"Schiff der Träume" in Hamburg Wenn Flüchtlinge die deutsche Bühne entern

Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier nimmt Fellinis "Schiff der Träume" als Vorwand, aus Afrika stammende Flüchtlingsdarsteller auf die Bühne zu holen - und die eigene künstlerische und politische Ratlosigkeit auszustellen.

Matthias Horn

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Im Hamburger Schauspielhaus ist seit Samstagabend ein Akt der Piraterie zu besichtigen. Eine Handvoll kräftiger afrikanischer Männer spaziert auf die Bühne des Theaters und übernimmt die Show.

Die fünf jungen Männer tanzen, stellen Quizfragen, verlesen politische Manifeste und erzählen, warum sie zum Beispiel vor dem Morden in Burundi geflohen sind. Vor allem aber hindern sie die weißhäutigen Darsteller aus dem fest angestellten Schauspielhaus-Ensemble, darunter Stars wie Lina Beckmann, Michael Wittenborn und Charly Hübner, daran, das weiterzuspielen, was sie bis dahin 90 Minuten lang gezeigt haben: eine sehnsüchtig-verstiegene, leicht alberne Schifffahrtskomödie für das gehobene Bildungsbürgerpublikum.

"Schiff der Träume" heißt das insgesamt dreieinhalbstündige Theaterprojekt, das sich die Regisseurin und Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier ausgedacht hat. Als Vorwand benutzt sie den gleichnamigen, mehr als 30 Jahre alten Film von Federico Fellini, in dem eine dekadente Künstler- und Adligenschar mit der Asche einer Opernsängerin im Jahr 1914 auf dem Mittelmeer herumschippert und serbische Bootsflüchtlinge an Bord nimmt. Beier aber möchte eine Geschichte von heute erzählen - über die Fragen, die sich deutsche Kreative angesichts der sogenannten Flüchtlingskrise des Jahres 2015 stellen.

Ihre Dampfergesellschaft besteht ausschließlich aus Künstlern, nämlich Orchestermusikern, die ihren verstorbenen tyrannischen Dirigenten betrauern. Der tote Maestro, so Beiers Story, trug den Namen Wolfgang, sein größtes Werk nannte er "Human Rights Nr. 4", und eben das wird nun geprobt.

Man flüstert im Chor Rainer Maria Rilkes Gedichtzeilen "Der Tod ist groß / Wir sind die Seinen". Man singt wie bei Fellini Guiseppe Verdis "Libera Me" aus der Messa da Requiem, man reißt viele Witze über den Verblichenen und slapstickt so lange um die Urne herum, bis Charly Hübner sich fast die komplette Asche ins Gesicht geschüttet hat.

"Wir möchten eure Probleme haben"

Gut eineinhalb Stunden dauert diese Geisterbeschwörung auf einer halbdunklen Bühne, auf die der Ausstatter Johannes Schütz die Kabinen der Schiffspassagiere nach Art eines Adventskalenders gebaut hat. Einmal huscht eine Frau mit nackten Brüsten und Engelsflügeln (Kathrin Wehlisch) umher. Wiederholt philosophiert man über das metaphysische Wesen der Musik. Mal sieht man den beleibten und stets komischen Darsteller Josef Ostendorf mit Taucherflossen auf die Bühne taumeln.

Dann kommen die Flüchtlingsdarsteller - und es wird hell im Saal: Ab jetzt, soll das wohl heißen, verhandeln wir über die tagesaktuelle politische Realität. Und tatsächlich verkünden die jungen Männer Michael Sengazi, Sayouba Sigué, Ibrahima Sanogo, Patrick Joseph und Gotta Depri am Bühnenmikrofon bald Parolen wie: "Wir sind gekommen, um Europa zu helfen." Und: "Wir möchten eure Probleme haben."

