Provo-Künstler Santiago-Sierra "Kapitalismus ist Sadismus"

Er zahlte Afrikanern 60 Dollar pro Kopf, damit sie sich ihre Haare blond färben und hat schon mal eine Synagoge in eine Gaskammer verwandelt. In Tübingen zeigt eine Schau das Werk von Santiago Sierra. Setzt der spanische Künstler nur auf billige Skandale? Oder übt er plakative Systemkritik?


Wer in Deutschland in eine ehemalige Synagoge Autoabgase einleitet und Leute dazu einlädt, sich Atemschutzmasken aufzusetzen, damit sie fünf Minuten durch diese Gaskammer spazieren können, darf sich über viel Aufmerksamkeit freuen.

Als feinsinniger Ziselierer ist Santiago Sierra nicht bekannt, er langt lieber zu - und tat es sehr kräftig mit seiner Holocaust-Arbeit namens "245 m³" in Stommeln bei Köln. Der Spanier grätscht sozusagen hinein in die Tabus einer trägen und selbstgefälligen Gesellschaft. So sieht er das. "Niveaulos", urteilte dagegen damals im Jahr 2006 der Zentralrat der Juden. Und Christoph Schlingensief moserte: "Selbst einem alten 'Provokationshasen' wie mir ist das zu platt." Problematisch war die Arbeit auf jeden Fall. Was genau hat die Produktion von Autoabgasen mit der Vernichtungsmaschinerie des Holocaust zu tun?

Dennoch ist Sierra, Jahrgang 1966, einer der ernsthaftesten und eigenwilligsten politischen Künstler der Gegenwart. Das zeigt jetzt die Kunsthalle Tübingen mit der ersten Retrospektive überhaupt zu Sierra: Anhand von fotografischen, filmischen und skulpturalen Relikten seiner Performances können Besucher sein Gesamtwerk bis zu den Anfängen zurückverfolgen.

Blondierte Afrikaner

Und die lagen in Hamburg, wo sich Sierra nach seinem Kunststudium in Madrid um 1990/91 als Gast an der Kunsthochschule eingeschrieben hatte. Der Künstler und Professor Franz Erhard Walther hatte schon in den frühen Sechzigern lebende Menschen zum Teil seiner Werke gemacht. Sierra folgte diesem erweiterten Kunstbegriff: Seine Skulpturen verwandelten sich in politisch aufgeladene Performances.

Sierra warb ab Mitte der Neunziger Arbeitssuchende an, die ihre Körper für seine Kunst verkauften: Er setzte sie in eine Packpapierkiste, wo sie stundenlang ausharren mussten. Er tätowierte eine schnurgerade Linie über die nackten Rücken von jungen Kubanern, die ein paar Dollar dafür erhielten. Er bezahlte in Venedig afrikanische Straßenhändler dafür, sich für 60 Dollar den Schopf goldblond färben zu lassen.

Mit solchen Arbeiten - bei denen er den Mitwirkenden bewusst nur so viel zahlte, wie sie in ihren anderen Jobs bekamen - paraphrasierte Sierra die strukturelle Gewalt ökonomischer Systeme. Gleichzeitig machte er uns zu Mittätern, denn als Betrachter wurden wir zugleich zu Konsumenten eines ästhetischen Mehrwerts. Bei der Venedig-Biennale von 2003 machte er dagegen die Besucher zu Opfern: in den spanischen Pavillon kam nur hinein, wer eine spanische Staatsangehörigkeit nachweisen konnte.

Fast utopisch dann Sierras Vorschlag für den Wettbewerb um das Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal, der vorsah, den Wilhelm-Leuschner-Platz zum exterritorialen Gebiet zu erklären, das die Bürger selbst nutzen und verwalten sollten, inklusive der sechs Millionen Euro Etat. Sierra blieb sich selbst damit treu: minimale Gestaltung bei maximaler Herausforderung gesellschaftlicher Strukturen.

Seinen Eigensinn bekommen auch Journalisten zu spüren. Bei Pressekonferenzen tritt er oft gar nicht oder nur inkognito auf, Interviews gibt er nur selten. SPIEGEL ONLINE hatte Glück: Noch in Madrid, kurz vor seiner Abreise in Richtung Tübingen, hat Sierra per E-Mail einige Fragen beantwortet:

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich ernsthaft geglaubt, dass Ihr Entwurf für das Freiheits- und Einheitsdenkmal eine Chance hat?

Sierra: Ja. Ich war mir sicher, dass er den Protagonisten der Revolution, den Bürgern von Leipzig, gefallen würde. Wäre die Jury öffentlich gewesen, hätte mein Vorschlag zweifellos gewonnen. Schließlich geht es ihm um das Wohlergehen der Menschen und nicht um diejenigen, die das Denkmal propagieren. Es ist merkwürdig, dass ein Land - dessen Regierung in Europa gerade wieder für seine wahnsinnige Sparpolitik gehasst zu werden beginnt - sechs Millionen Euro ausgibt für ein Denkmal, das in Leipzig keiner will. Ganz offensichtlich regiert das Volk nicht. Nicht in Leipzig und an keinem anderen Ort.

