Sandra Hüller als Hamlet in Bochum Wir sitzen alle im gleichen Schloss

Johan Simons inszeniert Shakespeares "Sein oder nicht sein"-Drama. Hamlet ist bei ihm ein Kämpfer ohne Gegner, ein Ausgestoßener - einer von uns.

JU Bochum

Erstaunlich offen, selbstkritisch und zweifelnd hat die Schauspielerin Sandra Hüller im Vorfeld der Bochumer "Hamlet"-Inszenierung über ihre Schwierigkeiten mit der Rolle des Dänenprinzen gesprochen. Er sei "ein nasser Fisch, der einem ständig aus der Hand rutscht", sagte sie in einem Interview; seinen Wahnsinn wolle sie nicht spielen, weil: "Wie sollte man sich Wahnsinn vorstellen?" Es grenzte schon an Tiefstapelei, als sie warnte, man würde in Bochum nur einen Bruchteil des Dramas erzählen: "Wir machen nur einen Vorschlag. Niemand von uns behauptet, er oder sie wisse, wie es geht, 'Hamlet' zu interpretieren."

Am Ende bekommt sie für ihren Vorschlag vom Hamlet stehende Ovationen. Geht das zusammen? Ja. Dieses Zurücknehmen, dieses Eingeständnis des menschlichen und künstlerischen Unvermögens ist nämlich keine Masche. Die Ausnahmeschauspielerin Sandra Hüller, ausgezeichnet u.a. mit dem Titel "Schauspielerin des Jahres" (2013) und mit dem Europäischen Filmpreis (2017), kokettiert nicht mit ihrem Scheitern, sie stellt es in den Mittelpunkt ihrer Interpretation.

Mit offenen Augen in den Abgrund

Ihr "Hamlet" ist so normal, so sensibel, so schwach und so beseelt von dem Wunsch nach Ehrlichkeit und Fairness wie kaum ein anderer Hamlet zuvor. Und wird enttäuscht in einer Welt, die - und nun kommt der Regisseur Johan Simons ins Spiel, der vorab ebenfalls über das "Nicht-Vollkommene" philosophierte - aus seiner Sicht in einem miserablen Zustand ist. Simons scheint es manchmal, als sei der Mensch dazu geschaffen, sich mit offenen Augen in den Abgrund zu stürzen: "Ich bin im Moment nicht sehr optimistisch."

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Sandra Hüller als Hamlet in Bochum: Zweifel sind angebracht

Also schickt er Shakespeares ganze durchtriebene dänische Mischpoke an den Rand dieser Schlucht. Sie tänzeln zwischen Leben und Tod, zwischen Lüge und Wahrheit, Verbrechen und Verbergen. Nervöse Wiedergänger, die aus der Vergangenheit ihres ruchlosen, machtgierigen Handelns auftauchen und ihre Zukunft schon schwinden sehen: Claudius (Stefan Hunstein), als Mörder seines Bruders der neue Herrscher im Schloss und über das Dänenreich, irrlichtert wie ein Verfluchter. Und Gertrud (Mercy Dorcas Otieno), die Witwe des alten und Frau des neuen Königs, wird des falschen Lebens nicht froh. Da ist keine Chance mehr, die genutzt werden könnte für einen guten Ausgang des schlechten Spiels, also brauchen sie ein Opfer, dessen Auslöschung sie erlösen könnte von dem Übel ihrer vertuschenden Sprache und wirklichen Taten.

Ein Kämpfer ohne Gegner, ein Ausgestoßener

Sandra Hüllers "Hamlet" sieht sich ganz in dieser Rolle. Ein Wissender, dem sich die Katastrophe offenbart hat (befallen vom Geist des Vaters gleichen diese Szenen ein wenig einer Teufelsaustreibung) und der nun die quälende Wahl hat zwischen Flüchten und Standhalten: Er könnte reinschlagen in diesen ganzen Haufen korrupter Verwandter, bis gerecht das Blut spritzt, oder sich irgendwie nur noch staunend über den Zustand der aus den Fugen geratenen Welt zurückziehen. Und Hamlet merkt, dass ihm kein Zynismus mehr hilft hier, kein Streben nach brutaler Gerechtigkeit - und Worte der Vernunft schon gar nicht. Selbst die Liebe zu Ophelia (Gina Haller überdreht da die Emotionen bisweilen arg grimassierend) mündet in pures, schneidend sarkastisches Mitleid.

