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Sarah-Kane-Trilogie in München: Poetisches Blutvergießen

Foto: Münchner Kammerspiele/ Julian Röder

Sarah-Kane-Trilogie in München Poetisches Blutvergießen

Wahnwitzig brutal und wunderschön: Johan Simons inszeniert an den Münchner Kammerspielen die Stücke "Gesäubert", "Gier" und "4.48 Psychose" und versucht, sie von dem Schicksal ihrer jung verstorbenen Autorin Sarah Kane zu lösen. Kein leichtes Unterfangen.
Von Johan Dehoust

Nachts, wenn die finsterste Stunde anbrach, waren ihre Gedanken am klarsten. Um genau 4 Uhr 48. Sarah Kane lag wach in ihrem Bett, und ihre psychotischen Verwirrungen schienen sich auf einmal zu verflüchtigen. So zumindest nahm es die Schriftstellerin selbst wahr. Von außen betrachtet allerdings ist ihr in diesen Phasen entstandenes Theaterstück, es trägt den Titel "4.48 Psychose", wirr und verstörend. Und beklemmend authentisch: Kurz nachdem sie die Arbeit an dem Manuskript beendet hatte, nahm sich Kane 1999 im Alter von 28 Jahren in einer psychiatrischen Klinik in London das Leben. "Wenn die Verzweiflung mich überkommt, werde ich mich aufhängen, im Ohr die Atemzüge meines Geliebten", hatte die schwer depressive Theater-Avantgardistin zuvor notiert.

"Sarah Kane ist eine Schriftstellerin, die wie nur wenige versucht hat, ihr eigenes Leben mit ihrer Arbeit zu verbinden", sagt Johan Simons, Intendant der Münchner Kammerspiele. Nach verwerflich langer Kane-Abstinenz in deutschen Theatern bringt er "4.48 Psychose" nun gleich gemeinsam mit ihren etwas früheren Stücken "Gesäubert" und "Gier" auf die Bühne (Premiere: 21. Januar). Trotz des tragischen Schicksals der jungen Autorin, das sich besonders in ihrem finalem Text aufdränge, wolle er versuchen, einen "Abstand zu kreieren", sagt der niederländische Theatermacher. Er beschäftige sich in seiner Inszenierung so wenig wie möglich mit ihrem Suizid. Vielmehr seien es die Stücke an sich, ihre Schönheit, ihre Poesie, die ihn interessierten.

Mit Kane wagt sich Simons, der sich in den vergangenen Jahren vor allem mit Roman-Adaptionen hervorgetan hat, an eine der radikalsten Theaterautorinnen der vergangenen Jahrzehnte. Ihre begeisternd-schaurigen Werke kamen im Laufe ihrer kurzen Schaffenszeit mit immer weniger erklärenden Erzählmechanismen aus. Dafür strotzen sie vor aberwitzig brutalen Regieanweisungen. Hand abhacken, Pfahl in Anus schieben, Kehle durchschneiden. Simons gibt zu, dass es "sauschwierig" sei, Kanes Stücke zu inszenieren, es habe ihn aber sehr gereizt, eine Form für dieses Bühnengemetzel zu finden.

So gewalttätig, dass man es nicht begreifen kann

In "Gesäubert", dem ersten der drei an den Kammerspielen gezeigten Werke, ist noch ein rudimentärer Handlungsstrang erkennbar. Der Folterer Tinker (gespielt von Annette Paulmann) quält eine Insassengruppe einer nicht näher beschriebenen Institution. Jeder von ihnen ist in einen anderen verliebt, und Tinker spielt sadistisch durchtrieben mit ihren Gefühlen. "Das ist so gewalttätig, dass man es einfach nicht begreifen kann", sagt Simons. Trotzdem glaubt er, dass jeder Mensch von Geburt an zu diesen Taten fähig sei. Daher verlegt er die Gräueltaten, die sich in "Gesäubert" abspielen, in eine Welt von Kindern.

In einer Erwachsenenwelt dagegen siedelt Simons "Gier" an. Das zweite Stück des Kane-Abends dreht sich um das Begehren, die Ängste von vier Stimmen, die nur knapp mit A, B, M und C betitelt sind. Ein verrätselter, wahnsinnig temporeicher Sprachteppich. Die Aussagen der Stimmen beziehen sich aufeinander und irgendwie auch doch wieder nicht. In "4.48 Psychose", das nach einer kleinen Verschnaufpause folgt, sind von Kane gar keine handelnden Personen mehr vorgesehen. Ein einziger schmerzhaft depressiver Gedankenfluss, in den sich an den Kammerspielen zunächst der Schauspieler Thomas Schmauser und später Sandra Hüller wirft. Der Musiker Carl Oesterhelt untermalt ihre Monologe mit seinen minimalistisch-melodiösen Klängen.

Den drei Theaterstücken liegt jeweils eine andere Form zugrunde, doch sie vereinen auch viele Gemeinsamkeiten. Klar, in ihnen steckt viel Sarah Kane, ihr hinter Blut versteckter Schrei nach Liebe. Aber: Es geht auch allgemein um Gewalt, um Macht, um Sex, um Tod. Und um die Eiseskälte einer Scheingesellschaft. Simons sieht in Kanes Schaffen sogar "griechische Dimensionen". Sie habe Stücke geschrieben, sagt er, die man noch in hundert Jahren aufführen könne, sie beleuchteten Grundzüge des Menschseins. Und zudem seien all ihre Texte durchzogen von einer grandiosen Musikalität. Diese neben all dem Schmerz zu vermitteln, sei sein Anspruch an den Abend in den Kammerspielen. Dabei dürften die Aufführungen aber nicht zu einer "Reich-mir-mal-bitte-ein-Käsebrötchen-Veranstaltung" verkommen.

Nur keine Sorge, dazu werden Sarah Kanes Texte selbst in hundert Jahren nicht taugen.


"Gesäubert"/ "Gier"/ "4.45 Psychose". Premiere am 21.01 an den Münchner Kammerspielen . Weitere Aufführungen am 22., 28., 31.1 und am 4., 19., 22.2. Kartentelefon: 089/233 966 00.