SPIEGEL ONLINE: Arbeit und Ausbeutung sind zentrale Themen Ihrer Werke. Als Künstler sind Sie selbst aber ein Privilegierter, oder?

Sierra: Meine Arbeit ergreift Partei für das vom Kapitalismus zerstörte Leben. Und Kapitalismus ist für mich die ökonomische Spielart des Sadismus. Aber auch meine Arbeiten entstehen nicht in einer egalitären Gesellschaft, sondern in genau dem kapitalistischen Umfeld, das ich mit ihnen beschreibe - in einer Welt, die ich nicht erfunden habe, die schon vor mir da war. Dadurch sind meine Arbeiten unendlich viel reiner als irgendein T-Shirt, das man in einem der großen Kaufhäuser kaufen kann.

SPIEGEL ONLINE: Die Holocaust-Arbeit "245 m³" in der ehemaligen Synagoge in Pulheim war sehr umstritten. Geben Sie heute zu, dass mit dem Konzept etwas nicht stimmte?

Sierra: Es war sicher gut, die Debatte anzuregen - auch wenn ich nicht weiß, wozu die Offenlegung der Ignoranz derer gut sein soll, die mich damals als Antisemiten bezeichnet haben. Ist man Antisemit, bloß weil man an die Opfer des Genozids erinnert? "245 m³" ist eine meiner besten Arbeiten. Aber ich glaube nicht, dass ich einen solchen Auftrag noch einmal annehmen würde.


"Santiago Sierra: Skulptur, Fotografie, Film."
23. März bis 16. Juni in der Kunsthalle Tübingen. www.kunsthalle-tuebingen.de, In erweiterter Form vom 9. September 2013 bis zum 12. Januar 2014 in den Deichtorhallen/Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg. Der Katalog zu beiden Ausstellungen kostet im Museum: 29,80 Euro.

Mehr zum Thema


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lindejung 23.03.2013
1.
Zitat von sysopVG Bild-Kunst, Bonn 2013Er zahlte Afrikanern 60 Dollar pro Kopf, damit sie sich ihre Haare blond färben und hat schon mal eine Synagoge in eine Gaskammer verwandelt. In Tübingen zeigt eine Schau das Werk von Santiago Sierra. Setzt der spanische Künstler nur auf billige Skandale? Oder übt er plakative Systemkritik? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/santiago-sierra-retrospektive-in-tuebingen-a-890389.html
Was ist der Unterschied zwischen "billigem Skandal" und "plakativer Systemkritik"? Der Preis? Die greifbare Nutzlosigkeit des Zweiten im allesumgebenden Falschen?
MarkusRiedhaus 24.03.2013
2. Den "Kapitalismus" gibt es nicht...
Genauso wenig wie es "den Staat" gibt. Es gibt Menschen - Einzelpersonen die sich durch ihr Leben schlagen wie du und ich. Es gibt Menschen die in Ämtern arbeiten und helfen oder einem Steine in den Weg legen. Je nachdem wer wie und wo arbeitet und ob du sympathisch bist oder nicht. Es gibt Menschen die ein Unternehmen besitzen und diverse Verträge für und über Arbeit anderen Menschen anbieten. Der Glaube an ein Gebilde namens "Staat" oder der Glaube an diverse ideologische Scheinbegriffe, wie eben "Kapitalismus" hat in den Köpfen von Hinz und Kunz die Lücke ersetzt, wo zuvor Nationalismus oder Gott oder andere Hirngespinste gehaust haben. Das sind auch solche Fatasieflachheiten, die einem eine Welt vermitteln sollen die im Alltag gar nicht da ist! Dabei verliert man das wesentliche aus den Augen: Es gibt keine Gemeinde, keinen Staat, keine Ideologie der Ausbeutung. Es gibt nur einen Menschen in Situation X oder Situation Y. Und wenn sich jemand als Künstler bezeichnet und dabei so merkwürdige Statements abgibt, dann ist er letztlich ein genauso armes verlorenes Schaf, wie jeder andere auch.
Agiluk 24.03.2013
3. Gaswagen
"Was genau hat die Produktion von Autoabgasen mit der Vernichtungsmaschinerie des Holocaust zu tun?" Die Antwort ist klar und eindeutig: Gaswagen. "Auf Anregung von Heinrich Himmler wurden im Herbst 1941 in Mogilew[12] Tötungsversuche mit Autoabgasen durchgeführt, um die Erschießungskommandos künftig von ihren blutigen Mordtaten entlasten zu können." Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Gaskammer_(Massenmord)#Gaswagen
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.