Man sieht diesen Hamlet oft einsam auf der Bühne: ein Kämpfer ohne Gegner, ein Ausgestoßener. Zitternd widersprechen die fahrigen Hände dem Gesagten, die Augen flackern mit Tränendrang, im unsicheren Gang knickt er weg wie eine Gliederpuppe, die dem Spieler aus der Hand gleitet. Im nächsten Moment steht Hüller wieder kaum sichtbar im Abseits, verfolgt ungläubig die Handlung, will gar nicht mehr eingreifen, hat aufgegeben. Ihr Hamlet ist aber kein verträumter Melancholiker, dem die weichen Felle davonschwimmen, er ist ein zutiefst Verstörter, der die Prinzenrolle längst nicht mehr will, dem die Existenz so lästig ist wie das etwas zu weite Beinkleid, an dem dieser burschikose Jüngling verlegen nestelt.

Und das ist die große Kunst der Sandra Hüller: Sie will nicht fulminant sein, kein einziger überragender Star unter den anderen (dass sie als Frau einen Mann spielt, ist so selbstverständlich wie eine dunkelhäutige Gertrud als Mutter eines blond Gescheitelten!) - sie spielt nicht, dass sie sucht, sie weiß wirklich nicht, wohin mit sich und dieser Figur. Sie ringt mit ihr, hinterfragt sie, zügelt sie, widerspricht ihr. Hüller liebt diesen Hamlet und hat Angst um ihn. Er wird ihr - und das ist das ehrlich Traurige an diesem Abend - natürlich am Ende entgleiten.

Das Sein und Nichtsein ist kein hohles Zitat

Konsequent ist es da, dass um Hamlet die beiden Totengräber stets präsent sind. Mal als Glücksboten, mal als Endzeitverkünder: als Clowns sieht sie Johan Simons auf jeden Fall, den einen (Jing Xiang) tollpatschig anrührend, den anderen (Ann Göbel) somnambul ins Leere starrend und auf den Lippen diesen einen Satz, der alles über Hamlet sagt: "Er ist allein."

Das ist übrigens auch die Aussage, die Bühnenbildner Johannes Schütz am meisten mag in dem Drama. Und mit ihm hätten wir dann auch den dritten Skeptiker in dem ganzen "Hamlet"-Unternehmen, das Simons auf drei Stunden zusammengezurrt hat. Schütz' Raum ist eine helle Arena, ein "Weißes Grab für alle", über dem geometrische Symbole pendeln, denen Sinn und Zweck abhanden gekommen zu sein scheinen. Oder sind die vielen silbernen Kugeln am Rand vielleicht doch Totenköpfe? Mit einigen davon wird gekegelt, doch ihre hohlen Geräusche steigern sich ins Dröhnende - man meint, der Erdball rollt und gleich zerschellt er an der nächsten Mauer.

Das Sein oder Nichtsein ist in Simons' spielerisch kluger Inszenierung kein hohles Zitat, vielmehr Programm: Wenn die Schauspieler aus der ersten Zuschauerreihe heraus agieren, dann sind sie ganze Weilen unter uns, verwischen die Grenze zwischen Bühne und Parkett und machen die Sache, die sie da verhandeln, zu unserer. Dieser "Hamlet" ist somit auch die Frage nach der Kraft und dem Auftrag der Schauspielerei überhaupt. Indem alle Akteure ihre Zweifel, nicht an der Vollkommenheit des alten Textes, aber an ihrem eigenen Vermögen, in dessen Tiefen und zu dessen Figuren vorzudringen, zugeben, entbinden sie uns von der Bequemlichkeit, auf Lösungen zu warten und sie präsentiert zu bekommen. Wir sitzen alle im gleichen Schloss.


"Hamlet". Schauspielhaus Bochum, nächste Vorstellungen am 18., 19. und 30.6. sowie 7., 13. und 14.7.

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