Salzburger Festspiele Wenn die Musik in Fetzen geht

Seine Musik öffnet Räume: Bert Wrede gilt als einer der besten Komponisten für Theatermusik. In Salzburg liefert er nun den Soundtrack zu Dostojewskis "Verbrechen und Strafe".

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Auf den Programmzetteln steht er eher weit unten, am Rand, und im Rampenlicht stehen sowieso andere: die Schauspieler und die Regisseure natürlich, manchmal auch die Bühnen- oder die Kostümbildner. Dabei prägt Bert Wrede, 47, die Atmosphäre einer Inszenierung wie kaum ein anderer: Der Soundtüftler komponiert Theatermusik, als einer der besten seines Faches.



In der DDR der Achtziger spielte der studierte Gitarrist Kunstpunk mit der Band Teurer Denn Je, in den Neunzigern avantgardistischen Jazz mit der Band Frigg. Mitte des Jahrzehnts begann er parallel damit, Musik für Film und Fernsehen zu schreiben, für Hörspiele und vor allem für Theater. Regiegrößen wie Michael Thalheimer, Martin Kusej und Dimiter Gotscheff zählen zu seinen festen Auftraggebern.

Bei den Salzburger Festspielen liefert Wrede nun den Soundtrack zu Andrea Breths gigantischer, mindestens viereinhalb Stunden dauernder Inszenierung von Dostojewskis "Verbrechen und Strafe". Premiere ist am heutigen Samstag, 26. Juli.

Nach der ersten Konzeptionsprobe hatte der Berliner 10 bis 15 Titel komponiert: alles konkrete Musikstücke mit Harmoniestrukturen und Rhythmus. "Dann habe ich gemerkt, dass das gar nicht geht - und alles über den Haufen geworfen", berichtet er. Das Ergebnis: ein experimentelles Konzept der Klangsynthese und des Samplings, bei dem Musikfetzen auf ein Sprachgranulat treffen würden. "Die Ideen vom Anfang sind nur noch in einer fernen Spur zu hören."

In den nächsten Wochen folgen Theaterprojekte mit anderen Regiestars: Wrede komponiert den Soundtrack zu Michael Thalheimers Inszenierung von "Was Ihr wollt" und Martin Kusejs Inszenierung von "Der Weibsteufel". Bei Thalheimer, selbst ein ausgebildeter Musiker, würde "so etwas Krudes" wie zurzeit bei Breth nicht funktionieren, sagt Wrede: "Ihm ist wichtig, dass die Musik noch Harmoniestrukturen hat." Meist einigten sie sich recht schnell auf den ersten oder zweiten Entwurf. "Bei Andrea Breth ist das anders, weil sie sehr genau weiß, wo sie hin will. Sie lässt sich nicht so leicht verleiten von einer Musik, die schön ist."

Unabhängig von Regiehandschriften betrachtet Wrede Theater als Teamprozess ständiger Annäherung: "Bis zur Premiere ist alles flexibel, manchmal sogar darüber hinaus."

Das liegt auch daran, dass keine Aufführung völlig identisch mit der anderen ist: Die Schauspieler sprechen mal schneller und mal langsamer, die Umbauten dauern mal kürzer und mal länger. "Deshalb kann ich nie Stücke mit festem Anfang oder festem Ende komponieren", erklärt er. "Selbst wenn etwas schiefgeht, muss die Musik weitergehen."

Anders im Film: Meist reagiert der Komponist erst auf den Rohschnitt, und natürlich liegt die Tonspur am Ende zementiert in der Konserve. Dass Wrede am liebsten für die Bühne arbeitet, hat aber noch andere Gründe: "Theater hat die spannenderen Vorlagen; das ist die größere Literatur. Vor allem bei Fernsehdrehbüchern fällt einem oft schon nach zehn Sekunden der Kiefer runter." Hinzu kommt, dass Filmmusik in der Regel nur die Bilder illustrieren soll - oder der Geschichte über dramaturgische Schwächen hinweghelfen.

Wredes Theatermusik hingegen ist auch dienende Musik, das schon, aber sie öffnet eigene Phantasieräume.


Verbrechen und Strafe. Premiere 26. Juli, weitere Vorstellungen 28. Juli bis 1. August (komplett ausverkauft), Landestheater Salzburg im Rahmen der Salzburger Festspiele;

Was Ihr wollt. Premiere 28. August, weitere Vorstellungen 29. August bis 1. September, jeweils 19.30 Uhr, im Zelt vor dem Deutschen Theater Berlin;

Der Weibsteufel. Premiere 12. September, 19 Uhr, weitere Aufführungen 16., 18., 22. und 29. September, jeweils 19.30 Uhr, Akademietheater Wien.

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