Missbrauchs-Drama "Das Fest" Ist das elterliche Liebe? Oder bereits Gewalt?

Christopher Rüping inszeniert Thomas Vinterberg und Mogens Rukovs Missbrauchs-Drama "Das Fest", als wäre es eine große Erzähloper. Er zeigt damit vor allem, was für ein phantasievoller und von sich überzeugter Regisseur er ist.

JU/ Ostkreuz

Von Jürgen Berger


Plötzlich gab es diesen Film, dessen Drehbuch wie ein Kammerspiel geschrieben war und der mit seiner wackeligen Kameraführung so tat, als handele es sich um eine authentische Dokumentation zum Thema Kindesmissbrauch.

"Das Fest" wurde in den Jahren nach 1998 nicht zuletzt deshalb von unzähligen Theatern adaptiert, weil sich in kirchlichen und pädagogischen Einrichtungen die Missbrauchsfälle häuften und man eine Vorlage hatte, die mit letzter Konsequenz aufzeigt, was passiert, wenn ein Opfer sich zu Wort meldet. Im Film der Dänen Thomas Vinterberg (Regie) und Mogens Rukov (Drehbuch) ist es der älteste Sohn der dänischen Familie Klingenfeldt-Hansen. Er heißt Christian und ergreift während des 60. Geburtstages des Vaters das Wort, um den versammelten Gästen mitzuteilen, dass der Patriarch ein Kinderschänder ist. Die Opfer: Christian und dessen Zwillingsschwester, die sich vor nicht allzu langer Zeit das Leben nahm.

Eigentlich müssten alle hellhörig werden. Es passiert aber, was in solchen Fällen häufig geschieht. Selbst Christians Geschwister wollen die Wahrheit nicht hören, und die Mutter tut, was sie am besten kann: überhören und wegsehen. Christian sei schon immer das Kind mit der überbordenden Phantasie gewesen, das wisse man ja. Nicht zuletzt weil "Das Fest" so unerbittlich die Mechanismen der Vertuschung und Schuldumkehr aufzeigt, ist es spannend, wie Theaterregisseure sich zu diesem ersten nach den Keuschheitsregeln der Dogma-95-Bewegung gedrehten Film verhalten. Das bedeutete unter anderem, dass nur mit der Handkamera gedreht werden sollte und künstliches Licht nicht erlaubt war. Für die Bühne könnte es heißen: Du sollst puristisch inszenieren!

Am Stuttgarter Staatstheater war jetzt zu sehen, was passiert, wenn ein phantasievoller und von sich überzeugter Regisseur das Steuer herumreißt und die Vorlage gegen den Strich bürstet. Christopher Rüping (29) inszeniert an so renommierten Häusern wie dem Hamburger Thalia Theater und dem Deutschen Theater Berlin. Mit "Das Fest" stellt er sich in Stuttgart vor und hat alles andere als ein intimes Kammerspiel inszeniert.

Rüping sprengt das von Vinterberg/Ruckow vorgegebene Dialogstück und inszeniert eine große Erzähloper, in der die Schauspieler (Maja Beckmann, Paul Grill, Pascal Houdus, Matti Krause, Svenja Liesau, Christian Schneeweiß) permanent die Rollen wechseln. Sie können Opfer und Täter sein, ganz spontan singen, als wäre Cat Stevens mit "Father and Son" wieder unter uns, oder mit tattriger Greisenstimme die debilen Großeltern im Haus Klingenfeldt-Hansen mimen.

Der Vater als Bordellhausmeister

Das funktioniert über weite Strecken ganz gut und hat den Vorteil, dass Christopher Rüping auf keinen Fall der Versuchung erliegt, ein tonnenschwer lastendes Thema bedeutungsschwanger auf der Bühne zu platzieren. Er inszeniert den kaum merklichen Wechsel von Atmosphären und konzentriert sich auf die Nuancen, die darüber entscheiden, ob es noch um elterliche Liebe und Fürsorge oder bereits um ein Gewaltverhältnis geht. In solchen Passagen wechseln die Schauspieler unvermutet die Stimmlage und richten sich die Bühne entsprechend den Bedürfnissen der Figur ein, die sie gerade sind. Da kann der Vater schon mal wie ein Bordellhausmeister Rotfilter in den Scheinwerfer schieben und sich dem Sohn eindeutig nähern, worauf der im ersten Moment gar nicht so abgeneigt scheint. Ist ja so schön heimelig. Kurz darauf schlägt die Stimmung aber um, es wird aggressiv und laut.

Unterstützt werden diese atmosphärischen Wechsel durch den Bühnenbildner Jonathan Mertz, der die große Stuttgarter Schauspielbühne weitgehend offen lässt und mit einem Kordon von Tischen und Stühlen säumt. Das Fest hat wohl bereits stattgefunden, und es sieht so aus, als sei das Mobiliar in aller Eile beiseite geräumt worden. In dieses Gewirr könnte man sich zurückziehen, immer wieder drängt es die Familienmitglieder aber nach vorne an die Rampe, wo es irgendwann dann doch um die Wahrheit geht. Ein Brief der toten Zwillingsschwester ist aufgetaucht, in der auch sie den Vater beschuldigt. Die Stimmung kippt, der Patriarch stürzt.

Zuvor aber musste Christopher Rüping doch darauf verweisen, dass auch er sich im weiten Raum des selbstreferentiellen Improvisationstheaters verlieren kann. Das war unter anderem so, als die Stuttgarter Bühnenfassung zwar mit der entscheidenden Szene einstieg und sofort auf Christians Wahrheitsrede zusteuerte, es in einer langen Erzählschleife aber nur noch um die großen Patriarchen des Clans von der Steinzeit bis in die Neuzeit ging. Und es war gegen Ende so, als die Familie schon ganz erschöpft war vom permanenten "Unter den Teppich kehren" und nur noch Witze nach dem Motto zum Besten gab "Kommt ein Vater zum Sohn ...". Notwendig war das nicht, hatte man doch längst kapiert, dass da ein mit sehr viel szenischer Phantasie ausgestatteter Regisseur unterwegs ist.


Das Fest. Wieder im Schauspielhaus Stuttgart am 28.4. sowie 10., 13. und 16.5., Tel. 0711 202090.



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