil"

Eine Herausforderung ist, wie bei jedem Prosa-Text, die Übersetzung in "Bühnensprache". Zwar enthält Zweigs Erzählung auch Dialoge, vor allem aber innere Monologe der zunehmend verzweifelten Hauptfigur. Wieler kann hier auf einen echten Experten bauen, den Dramaturgen Koen Tachelet, einen langjährigen Mitarbeiter von Johan Simons. Der gebürtige Niederländer Simons ist der neue Chef der Münchner Kammerspiele und als solcher Koproduzent von "Angst".

Die Münchner Kammerspiele haben in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Romanbearbeitungen in ihrem Theater präsentiert und dabei so etwas wie einen "Münchner Erzählstil" entwickelt. Die Fragen, die sich für den Regisseur Jossi Wieler bei solchen Arbeiten stellen, sind jedes Mal wieder neu zu beantworten: "Wie spricht man Figurentexte in der dritten Person? Wie nah sind die Figuren ihrer eigenen Identität?". Das sind Dinge, die man nur mit einer Distanz zwischen Schauspieler und Rolle sichtbar machen kann. "Was heißt es, wenn eine Figur über sich in der dritten Person Imperfekt spricht und trotzdem eine reale, gegenwärtige Emotion verkörpern soll?" Was es wirklich heißt, versucht Jossi Wielers Ensemble gerade bei den Proben herauszufinden; für das Salzburger Publikum wird es ab Mittwoch zu entdecken sein.


"Angst". Uraufführung am 28.7. im Salzburger Landestheater. Auch am 30. und 31.7., sowie 2., 3., 5., und 6.8., Tel. 0043/662/804 55 00, www.salzburgerfestspiele.at
Ab November an den Münchner Kammerspielen.



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