Viele Theaterleiter in Deutschland, Österreich und der Schweiz engagieren sich derzeit für Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, Afghanistan und Afrika. Manche stellen ihnen Übernachtungsräume zur Verfügung, darunter auch das Hamburger Schauspielhaus. Manche machen auf der Bühne die Not der Migranten und die Ängste deutscher Bürger zum Thema, Sebastian Nübling im Berliner Maxim-Gorki-Theater zum Beispiel oder Volker Lösch in Dresden.

Manche Regisseure stört dieses Engagement: So protestierte der international erfolgreiche lettische Regisseur Alvis Hermanis gerade gegen "die deutsche Begeisterung, die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen", die er angeblich für extrem gefährlich hält, weil unter den Neuankömmlingen Terroristen seien. Hermanis sagte deshalb eine komplette Inszenierung in Hamburg ab.

Kitsch statt Klarheit

Vor diesem Hintergrund geht nun Beiers "Schiff der Träume" im Hamburger Schauspielhaus vom Stapel. Und versinkt leider in einem Meer von Sprechblasen ("Wir bringen euch Fröhlichkeit"), die man aus Fernsehtalkshows, mittelschlauen Essays und Polit-Kabarettnummern längst zu kennen meint.

Beier hatte Großes angekündigt: ein "Requiem für ein realitätsblindes und daher zum Untergang verurteiltes Europa", das zugleich ein "poetisch-dramatischer Aufruf zur Kursänderung" sein soll. Sie hat sich von ihren Dramaturgen Stefanie Carp und Christian Tschirner eine Menge Texte zusammensuchen lassen. Sie hat sich von der Choreografin Monika Gintersdorfer und dem Künstler Knut Klaßen und deren Arbeit mit meist ivorischen Tanzdarstellern inspirieren lassen, die den Zusammenprall afrikanischer und europäischer Körper- und Kulturbegriffe verhandeln.

Das Ergebnis ist ein Abend, der mehr und mehr im heiteren, aber intellektuell stark unterkomplexen Chaos versinkt. Sehr viele Minuten lang hören wir den Flüchtlingsdarstellern bei Witzeleien über ihre und Europas Ängste zu. Wir betrachten ein paar halbherzige Versuche der weißen Trauergesellschaft, mit den afrikanischen Fremden ins Gespräch zu kommen - und sehen schließlich alle zusammen tanzen.

Spätestens in dieser tänzerischen Verbrüderung versinkt Karin Beiers "Schiff der Träume"-Exkursion im schieren Kitsch. So engagiert die politischen Intentionen dieses Theaterabends sein mögen, der am Ende als "Integrationstraining" deklariert wird: Mehr als diskursives Kuddelmuddel kommt nicht heraus. Die Hamburger Piratenshow wirkt, als sei es Beier ähnlich ergangen wie dem Künstlerhelden in Federico Fellinis berühmtestem Film "Achteinhalb". Er habe etwas völlig Einfaches und Ehrliches erzählen wollen, bekennt er, "und nun herrscht in meinem Kopf die größte Verwirrung".



