Bilder aus der Schlagerwelt Party im Plastikland

Der Schlager ist eine der erfolgreichsten Musikrichtungen und eine Dienstleistung am kleinen Mann. Fotograf Ansgar Dlugos zeigt das Kitsch-Konstrukt mit seiner eigentümlichen Ästhetik.

Ansgar Dlugos

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Zur Person
  • Ansgar Dlugos
    Ansgar Dlugos, Jahrgang 1984, ist Fotograf und Sozialarbeiter. Er beschäftigt sich mit Porträts und Reportagen und bereiste für Langzeitprojekte Nepal und Honduras. Die Reihe "Mitten im Paradies" über die Ästhetik der Schlagerwelt ist seine Abschlussarbeit an der FH Dortmund.
Es ist so leicht, über die Schlagerwelt zu lachen. Die Musik ist so simpel, die Ästhetik so fake, alles so durchschaubar. Trotzdem funktioniert der Schlager, die Absatzzahlen erleben Höhenflüge. Der Schlager ist so erfolgreich wie seit 25 Jahren nicht mehr. Das allein kann ein Grund sein, diese Welt intensiver zu betrachten.

Der Schlager verkauft Stimmungen, Gefühle. Er will unterhalten ohne tiefere Bedeutungsebene. Er bietet Zuflucht: weg aus einer immer komplizierter wahrgenommenen Welt hinein in ein einfaches, künstliches Paradies. "Gemeinschaftsgefühl, Vereinfachung, Spaß - der Schlager hat eine wichtige gesellschaftliche Funktion, ähnlich wie die therapeutische Wirkung des Karnevals oder des Fußballs", findet Fotograf Ansgar Dlugos. "Dieses Phänomen wollte ich abbilden."

Dlugos hat Stars, Fans und Aufführungsorte fotografiert. In seiner Arbeit "Mitten im Paradies" widersteht er der Verführung, diese Welt ins Lächerliche zu ziehen. Dlugos porträtiert das Publikum in seiner Lebenswelt und die Musiker bei der Arbeit, ganz ohne herablassende Inszenierung. Pompöse Konzerte mit ihren Explosionen an Farben zeigt er im beschwichtigenden Panoramaformat.

Dabei hebt Dlugos das wichtigste Stilmittel des Schlagers hervor: den Kitsch. "Beim Kitsch passen die Relationen nicht. Dinge befinden sich in einer falschen Zeit, am falschen Ort, in falschen Größen. Es ist ein kurioses Mittel, das auch meinen Bildern eine gewisse Absurdität verleiht", sagt Dlugos.

Heidepark statt Karibik

Schlager, das ist Inszenierung über die Grenze des guten Geschmacks hinaus, und die Menschen retten sich in diese Kompositionen aus Kunstfiguren inmitten von Plastikblumen und PVC-Böden. Die Schlagerwelt soll nicht echt wirken, die Künstlichkeit ist gewollt. "Jeder weiß, dass das nicht authentisch ist. Trotzdem möchte jeder die Kirschblüten am Plastikbaum sehen", sagt Dlugos, "es scheint mir unabdingbar, diese Ästhetik zu benutzen." Deshalb inszenierten sich die Flippers zu ihrem Song "Die rote Sonne von Barbados" lieber im Heidepark Soltau als an einem echten Karibikstrand. "Alles andere würde die Leute irritieren. Die Schlagerfans wollen diese Plastikästhetik", sagt Fotograf Dlugos.

Mit Freizeitparks können sich außerdem viele Menschen identifizieren. Nahbarkeit der Musiker ist ein großer Unterschied zu den Inszenierungen etwa der Popmusik. Schlagerstars sind greifbar, auch diese Begegnungen mit ihren Fans hat Dlugos in "Mitten im Paradies" festgehalten: Florian Silbereisen legt sich während einer Show in der Westfalenhalle flach auf den Bühnenboden, damit ihm eine Frau im Zuschauerraum einen Kuss auf die Wange drücken kann. Auch stundenlange Autogrammstunden nach Konzerten gehören zu den Pflichtaufgaben der Schlagerstars.

Viele Musiker pflegen persönlichen Kontakt zu den Fans in ihren eigenen Kneipen, etwa Michael Wendler im Tanzlokal Nina in Köln oder René Pascal in der Drehscheibe in Essen-Rüttenscheid. "Die Musiker sind zum großen Teil damit beschäftigt, sich nahbar zu machen. Das ist fast wichtiger als die Musik", sagt Dlugos. Wer Fans in dieser Branche nicht ernst nehme, werde schnell mit Boykott bestraft.

Der Ausflug in die Schlagerwelt war für Ansgar Dlugos persönlich zunächst eine Herausforderung. Innerhalb von drei Monaten fotografierte er 31 Konzerte und besuchte Musiker und Fans zu Hause. "Diese Welt war gewöhnungsbedürftig", sagt Dlugos. Er habe aber erfahren, wie wichtig diese Branche sei für Menschen, die eine "Beruhigung der Seele suchen", ganz gleich, wie viel Geld dahinterstecke.



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