Sat.1-Jubiläum Als Kohl Kai Pflaume aus der Zone holte

Girlscamp, Ran, Schreinemakers - das alles waren Wegmarken in der zwanzigjährigen Geschichte von Sat.1. Aber wer will das eigentlich wissen? Immerhin gab sich Moderator Harald Schmidt redlich Mühe, die gestern Abend ausgestrahlte Jubiläumsshow des Senders mit pointenreichen Seitenhieben zu garnieren.

Von Lutz Kinkel


Moderator Schmidt: "Sternstunde des investigativen Journalismus"
AP

Moderator Schmidt: "Sternstunde des investigativen Journalismus"

Am 1. Januar 1984 um 10.30 Uhr leuchtete das rote Licht an der Studiotür. Feierlich hielt Geschäftsführer Jürgen Doetz eine Rede zur Geburtsstunde des ersten deutschen Privatsenders. Was Doetz nicht wusste: Aus Sicherheitsgründen sendeten die Techniker seine Rede nicht live sondern eine vorab aufgezeichnete Version vom Band. So sprach Doetz mit ernster Miene zu den Studiokulissen, und die blieben naturgemäß völlig unbewegt.

Dann begann das reguläre Fernsehprogramm der PKS, der Vorläufergesellschaft von Sat.1: Um 10.34 Uhr Feuerwerksmusik von Georg Friedrich Händel, 11. 42 Uhr Puppentrickfilm "Hänsel und Gretel" nach Humperdincks Märchenoper, 12.50 Uhr Nachrichten, hergestellt von der "FAZ", 15.10 Uhr: Aufzeichnung des Balletts "Schwanensee" mit Rudolf Nurejew, 18.25 Uhr Operettenfilm "Die Fledermaus" - und als Betthupferl um 23.20 Uhr eine Aufzeichnung von Beethovens Neunter. Harald Schmidt, der die am 2. Dezember aufgezeichnete Jubiläumsshow "20 Jahre Sat.1" moderierte, zitierte den damaligen Programmablauf genüsslich, schließlich würden sich die Sat.1-Verantwortlichen heutzutage eher "Ich liebe RTL" auf die Stirn tätowieren lassen, als das Publikum noch mal mit so viel Hochkultur zu belästigen.

Mertes und Masse

"Wir feiern ein Jubiläum, auf das wir besonders stolz sind, weil wir nie gedacht haben, dass wir es erreichen: 20 Jahre Sat.1." Mit diesen Worten hatte Schmidt das Publikum begrüßt, um sich dann gemeinsam mit Mundschenk Manuel Andrack zwei Stunden über die Sendergeschichte zu verbreiten. Was der Zuschauer dabei zu sehen und zu hören bekam, war oft grausam. Allein Schmidts Kommentierung sublimierte die medialen Schandtaten zu amüsanten Memorabilia. Bestes Beispiel war ein Filmausschnitt, den Schmidt mit den Worten ankündigte, hier könne man eine "Sternstunde des investigativen Journalismus" erleben.

Showstar Pflaume: "Von Kohl persönlich aus der Zone geholt"
DDP

Showstar Pflaume: "Von Kohl persönlich aus der Zone geholt"

Zu sehen war nicht, wie ursprünglich erwartet, Ulrich Meyers legendäre Fahndung nach unrasierten Achseln ("Akte"), sondern ein Interview, das der ehemalige Sat.1-Chefredakteur Heinz Klaus Mertes mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl geführt hatte. Mertes fragte, wie viel Kilo der Kanzler bei seiner Frühjahrsdiät abzunehmen gedenke, und Kohl gab ihm zur Antwort, dass er ungefähr ein Pfund pro Tag verliere. Mertes nahm diese Information ergeben auf und lächelte dankbar. Nicht umsonst galt Sat.1 in den Neunzigern, damals noch in Leo Kirchs Händen, als "Kanzlersender".

Schadenfreude über Showdesaster

Schmidt gab diesem Stichwort eine völlig neue Note, als er durch die Show-Geschichte von Sat.1 führte. "Der Boom begann, als Dr. Helmut Kohl Kai Pflaume persönlich aus der Zone geholt hat", sagte der Ex-Late-Night-Talker, dem ein Hauch von Eifersucht über Pflaumes schier endlose Erfolgsstory ("Nur die Liebe zählt", "Star Search") anzumerken war. Umso schadenfreudiger breitete Schmidt anschließend eines der größten Showdesaster aus, die Sat.1 jemals erlebte: die Big-Brother-Variante "Girlscamp". Eingespielt wurde ein Filmausschnitt, in dem sich eine der Blondinen minutenlang aus einem weißen Handtuch in ein weißes Top fummelt, und zwar so, dass dabei nicht ein Zentimeter nacktes Fleisch zu sehen ist.

Schmidts Kommentar: "Ich versteh' nicht, warum Fredy (Kogel, der damalige Programmchef), da nicht einfach reingekommen ist und der Schlampe das Handtuch weggerissen hat." Schmidt ist wohl der Einzige, der im Fernsehen solche Sätze sagen darf, ohne sogleich von Frauenbeauftragten ans Kreuz genagelt zu werden. Bei ihm geht selbst Säfteln als Ironie durch - eine bessere Lebensversicherung kann ein Moderator nicht haben.

Recyclinghof ARD

Sat.1-Stars Wontorra, Schreinemakers: Nette Belanglosigkeiten
Sat 1

Sat.1-Stars Wontorra, Schreinemakers: Nette Belanglosigkeiten

Stargäste in Schmidts Jubiläumsshow waren Margarete Schreinemakers, die sich weiland publikumswirksam in "Schreinemakers live" ausheulte ("Wenn es gut lief, haben wir einfach länger gesendet"), und Jörg Wontorra, der früher eine der wenigen echten TV-Innovationen des Senders moderierte: die Fußballshow "Ran". Beide erzählten nette Belanglosigkeiten, so wie es Harald Schmidts Gäste schon immer zu tun pflegten. Und nur zwischen den Zeilen blitzte auf, was eigentlich eine Botschaft gewesen wäre: Sowohl Schreinemakers als auch Reinhold Beckmann, Erfinder von "Ran", sind nun bei der ARD unter Vertrag - die Öffentlich-Rechtlichen sind in Sachen Show und Talk zu halbherzigen Kopisten der Privaten verkommen. Das ist zweifellos auch ein Erfolgsnachweis für Sat.1.



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