Satiriker Stephen Colbert Die Fernsehwahrheit sieht einfach besser aus

Der US-Satiriker Stephen Colbert outet ohne Rücksicht auf Verluste den Wahnsinn im US-Medien- und Polit-Alltag. Seine Methode: Er nennt Satire, was andere als Nachricht, Wahrheit oder Politik verkaufen.

"Ich mag Kokain", sagte der Kongreßabgeordnete Robert Wexler aus Florida neulich mit einem leicht verlegenen Lächeln im amerikanischen Fernsehen, "weil es Spaß macht." "Sehr schön", lobte sein Gegenüber, "und nun vervollständigen Sie den Satz: Ich mag Prostituierte, weil ..."

Wexler folgte brav: "Ich mag Prostituierte, weil sie Spaß machen." Dann fügte er kichernd an: "Und ich vermute, wenn man beides kombiniert, macht es noch mehr Spaß!" Der Journalist blickte betont betroffen in die Kamera und sagte: "Wir beenden das Interview an dieser Stelle, weil wir nicht wissen, wie lange dieser Mann noch Kongreßmitglied sein wird."

Wexlers Gegenüber war der amerikanische Fernsehsatiriker Stephen Colbert, der seit vergangenem Oktober in seinem "Colbert Report" auf dem Kabelkanal Comedy Central anarchisch die Grenzen von Wahrheit, Glaubwürdigkeit und medialer Definitionsmacht auslotet. Wexler hatte er, kurz vor den amerikanischen Kongreßwahlen, mit folgender Begründung zum Aufsagen der skandalösen Sätze überredet: "Ihre Wiederwahl ist ja sicher. Aber wir wollen uns einmal ausmalen, mit welcherlei Aussagen Sie sich um Ihr Amt bringen könnten, falls Sie einen Konkurrenten hätten."

Es war eine wunderbare Satire auf die beliebige Generierung zusammenhangloser Inhalte im Fernsehen, wie sie gern zur Diskreditierung des politischen Gegners eingesetzt wird. "Was man sieht, glaubt man", lautet der Glaubwürdigkeitsschwur des Mediums Fernsehen, den Colbert in seiner Sendung als wüst faktenverbiegender Polit-Kommentator ad absurdum führt.

Befeuert wird das komödiantische Unterfangen des 42jährigen von einem fundamentaleren Kampf um die Wahrheit in der von PR-Experten durchsetzten amerikanischen Kommunikationssphäre. Folgt man der Rhetorik der populärsten amerikanischen Polit-Talkshows, existiert Wahrheit nur im Singular, befindet sich im exklusiven Besitz des jeweiligen Wortführers und wird von dessen Gegnern stets schamlos verdreht, um deren politischer Agenda zu nutzen.

"Wir bringen Ihnen die Wahrheit!" ist aber auch das Lieblingsmantra amerikanischer Nachrichtensender, geradeso, als würde die Konkurrenz ihre Beiträge frei erfinden. Und das Motto des erfolgreichsten amerikanischen Polit-Talks, "The O'Reilly Factor", der Fox News an die einsame Spitze der amerikanischen Nachrichtensender katapultierte, lautet "The spin ends here! - Ende der Verdrehungen!".

Fox-Moderator Bill O'Reilly ist Colberts parodistische Hauptinspiration. Denn O'Reilly ist das Alpha-Männchen dieser aggressiv-polemischen Debattenkultur, die sich vermeintlich auf die Seite des ewig übergangenen kleinen Mannes schlägt und Autorität weniger aus Tatsachen und Argumenten denn aus breitbeinig vorgetragenen Meinungen schöpft. Es ist ein ebenso schlichtes wie unterhaltsames Universum, in dem regierungskritische Medienberichterstattung als linksliberale Propaganda, Kriegsgegner als Landesverräter und ein hoher Bildungsgrad als elitäre Verblasenheit gelten und in dem das überproportionale Ego des Talkmasters für "die Wahrheit" einsteht.

