Schauspieler Thomas Thieme "Das Theater ist mein Sandsack"

Wird er bei den Salzburger Festspielen für einen Skandal sorgen? Lust hätte Thomas Thieme. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Schauspielstar dem Publikum den Krieg - und hofft auf aggressive Zuschauer.


SPIEGEL ONLINE: Herr Thieme, stört es Sie, dass Sie als Schurke berühmt wurden und so oft Ekelpakete spielen?

Thieme: Überhaupt nicht. Für mich funktioniert das als Katharsis. Ich spiele drei Stunden den absoluten Arsch, und dann bin ich alles los, was ich schon lange mal sagen wollte. Ich glaube, wenn man öfters solche Rollen spielt, macht einen das zu einem freundlicheren Menschen, als man vom lieben Gott möglicherweise geplant war. Ich erinnere mich an ein Interview mit Toni Schumacher. Jahre nachdem er dem Franzosen Battiston die Kauleiste herausgerammt hatte, fragte man ihn, warum er jetzt so friedlich sei. Da sagte er, er gehe jetzt in den Keller und dresche auf den Sandsack ein. Mein Sandsack ist das Theater.

SPIEGEL ONLINE: Molière war ein Unterhaltungskünstler, der mit flotten, schnell erzählten Stücken das Publikum zum Lachen brachte. Warum spielen Sie unter Luk Percevals Regie nun in einem XXL-Mix von gleich vier Molière-Stücken, darunter "Der Geizige" und "Der Menschenfeind"?

Thieme: Perceval und die Autoren Feridun Zaimoglu und Günther Senkel haben sehr klug erkannt, wie bei Molière das Leben die Werke kommentiert und umgekehrt. Ich selber habe viel gelesen, zum Beispiel Michael Bulgakows "Das Leben des Herrn de Molière". Und wenn ich mir angucke, was wir in fünf Monaten Probenzeit nun zustande gekriegt haben, dann hat es wirklich sehr viel mit dem Lebenskampf des Molière zu tun, mit seiner Melancholie, seiner Aggressivität, seinem Lebensüberdruss und seinen verlorenen Illusionen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben für das Perceval-Projekt, das von Herbst an in der Berliner Schaubühne läuft, Peter Stein abgesagt. Der wollte sie als Wallenstein, bevor er Klaus-Maria Brandauer fand. Bedauern Sie, dass Sie vielleicht einen großen Auftritt verpasst haben?

Thieme: Nein. Wie Sie sagen, ich konnte ja nicht wegen "Molière". Und Stein hat doch für seinen Wallenstein genau die richtige Wahl getroffen. Brandauer passt viel besser als ich. Das Einzige, was mich wundert, ist, dass Stein und Brandauer sich nicht schon seit 20 Jahren in den Armen liegen. Das sind Brüder im Geiste, auch was ihre zur Schau getragene Virilität betrifft.

SPIEGEL ONLINE: Ist der für Berlin mitproduzierte Salzburger "Molière" nun eine Art Anti-"Wallenstein"?

Thieme: Das sollte er nie sein, aber das scheint er jetzt zu werden. Ich gebe zu: Ich finde diesen sich im Theater ausbreitenden Historismus, den der "Wallenstein" repräsentiert, gefährlich. Er vernebelt unsere Realität. Insofern zeigen wir den Gegenentwurf, auch wenn wir nicht Theater gegen irgendwas spielen, schon gar nicht gegen diesen Historismus. Das Bauhaus ist auch nicht gegründet worden, um die Neogotik oder Neorenaissance zu vernichten. Ich spiele so, wie es mir gefällt, mit und ohne Stein.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollten ursprünglich Architekt werden. Fühlen Sie sich in restaurierten Theateraltbauten nicht wohl?

Thieme: Welchen Sinn hat es, einen vermeintlich werktreuen Abend mit Schiller zu veranstalten, bei dem "Wallenstein" in der Rüstung aufgeführt wird. Friedrich Schiller, der ziemlich jung jämmerlich krepiert ist in Weimar, der würde an der Decke springen, wenn er sehen würde, dass sein Werk nach 200 Jahren noch genauso aussieht wie damals! Und bejubelt wird das von Leuten, die den frühen Schleef am liebsten gelyncht hätten! Die Verteidiger der Werktreue verwandeln das Theater in ein Totenschiff ohne Kapitän, das Richtung Bermudadreieck schlingert.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie in Salzburg, wo man die fortschrittliche Kunst ja angeblich liebt, denn alle Freiheiten?

Thieme: Die Liberalität, mit der man sich hier schmückt, trügt. Wie in der DDR gilt auch hier: Man darf die Ordnung nicht stören. Der Festspiele-Chef Jürgen Flimm verwaltet den guten Geschmack des Mittelstandes. Auch wir blicken hier nach der Probe in schockierte, blasse Gesichter. Hier sind es nicht Erich Mielke und Erich Honecker, die aufpassen lassen, sondern Nestlé und Red Bull oder Frau von Karajan und Thomas Gottschalk. Das sind bei den Salzburger Festspielen die wahren Protagonisten. Wir sind es nicht, wir sind das Alibi.

SPIEGEL ONLINE: Aber anders als im Osten ist es doch.

