Sat.1-Streichungen Abschied ins Spartenprogramm

Traurig für die Kollegen, schlecht fürs Sender-Image, aber für den TV-Konsumenten sicher kein Drama: Die Zusammenstreichung der Sat.1-Nachrichten hebt das TV-Gefüge nicht aus den Angeln. Sie unterstreicht nur, wie wichtig die öffentlich-rechtliche Grundversorgung im Fernsehen ist.

Um Missverständnissen vorzubeugen, ein paar Klarstellungen vorweg: Wenn Kollegen Arbeitsplätze verlieren, ist das immer eine beklagenswerte Angelegenheit – insbesondere, wenn es aus Gründen der schieren Gewinnmaximierung passiert. Der Stil, in dem jetzt im Fall die Sat.1-Nachrichtenformate zusammengestrichen werden, spricht für sich: Das Vorgehen bei den Sendungen "Sat.1 am Mittag" und "Sat.1 am Abend", die quasi im Handumdrehen abgeschafft wurden, ist an Ruppigkeit schwer zu überbieten.

Es verleiht dem ehemaligen Senderslogan "Sat.1 zeigt's allen" im Nachhinein eine ganz spezielle Bedeutung und wird angesichts der noch recht neuen Sendereigner KKR und Permira die Heuschrecken-Debatte wieder beleben. Dass die den Finanzinvestoren geschuldete profitorientierte Maßnahme von ProSiebenSat.1-Konzernboss Guillaume de Posch Sat.1 in punkto Image einen Bärendienst erwiesen hat, steht schon jetzt außer Frage: Ohne ernst zu nehmende Nachrichten verliert ein Sender nun mal die Aura des Vollprogramms und reduziert sich in der Wahrnehmung zum Spartenkanal. Klar auch, dass man bei Sat.1 in Berlin, wo man diesbezüglich gegenüber dem Spielfilm-dominierten Schwestersender ProSieben vorne lag, mit besonderem Argwohn nach München schaut.

Bei aller verständlichen Aufregung über diese Punkte gilt es allerdings eines ehrlicherweise festzuhalten: Der Verlust für den TV-Konsumenten hält sich in Grenzen. Wer sich seriös über das Weltgeschehen und gesellschaftspolitische Zusammenhänge informieren will, kann dies schließlich weiterhin bei "Tagesschau" und "Tagesthemen", bei "heute" und im "heute-journal" tun – und hat es wahrscheinlich bisher schon getan. Denn Hand aufs Herz: Im Vergleich mit den über ein weltweites Korrespondentennetz verfügenden öffentlich-rechtlichen Nachrichtenredaktionen waren die boulevardesk verpackten Sat.1-Magazine mit ihrer Mixtur aus Unterhaltung, News und Klatsch ohnehin nicht konkurrenzfähig. Abgesehen davon, dass für die Freunde des bunteren Stils ja weiterhin der vielbeworbene "Mister News" von RTL, Peter Kloeppel, Dienst tut.

Die Bemühungen des damaligen Sat.1-Chefs Roger Schawinsky, 2004 mit der Abwerbung des smarten ZDF-Manns Thomas Kausch seinem Sender politisches Profil zu verleihen, waren stets so anrührend wie vergeblich. Oder erinnert sich noch wer an Schawinskys 2005 unternommenen Versuch, eine relevante Sonntags-Talkshow mit Bettina Rust zu etablieren? Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass jetzt sein Nachfolger als Geschäftsführer, Matthias Alberti, diesen Anspruch endgültig zu Grabe tragen muss: Der Hüne war vorher Unterhaltungschef des Senders und als solcher unter anderem für die Einführung grenzdebiler Brettspiele ("Promi ärgere dich nicht") und die Wiederbelebung des "Urmels aus dem Eis" als infantiles Bühnenspiel verantwortlich.

Protest, der an der Realität vorbeigeht

Wenn jetzt die ansonsten nicht eben für energisches Eingreifen berühmten Landesmedienanstalten (man denke an die Debatte um die Call-In-Formate) im Verbund mit profilierungsfreudigen Politikern aller Couleur gegen die Sat-1-Kürzungen protestieren, so handelt es sich wohl um einen gängigen Reflex, der aber an der Realität vorbeigeht: Die verschiedentlich geäußerte Drohung, Sat.1 könne gar seiner Sendelizenz als Vollprogramm verlustig gehen, erscheint absurd, wenn man bedenkt, dass diesen Status – der mit einem nicht genau bezifferten Anteil an Informationssendungen verknüpft ist – auch RTL II, Kabel 1 und Vox genießen. Oder hat da schon mal jemand zum Nachrichtengucken hingeschaltet?

Nein, radikal betrachtet, ist der Sat.1-Verzicht auf Alibi-Nachrichten in gewisser Weise sogar konsequent und zeigt vor allem eins: wie wichtig und unersetzlich bei aller berechtigten Kritik an ARD und ZDF die öffentlich-rechtliche Grundversorgung im Fernsehen nach wie vor ist. Dort allerdings sollte man die Bankrotterklärung des privaten Konkurrenten auf dem Nachrichtensektor als zusätzlichen Ansporn und Auftrag betrachten – und die eigenen Politik-Magazine auch jenseits der Nachrichten hegen und pflegen, anstatt sie zu kürzen und zu formatieren.

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