Das Resultat zeitigt teils amüsante, teils erschreckende Ergebnisse. So bedrohte O'Reilly mal einen Anrufer in seiner Sendung, der den Namen eines erklärten O'Reilly-Feindes erwähnte, mit einem "Besuch von den Fox-Sicherheitsleuten", mal schaltete er einem argumentationsstarken Gast das Mikrofon ab. O'Reilly behauptete Dinge wie, "wenn wir die Kräfte der Säkularisierung nicht in Schach halten, wird Amerika, wie wir es kennen, vernichtet werden", oder, über den amerikanischen Bürgerrechtsverband ACLU: "Dies ist die gefährlichste Organisation in Amerika. Gleich neben Al Qaida." In den Meinungsschaukämpfen seiner Sendung bleibt er am Ende immer der Sieger - notfalls mit einem beherzten "shut up!".

Doch für Stephen Colbert gibt es "keine Obergrenze für Blödheit - wir können es noch dümmer". Also setzt er als selbstverliebter Weltinterpret mit gravitätisch gerunzelter Stirn, ausgestellten Ellenbogen und stechendem Zeigefinger im "Colbert Report" dem rückhaltlos rechthaberischen politischen Diskurs in den amerikanischen Medien ein satirisches Denkmal.

"Diese Sendungen sind Personalityshows", sagte er in einem Interview mit dem Online-Satiremagazin "The Onion". "Die Nachrichten selbst sind egal, wichtig ist, wie die Moderatoren die Nachrichten finden und wie der Zuschauer sie finden sollte." Eine seiner ersten Amtshandlungen war es, dem Begriff "Wahrheit" eine Steigerung ins Gefühlte zu verpassen - "truthiness", eine Schöpfung, die die American Dialect Society zum Wort des Jahres 2005 erkor.

Bücher haben kein Herz

Bis in sein Studiodesign hat sich Colbert die selbstherrliche Haltung der sogenannten "pundits" zu eigen gemacht - seinen Setdesigner bat er, sich von Da Vincis "Abendmahl" inspirieren zu lassen: Nun konvergieren in Colberts Studio sämtliche Linien auf seinem Kopf - um den Eindruck zu verstärken, "daß ich die Quelle bin". Mit schulmeisterlicher Wichtigtuerei gießt er von dort aus allabendlich seinem Publikum die komplizierte Welt in simplere Form. "Ich mag keine Bücher", karikierte er die Intellektuellenfeindlichkeit der Kommentatorenkultur. "Lauter Fakten, kein Herz."

Im zweiten Teil: Wie Bush das Lächeln im Gesicht gefror. Colberts schon jetzt legendäre Attacke gegen den amerikanischen Präsidenten - während der knapp zwei Meter neben ihm saß. Weiter...

Doch Colbert beschränkt sich nicht auf die Sicherheit seines Studios. Auf dem diesjährigen Dinner für das Pressekorps des Weißen Hauses im Mai fuhr Colbert vor der versammelten Washingtoner Honoratiorenschaft eine herbe satirische Breitseite  gegen den zwei Meter entfernt sitzenden US-Präsidenten.

"Wir beide", sagte er mit kumpelhaftem Lächeln Richtung Bush, "sind uns gar nicht so unähnlich. Wir gehören nicht den Faktinistas von der Streberfraktion an, wir kommen aus dem Bauch, stimmt's, Sir?" Denn die Wahrheit, so Colbert in einer lustvollen Spiegelung der kruden Argumentationsschlenker, der sich nicht nur die amerikanischen Radautalker, sondern auch die politische PR bedienen, liege schließlich im Bauchgefühl. "Wußten Sie, daß man mehr Nervenenden im Bauch als im Kopf hat? Das können Sie nachschlagen. Und sagen Sie mir nicht, stimmt ja gar nicht - dann haben Sie wahrscheinlich in einem Buch nachgeschaut, statt in Ihrem Bauchgefühl."