Thieme: Nur nicht unbedingt besser. Im Osten war die Frontlinie klarer. Wenn im "Wilhelm Tell" der Satz fiel "Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr", da wusste man, wenn das in die falsche Kehle kommt, dann kommt die Aufführung gar nicht heraus.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Ausreise aus der DDR haben Sie begründet mit dem Satz "Ich bin nicht vor Repressionen geflohen, sondern vor der Bevölkerung". Wie wichtig ist es für Sie, für wen Sie spielen?

Thieme: Meine künstlerische Heimat bin ich selbst. Ich mache meinen Beruf sehr gern. Ich glaube, dass ich ihn verhältnismäßig gut kann. Ich genieße es, auf einer Bühne zu sein und mich emotional so gehen zu lassen, dass ich kaum mehr weiß, ob ich spiele oder gespielt werde. Wenn ich diesen Moment erreiche - das passiert ja nicht täglich -, dann erlebe ich etwas, wofür es sich lohnt, die vielen Merkwürdigkeiten dieses Berufs über sich ergehen zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Gab es auch schwere Zeiten, in denen Sie an sich selbst zweifelten?

Thieme: Ich habe eine seltsame Laufbahn hinter mir. Eigentlich habe ich von Anfang an Hauptrollen gespielt. Ich habe debütiert 1973 mit der Titelrolle in "Egmont" in Görlitz, von Beginn an habe ich immer Ältere gespielt. Das passte meistens nicht. Wissen Sie, wann es endlich los ging mit mir? Als meine Seele und mein Körper endlich so alt waren wie meine Rollen. Als ich endlich nicht mehr etwas spielen musste, was ich gar nicht war. Als ich endlich Thieme sein konnte. Ich bin ja kein Verwandlungskünstler, sondern ich spiele immer nur mich selbst.

SPIEGEL ONLINE: Im Westen haben Sie in Frankfurt am Main angefangen und in Einar Schleefs legendär umstrittenem Stück "Mütter" mitgespielt.

Thieme: Schleef ist der Regisseur, den ich am meisten verehre, vor allem wegen seiner ersten Jahre zwischen 1984 in Frankfurt bis 1989 mit "Wessis in Weimar" in Berlin. Ähnlich geht es mir nur manchmal in Sekunden, manchmal auch Stunden bei Frank Castorf.

SPIEGEL ONLINE: Was war so toll an Schleef?

Thieme: Seine Kraft, seine Leidenschaft, seine absolute Kompromisslosigkeit und Geschmackssicherheit im Ästhetischen. Und vor allem seine Ekstasen. Elfriede Jelinek hat mal gesagt, es gab im Nachkriegsdeutschland zwei ästhetische Genies, Fassbinder und Schleef. Ich glaube, da hatte sie Recht. Ich habe Schleef extrem beneidet. Ich habe ihn grenzenlos verehrt. Er konnte all das, was ich gerne gekonnt hätte. Wir waren uns äußerlich ähnlich, noch dazu war er Thüringer wie ich. Wir sind wie zwei Ochsen zusammengeknallt, und weil wir beide auch Mimosen waren, haben wir dann auch mal ein Jahr nicht miteinander geredet. Da hat er dann den Puntila selber gespielt. Gott sei Dank. Das war in meinem Neid-Leid der absolute Tiefpunkt.

SPIEGEL ONLINE: Warum war es so schwer, sich zu versöhnen?

Thieme: Ich war unterschwellig zu neidisch auf seine Überlegenheit. Ich wollte ihn immer stellen. Er hat das gar nicht verstanden. Ich wollte aber von ihm geliebt werden, wollte sein Lieblingsschauspieler werden. Vielleicht hat er mich sogar geliebt. Aber er hat es mir einfach nicht vernünftig gezeigt. Da bin ich kiebig geworden.

SPIEGEL ONLINE: Sie selber sind in den Feuilletons so richtig groß erst 1999 herausgekommen. Für ihre Hauptrolle in Luk Percevals Salzburger Shakespeare-Orgie "Schlachten" bekamen Sie dann auch die Auszeichnung zum "Schauspieler des Jahres". Empfanden Sie diese Würdigung als ungerecht spät?

Thieme: Es war definitiv zu spät, wenn Sie mich fragen. Klar habe ich mich gefreut. Aber man hat als Schauspieler ja eine Selbstwahrnehmung und weiß, dass man vorher schon ein paar gute Sachen gemacht hat. Ich halte es bei Auszeichnungen mit dem großartigen Billy Wilder, der sagte: Preise sind wie Hämorrhoiden - irgendwann kriegt sie jedes Arschloch.

SPIEGEL ONLINE: Gefällt es Ihnen, wenn sich das Publikum provoziert fühlt?

Thieme: Ja. Ich mag das, wenn das Publikum den Fehdehandschuh aufnimmt. Bei Schleefs "Müttern", dem Jugendspitzenwerk, haben wir vor 150 Leuten angefangen, nach der Pause waren noch 30 drin, und die haben uns beschimpft. Ich glaube schon, dass ich's gerne hätte, wenn das Publikum auch hier in Salzburg richtig aggressiv würde. Wenn die Leute schimpfen, dann spüre ich mich, dann spüre ich die, dann kommt ein Dialog zustande.

Das Interview führte Wolfgang Höbel


"Moliére. Eine Passion", von Feridun Zaimoglu, Günter Senkel, Luk Perceval, Regie: Luk Perceval, Premiere bei den Salzburger Festspielen am 30. Juli, weitere Aufführungen: 1. bis 10. August, Koproduktion mit der Berliner Schaubühne



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