Sat.1-Melodram "Wir sind das Volk" Das Aufbegehren verendet im Verrat

Die Mauer ist weg, die Wunden klaffen: Der Zweiteiler "Wir sind das Volk" zeigt die Wende in der DDR als schmerzhaften Prozess - in kleinen Geschichten des Scheiterns. Erstaunlich: Das starke Polit-Melodram wurde ausgerechnet vom Stromlinien-Sender Sat.1 produziert.

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Das Ende der Geschichte ist bekannt: Schlagbäume gehen hoch, Menschen strömen in den Westen, Sektkorken knallen, auf der Mauer wird getanzt. In dem Sat.1-Wende-Melodram, das den unheilvoll kitschigen Untertitel "Liebe kennt keine Grenzen" trägt, wird der Freudentaumel ums Maueröffnungsfinale gleich lustvoll über die ganze letzte Viertelstunde ausgekostet.

Und doch stellt sich noch in diesen Szenen des schier grenzenlosen Glücks ein Gefühl der Verstörung ein. Denn zwischen all den Menschen, die sich in den Armen liegen, treibt auch eine junge Dissidentin dahin. Kurz vor der Maueröffnung hat sie erfahren, dass ihr Freund jahrelang sie selbst und ihre Gruppe bespitzelt hat. Soll sie lachen, soll sie weinen? Der Gewinn der Freiheit, für sie ist er zugleich der Verlust der Unschuld.

Sat.1 ist ja nun wirklich der letzte deutsche Sender, von dem man großes Polit-Kino erwartet. Seit den ambitionierten Projekten vor zwei Jahren ("Blackout – die Erinnerung ist tödlich") herrscht dort im Bereich der fiktionalen Eigenproduktionen eine Art porentiefes Hausfrauenfernsehen vor: Figuren, Settings, Storys – die selbst produzierten Komödchen muten meist an wie überlange Waschmittelspots. Die immer höheren Renditevorgaben der bei der ProSiebenSat.1 Media AG eingestiegenen internationalen Investoren ließen das Niveau noch einmal sinken.

Und nun steht da auf einmal dieses Monument von Fernsehfilm mit diesem monströsen Titel: "Wir sind das Volk". Beworben wird der Zweiteiler zwar als werbetaugliches Gefühlsfernsehen – in den patent verzahnten Einzelschicksalen offenbart sich aber ein differenzierter Blick auf die Geschehnisse, die zur Maueröffnung am 9. November 1989 führten.

Berichtet wird aus Dissidentenwohnungen und Parteibonzenhaushalten, aus den Verliesen der Staatssicherheit und aus den höheren Etagen des Politbüros, von den Mahnwachen vor der Gethsemanekirche und natürlich von den Montagsdemos in Leipzig. Bemerkenswert: Der positive Verlauf der großen Geschichte – hier wird er in kleinen Geschichten des Scheiterns erzählt.

Nachhaltig verstörende Wirkung

In Zentrum steht die junge Mutter Katja Schell (Anja Kling), die nach einem Fluchtversuch in Stasi-Haft gehalten wird. Die Grenzen nach Ungarn sind im jenen Herbst 1989 schon längst offen, da wird sie am letzten Tag ihrer Gefangenschaft noch durch die rigorose Zersetzungstaktik ihres Verhörers (Heiner Lauterbach) zur Verräterin an der eigenen Familie. Wochenlang hat man sie zuvor isoliert, dann tischt man ihr Lügengeschichten über ihr Kind und ihren bereits in den Westen geflohenen Lebensgefährten (Hans-Werner Meyer) auf. Pedantisch verrichtet der Stasi-Mann seinen Job, am Ende streichelt er tröstend die Gebrochene.

Gerade durch die Knast-Szenen entwickelt "Wir sind das Volk" seine nachhaltige verstörende Wirkung: Anders als in Polit-Schmonzetten wie "Die Frau vom Checkpoint Charlie" gibt es in diesem Stasi-Keller keinen Raum fürs Martyrium, das Leiden wird nicht sinnstiftend überhöht. Das Aufbegehren, so einfach ist das, verendet im Verrat.

Anja Kling spielt diese Mechanik des Schuldigwerdens ohne eitle Ausflüchte. Am Ende des 180-Minuten-Dramas gibt es zwar eine bewegend in Szene gesetzte familiäre Wiedervereinigung des Stasi-Opfers mit Kind und Mann – doch das seelische Desaster der Haft hallt nach.

Raum für widersprüchliche Gefühle

Bei aller staatstragender Feierlichkeit, mit der dieses Polit-Melodram heute und morgen den Tag der deutschen Einheit nachbereitet, leisten sich die Filmemacher Raum für widersprüchliche Gefühle. Das muss so sein: Fast zwei Jahrzehnte sind vergangen, verarbeitet ist das deutsch-deutsche Trauma offensichtlich noch lange nicht. Die Mauer ist weg, die Wunden klaffen weiterhin offen.

In "Wir sind das Volk" (Buch: Silke Zerts, Regie: Thomas Berger) werden nun starke Geschichten für die Schizophrenie gefunden, die das Überleben im totalitären System mit sich gebracht hat. Wer sich offen aufgelehnt hat gegen den Staat, in dessen Windschatten kroch ja stets der Verrat.

Stark gezeichnet in diesem Kontext ist zum Beispiel die Figur der schon angesprochenen Figur der Dissidentin Jule Hoffmann (Anna Fischer), die sich in einen Polit-Aktivisten (Lucas Gregorowicz) verliebt und zuhause gegen ihren linientreuen Vater (Jörg Schüttauf) aufbegehrt. Der charismatische Jüngling wird sie verraten, der Vater formuliert in seiner Rolle als Oberst der Volksarmee am Ende des Filmes jene Verordnung, die zur Maueröffnung führt.

Hinter jedem großen geschichtlichen Ereignis steht nun mal ein Mensch, dessen Ambitionen gar nicht so hehr sein müssen. "Wir sind das Volk" ist auch der Versuch, die Brüchigkeit jenes geschichtlichen Prozesses herauszustellen, der rückblickend als Wende oft perfekt orchestriert erscheint.

Dabei fokussieren die Sat.1-Filmemacher auch auf die medialen Aspekte und begleiten zwei ostdeutsche Guerilla-Filmer (Matthias Koeberlin und Ronald Zehrfeld), die auf Video Demonstrationen filmen und dieses Material an die westdeutsche "Tagesschau" weiterspielen, während sie immer stärker ins Visier der Stasi geraten. So wird die Wende in "Wir sind das Volk" zu einem Kampf um starke, raue, unverfälschte Bilder.

Dass der Komödchensender Sat.1 mit "Wir sind das Volk" solche Bilder in sein ansonsten vollkommen stromlinienförmiges Programm filtriert, mag auch damit zu tun haben, dass in den Chefetagen des Unternehmens fast so ein Chaos und Durchlauf herrscht wie im SED-Politbüro in den letzten Tagen der DDR. Da ist Fernsehen durchaus der großen Politik ein ähnlich: Gewinnen tut, wer die glückliche Fügung historisch für sich zu nutzen weiß.


"Wir sind das Volk – Liebe kennt keine Grenzen" , Montag und Dienstag, 20.15 Uhr, Sat.1



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