Die anwesende Presse lachte vorsichtig, und die Kameras des Senders C-Span vermieden sorgsam, die mimischen Reaktionen des Präsidenten zu dokumentieren. "Das Beste an diesem Mann", fuhr Colbert fort, "ist sein fester Stand. Er glaubt am Mittwoch dasselbe, was er am Montag glaubte - ganz egal, was am Dienstag passiert ist." Der Gastgeber und Vorsitzende des Pressekorps, Mark Smith, gestand wenig später in der "New York Times", er habe nur einen flüchtigen Eindruck des "Colbert Report" gehabt, bevor er Stephen Colbert einlud, und der Auftritt geriet zu einem der heißest debattierten Medienthemen der folgenden Woche.

Stephen Colbert wuchs als jüngstes von elf Kindern in South Carolina auf und schlief als Junge zu den Schallplatten von Bill Cosby und George Carlin ein. Eigenen Angaben zufolge wollte er eigentlich "ein ernsthafter Schauspieler mit Bart werden, der sich ganz in Schwarz kleidet und seinen Weltschmerz mit anderen teilt". Doch nach einer humanistischen Universitätsbildung nahm er einen Bürojob bei einer Improvisations-Comedygruppe an, der, wie er feststellte, ihn zu Gratisunterricht berechtigte.

1995 konzipierte Colbert mit zwei Kollegen aus der Gruppe die Sketch-Sendung "Exit 57" für Comedy Central, war später Autor für "Saturday Night Live", bevor ihn ein weiterer Kollege aus Improvisationstheater-Zeiten, Steve Carrell, in Comedy Centrals Nachrichtensatire "The Daily Show" holte. Dort gestaltete der Katholik die Rubrik "This Week in God", in der eine Art einarmiger Bandit namens "The God Machine" den Lauf der Dinge bestimmte.

Wiki-Vandalismus

Im vergangenen Oktober ging "The Colbert Report" auf Sendung und wurde mit mehr als einer Million Zuschauern zum Überraschungserfolg für Comedy Central.

"Früher", sagte Stephen Colbert gegenüber "The Onion", "war jedermann zu seiner eigenen Meinung berechtigt, aber nicht zu seinen eigenen Fakten. Heute zählen Fakten nichts mehr, Wahrnehmung ist alles."

Colbert weiß, daß dies die Kehrseite vom vielgerühmten Demokratisierungseffekt des digitalen Zeitalters ist, nach dem dank der Ausschaltung einer ganzen Legion von Vermittlern und neuen Veröffentlichungsformen wie Blogs und MySpace-Websites jeder zu seinem eigenen Nachrichtenregisseur, Kulturkritiker und Definitionsexperten werden kann. Anschaulich machte er das neulich am vieldiskutierten Internetwörterbuch Wikipedia, das für ihn zum Symbol der "Do-it-yourself"-Intellektualität geworden ist.

"Wer ist eigentlich die Encyclopaedia Britannica", fragte Colbert Anfang August, "daß sie mir erzählen will, George Washington hätte Sklaven gehabt? Wenn ich behaupten will, daß er keine hatte, ist das mein gutes Recht!"

Dann hob er zum Loblied auf die Wikipedia an, deren Einträge jedem Besucher zur Änderung offenstehen. Colbert schlug eine simple Probe aufs Exempel vor - eine Änderung im Wikipedia-Beitrag über Elefanten , derzufolge sich die afrikanische Population in den vergangenen sechs Monaten verdreifacht habe. "Habe ich neulich irgendwo gehört", murmelte Colbert, und seine Zuschauer fühlten sich offenbar zum Wissensanarchismus inspiriert: Wenige Stunden später mußten die Wikipedia-Betreiber den Eintrag für Änderungen sperren - "wegen Vandalismus", wie es auf der Website hieß.

Colbert gilt nun, sicher sehr zu seinem Vergnügen, als erster prominenter Wissensvandale im Internet. Man stelle ihn sich an dieser Stelle mit blasiertem Schulterzucken vor: "Ich glaube nicht an die Realität. Sie ist ja bekannt für ihre linksliberalen Tendenzen."

Nina Rehfeld

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