Schindhelm-Rücktritt Schwere Vorwürfe gegen Wowereit

Es ist Klaus Wowereits erste Bewährungsprobe als neuer Berliner Kultursenator: Michael Schindhelm verlässt seinen Posten als Generaldirektor der Opernstiftung unter Protest gegen das hemdsärmelige Vorgehen des Bürgermeisters. Der gibt unterdessen Bestandsgarantien für sämtliche Häuser ab.


Berlin - "Der neue Kultursenator hat neben den folgenschweren Äußerungen der letzten Wochen, in denen er öffentlich die Stiftung und meine Person in Frage gestellt hat, sich auch über das geschaffene Rechtsgebilde hinweggesetzt, indem er ohne jegliche Rückkopplung mit der Stiftung und ihren Organen Verhandlungen mit dem Bund wegen der Übernahme der Staatsoper Unter den Linden angekündigt hat", zitiert die "Berliner Zeitung" heute das Kündigungsschreiben Michael Schindhelms, der, wie er gestern Abend ankündigte, seinen Posten als Generaldirektor der Berliner Opernstiftung überraschend und frühzeitig aufgibt .

Wowereit-Opfer Schindhelm: "Keine Rückkopplung mit der Stiftung"
DPA

Wowereit-Opfer Schindhelm: "Keine Rückkopplung mit der Stiftung"

Das Gebaren Wowereits erwecke den Anschein, "als sei die Schließung oder Erhaltung der Opern allein von seinem Willen abhängig und stellt die Stiftung dadurch unausgesprochen als obsolet dar."

Schindhelm hält eine kooperative und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Wowereit für nicht mehr zumutbar an und sieht das vertragliche "Auflösungsverschulden" in allen Punkten bei dem Regierenden Bürgermeister. Insgesamt ließe sich Wowereits Verhalten als "Bossing" qualifizieren, als übertriebenes Chef-Gehabe.

In der neuen rot-roten Regierung übernimmt Wowereit künftig das Amt des Kultursenators. Dieser ist zugleich Vorsitzender des Stiftungsrates der Opferstiftung. Schindhelm hatte sein Amt als Generaldirektor erst im April letzten Jahres angetreten. Am Mittwoch wolle er dem Stiftungsrat noch sein Struktur- und Finanzkonzept für die nächsten drei Jahre vorlegen.

Die Vorgaben des Senats sehen in den nächsten drei Jahren eine Kürzung der Zuschüsse für die Stiftung von 112 Millionen auf 99 Millionen Euro vor. Wowereit hatte eine Übernahme der Staatsoper durch den Bund vorgeschlagen, was aber bislang abgelehnt wurde.

Im "Stern" gab Wowereit unterdessen eine Bestandsgarantie für die Opernhäuser und öffentlich geführten Theater in der Hauptstadt ab. In einem Interview mit dem Magazin beantwortete er eine entsprechende Frage mit einem klaren Ja und fügte hinzu: "Die Bundeshauptstadt Berlin ist und bleibt auch eine Kulturhauptstadt."

Nach den eindeutigen Signalen des Kulturstaatsministers, Berlin keine weiteren Kultur-Beihilfen zu leisten, sagte Wowereit, es wäre schön, wenn nun stattdessen das Berliner Bürgertum und die Wirtschaft die Finanzierung einer der drei Opern sicherstellen könnten. Zur Sanierung der Staatsoper gebe es die Idee, privat 30 Millionen Euro zusammenzutragen. Aber das werde schwierig, räumte Wowereit ein: "Hier fehlen reiche Familien, oder sie haben noch nicht das Bewusstsein, dass so etwas zum bürgerschaftlichen Engagement gehört."

bor/ddp/AP/dpa



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