Sartre am Deutschen Theater Berlin In die Röhre geguckt

Jean-Paul Sartres Klassiker "Das Spiel ist aus" wirft bis heute spannende Fragen auf. Allein: Regisseurin Jette Steckel scheint sich für keine der Fragen zu interessieren. Auch die Popband The Notwist rettet den Theaterabend nicht.
Bühnenzauber und Innerlichkeitsgepose: Jette Steckels Sartre-Inszenierung

Bühnenzauber und Innerlichkeitsgepose: Jette Steckels Sartre-Inszenierung

Foto: Arno Declair

Was für ein Bühnenzauber! Weißer Nebel suppt in den Saal, bis nichts mehr zu sehen ist, wirklich nichts, und dann öffnet sich, ganz plötzlich, eine lange lange Lichtröhre, in der zwei Silhouetten erscheinen. Sie küssen sich, umspült von Nebel, als seien sie Figuren in einem Caspar-David-Friedrich-Gemälde. Das ist kitschig, aber das ist auch wunderschön. Theatermagie.

Die Szene dominiert die Gespräche auf der Premierenparty. Was für die Szene spricht, natürlich, aber auch gegen die Premiere. Denn die gibt sonst nicht viel her, über das es sich zu sprechen lohnt: Die Regisseurin Jette Steckel hat eine hohle Version von Jean-Paul Sartres "Das Spiel ist aus" ins Deutsche Theater Berlin gestellt. Und so gucken die Zuschauer, der Gag drängt sich auf, 90 Minuten lang in die Röhre.

Leben auf Probe

Sartre hat den Text 1943 geschrieben, während der Besatzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland. Der Plot ist das, was man filmreif nennt: Die Oberschichten-Schnepfe Eve Charlier, Ehefrau des Milizsekretärs, wird von ihrem Mann Charles vergiftet. Der Arbeiter Pierre Dumaine, Anführer des Widerstands, wird von einem Spitzel erschossen. Beide schauen fortan als Tote den Lebenden beim Leben zu; sie sehen alles, sie wissen alles, aber sie können nichts mehr tun: Eve kann ihre Schwester nicht davon abhalten, sich mit ihrem mordenden Mann Charles einzulassen. Pierre kann seine Genossen nicht davor warnen, dass sie in einen Hinterhalt geraten. Als Eve und Pierre sich treffen, verlieben sie sich ineinander und bekommen als Verliebte die Chance, gemeinsam ins Reich der Lebenden zurückzukehren. Allerdings nur auf Probe: Sie müssen es innerhalb von 24 Stunden schaffen, sich aufrichtig und mit allen Kräften zu lieben. Falls ihnen das nicht gelingt, sind sie endgültig tot.

Bis heute wirft der Text spannende Fragen auf. Zunächst ganz konkrete Fragen: Wenn die beiden erst einmal zurück sind, was hat für sie Priorität? Sie selbst und ihre Verbindung - oder andere ihnen verbundene Menschen? Ihr privates Glück - oder ein übergeordnetes Projekt? Und dann abstrakte Fragen: Ist man in der Partnerwahl frei von sozialen Unterschieden? Wie frei ist man überhaupt in seinen Entscheidungen? Kann man sein Leben noch mal von vorne beginnen? Wenn man es, ganz wörtlich, noch mal von vorne beginnen könnte: Was würde man anders machen? Würde man unvernünftiger leben? Und was ist das überhaupt: ein vernünftiges Leben?

Elektro-Fummler im Nebel

Das Programmheft der Produktion zitiert ausgiebig, unter anderem den Wiener Philosophen Robert Pfaller und dessen Buch "Wofür es sich zu leben lohnt". Allein: Regisseurin Steckel scheint sich in der Inszenierung für keine der Fragen zu interessieren - und auch nicht für Sartres Text. Sie interessiert sich für melodramatische Effekte: für Nebelmaschinen und für Scheinwerfer, für Kunstfilm-Projektionen und für Plastikschnee-Geriesel, für Karussellfahrten der Drehbühne und für eine Soundinstallation mit Stimmen aus dem Totenreich. Ach ja, und für die Musik der Weilheimer Elektro-Fummler The Notwist natürlich. Ihr Rauschen und Dröhnen, eigens komponiert für die Produktion, treibt immer mal wieder die Filmbilder nach vorne, vor allem aber passt ihr repetitives Gefrickel perfekt zu Sartres Dramaturgie der Zeitschleifen. Den Abend rettet es dennoch nicht.

Am Ende haben nicht nur Eve und Pierre ihre Chance verspielt. Auch Steckel hat verloren. Was sicher zum Teil daran liegt, dass die Herausforderung groß war: "Das Spiel ist aus" ist kein Theaterstück, sondern ein Drehbuch, das 1947 von Jean Delannoy verfilmt wurde. Sartre montiert parallel laufende Handlungen, baut Rückblenden ein, sieht Doppelbelichtungen vor. Er setzt auf knappe Szenen und spärliche Dialoge, geschrieben in ungeformter Alltagssprache, so dass viel Raum entsteht für atmosphärische Bilder. Kurzum: Sartre zielt auf das emotionale Erleben im Kino, nicht auf das intellektuelle Verstehen im Theater.

Steckel versucht, das im Theater mit reichlich Bühnenzauber und ironiefreiem Innerlichkeitsgepose einzufangen, was ja so falsch nicht wäre, wenn sie dabei den Text nicht aus den Augen verlöre: Sie streicht mit so großer Geste, dass Text-Unkundige an mehreren Stellen kaum mitkommen können, und fügt mit ebenso großer Geste schwache, nichtssagende Fremdtexte ein. Halbherzig ist nur eins: ihr Versuch, die Vorlage ins Heute zu übertragen.

Gelungen ist immerhin die Raumlösung: Die Akteure spielen meist im Saal, zwischen den leeren Sitzreihen, die Zuschauer hingegen sitzen auf der Bühne. Sie sind die Lebenden, denen sonst die Toten zuschauen, an diesem Abend schauen sie einmal den Toten zu. Wobei in einer Gesellschaft wie der unseren, einer Gesellschaft des Spektakels, eben nicht so klar ist, wie lebendig die Lebenden sind: Still und stumm starren sie auf die Ereignisse, sehen alles, wissen alles, aber wollen oder können nichts tun. Eine vorzeitige Leichenstarre.

Und während man da so drüber nachdenkt, auf der Bühne sitzend, bekommt Steckels pathosgetränktes Melodrama plötzlich doch noch einen doppelten Boden, wenn auch unfreiwillig. Nicht eingreifen zu können: Das ist an diesem Abend wirklich eine Quälerei.


Jean-Paul Sartre: "Das Spiel ist aus". Inszenierung von Jette Steckel am Deutschen Theater Berlin . Nächste Vorstellungen am 6., 8., 12. und 16. April. Karten unter Telefon 030 28441225.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.