insgesamt 12 Beiträge
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Tiananmen 06.12.2015
1.
"Wenn Flüchtlinge die deutsche Bühne entern..." dann tragen sie Augenklappen, hinten verknotete Schnupftücher und das Entermesser zwischen den Zähnen, oder ? Sagt mal Spons, geht's noch? Entern?
nickleby 06.12.2015
2. Kontraproduktiv
Vor lauter Flüchtlingsbegeisterung in allen Bereichen unseres Lebens, angefangen bei den Steuergeldern, aufgehört bei der Kultur, vergisst man, dass dieses Land immer noch Deutschland heißt und nicht "-right-in-the -middle -of -nowhere". Wir zahlen Steuern, müssen die Belastungen ertragen, müssen mit ansehen, dass Rentner weniger als Flüchtlinge erhalten, müssen erleben, dass die deutsche Sprache auf ein Minimum reduziert wird, dass Politiker (Frau Dreyer) verlangen, Überstunden abzuleisten. All das führt zu einem Staatsverdruss, der nicht zu heilen ist, zumal auch die Presse auf dem Ohr der berechtigten Sorgen der Bürger taub zu sein scheint. Man gewinnt den Eindruck, dass es vielen Politikern gleichgültig ist, ob die Deutschen sich in ihrem Land wohlfühlen oder nicht. Unser Land wird, wie man in Polen, der Slowakei, Dänemark laut festgestellt hat, auf dem Altar der Schimäre der Menschenfreundlichkeit geoopfert, ohne Gewinn davonzutragen, sondern nur Kummer, Not und Verdruss.
diablog 06.12.2015
3. Requiem
""Requiem für ein realitätsblindes und daher zum Untergang verurteiltes Europa", das zugleich ein "poetisch-dramatischer Aufruf zur Kursänderung" sein soll." - kann man im Artikel lesen. Realitätsfremder könnte es nicht sein. Die künstlerische Freiheit lässt einem Künstler in der Tat sehr viel Spielraum, um sein inneres Kind auszuleben, seine Phantasie grenzenlos walten zu lassen, seine Umgebung und Umfeld nur durch Abstraktionen darzustellen sogar verstellen. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Die Künstlerin welche dieses Bühnenstück ausgedacht hat, beansprucht für sich die künstlerische Freiheit nicht. Sie will konkret sein. Sie will das "HIER und JETZT" darstellen, sie wird ihr Publikum einladen, diese HIER und JETZT durch ihre, einzig realitätsnahe Interpretation "endlich" wahrzunehmen, jene magische Katharsis zu erleben, was die Sicht des Zuschauers auf die Welt in die richtige Richtung lenken soll. Man soll mit dem Rest der Welt in einem Tanz verschmelzen. Wenn nicht – dann wird für dem untergegangenen Europa bald das Requiem gespielt werden. Es ist Theater, es wird gespielt. Die Darsteller aus Côte d'Ivoire haben eine grossartige Möglichkeit bekommen ihr Können zu zeigen und dafür das gut verdiente Honorar erhalten. Das ist gut so. Sie können nicht dafür, dass sie in einem Bühnenstück aufgetreten sind das einzig und allein als Selbstinszenierung zu sehen ist. Selbstinszenierung im Sinne: hier und jetzt schnell mal was zusammenzimmern, so lange bis es aktuell ist. Hauptsache: gesehen und gehört zu werden. Werbegag. Die künstlerische Freiheit – wäre es hier ernst genommen – hätte die Intendantin dazu verpflichtet die wahre Realität darzustellen. Es wird "Fröhlichkeit" zu uns gebracht? Und was wird weggenommen? Wozu alles wird Europa jetzt verpflichtet? Wenn etwas für die Untergang von Europa "sorgen" wird, dann die von oben nach unten angeordnete "Fröhlichkeit", Sorglosigkeit und unbegrenzte Optimismus. Für Mitdenken, Mitsorgen werden wir weder aufgefordert noch gefragt. Wir dürfen keine Zukunftsangst haben. Wir dürfen lediglich in Schweigeminuten verharren… Ob alle die uns die Fröhlichkeit bringen, auch diese Sorgen mit uns teilen wollen?
dedraha 06.12.2015
4.
@nikleby Helldeutschland eben. Aber solange sich dafür noch ausreichend Zuschauer und Wähler (dieser Politik) finden, kann es noch nicht so schlimm sein. Die Auswirkungen dieses Kurses sind offenbar noch nicht in der Breite angekommen. Da geht noch was.
diefetteberta 06.12.2015
5. Brainwashing
Leider wurde nicht beim Schauspielhaus, wie die Arbeit der Flüchtlinge honoriert wird, das wäre noch interessant. Ansonsten kann man sich nur noch dem lettischen Alvis Hermanis anschließen, der in der NZZ gut begründet, warum er bei der deutschen Willkommenshysterie nicht mitmacht. Nachdem die hochsubventionierten Theater schon als pro-Olympia-PR-Maschine gebraucht wurden, jetzt also das Gesamtdeutschebrainwashing a la wir-sind-die-Guten. Ich meine, alle Subventionen für solch einen Unsinn streichen.
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