Schleuser-Drama in der ARD Ukraine Wonderland

Perfektes Timing: Mitten in der Visa-Affäre zeigt die ARD Hartmut Schoens TV-Film "Der Grenzer und das Mädchen". Die anrührende Geschichte über einen deutschen Spießer und eine ukrainische Schleuserin transportiert die Lebenswirklichkeit des osteuropäischen Grenzgebietes in deutsche Wohnzimmer.

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"Der Grenzer und das Mädchen", Darsteller Prahl, Breitkreiz: Sanfter Annäherungsprozess
WDR/Marc Meyerbroeker

"Der Grenzer und das Mädchen", Darsteller Prahl, Breitkreiz: Sanfter Annäherungsprozess

Für einen Augenblick wird das Grenzgebiet zwischen Polen und der Ukraine zum Wunderland. Ein Grenzer verfolgt eine flüchtige Schleuserin, hastet entlang zauberhaft funkelnder Lichtungen und Hügelchen. Ein märchenhaft anmutender Ort, an dem die Regeln aus der Welt des Grenzwächters plötzlich bedeutungslos sind. Die junge Frau bringt diesen Umstand kurz und bündig auf den Punkt: "Kein Polen hier, kein Scheiß-EU", keucht sie triumphierend und steckt sich eine Zigarette an, als sie ukrainischen Boden erreicht hat. Darauf entwickelt sich ein sonderbar sanfter Annäherungsprozess zwischen dem Jäger und der Gejagten.

Der Fernsehregisseur Hartmut Schoen ("Vom Küssen und vom Fliegen") hat über die Jahre einen unverkennbaren Stil entwickelt. In seinen Geschichten schafft er magische Schlupflöcher aus der Wirklichkeit - und bringt doch die psycho-ökonomische Logik eben dieser Wirklichkeit auf den Punkt. So auch in der WDR-Produktion "Der Grenzer und das Mädchen", in der die märchenhaft keusche Liebe der beiden Titelfiguren bezeichnenderweise mit einem Geschäft beginnt: Der Beamte hat sich bei der Verfolgung im Wald den Knöchel verstaucht, die Schleuserin rettet ihn. Allerdings ringt sie ihm das Versprechen ab, dass er eines Tages auch ihr zur Seite steht.

Ein fataler Deal

Ein fataler Deal. Schließlich ist der BGS-Beamte Müller (Axel Prahl) ins polnisch-ukrainische Grenzgebiet versetzt worden, um die Kollegen des jungen EU-Mitgliedlandes Polen auf mitteleuropäische Standards zu trimmen. Die Verbindung zur Ukrainerin Lippa (Margarita Breitkreiz) lässt dieses Unterfangen natürlich aus dem Ruder laufen. Die junge Frau organisiert ihren klandestinen Grenzverkehr mit dem Mumm und Geschäftssinn einer Kleinunternehmerin und muss sich dabei auch noch gegen konkurrierende mafiöse Schlepperbanden behaupten. Der Beamte Müller wird unfreiwillig zum Komplizen bei ihren illegalen Transaktionen.

Szene aus "Der Grenzer und das Mädchen": Nichts wird verharmlost
WDR/Marc Meyerbroeker

Szene aus "Der Grenzer und das Mädchen": Nichts wird verharmlost

Wenn sie genug Geld zusammen hat, will Lippa selbst nach Deutschland abhauen; mittels alter DDR-Schallplatten hat sie sich bereits das sprachliche Rüstzeug angeeignet. Ihren eigenen Körper will sie allerdings nicht als Ticket in die vermeintliche Freiheit missbrauchen. Die Schleuserin weiß: "Die Araber mögen Blonde, die Türken Jungfrauen, die Deutschen Kinder. Aber man kommt da nicht mehr raus, wenn man mit ihnen geht." Der freundliche Müller erscheint ihr da als akzeptabler Partner fürs ferne Deutschland. In einer Absteige bietet sie ihm - ein gewisser Einsatz muss wohl sein - dann doch ihre Liebesdienste an. Müller lehnt wütend ab.

Nichts wird verharmlost

"Der Grenzer und das Mädchen" könnte natürlich zu keinem besseren Zeitpunkt ausgestrahlt werden. Während Außenminister Joschka Fischer vor zwei Tagen vor dem Visa-Untersuchungsausschuss über das bürokratische Versagen seiner Behörde in der Ukraine und die dadurch bedingte Zuwanderung Rechenschaft ablegen musste, führt dieser Film nun in eine Welt, in der Zwangsprostitution und Menschenschmuggel alltagsbestimmend sind. Nichts wird verharmlost, es gibt auch keine Ausflüchte ins Sozialromantische. Die moralischen Kategorien allerdings, mit der man allgemein die Schleuserkriminalität als Wurzel aller osteuropäischen Erweiterungsübel verdammt, werden durch Schoens nüchtern-anrührendes Grenzszenario gehörig relativiert.

Das deutsche Kino hat ja schon seit etwas längerer Zeit die sich stetig neu ordnende Nachbarschaft der ehemaligen sozialistischen Länder als fruchtbares erzählerisches Territorium entdeckt. Ob Achim von Borries' Transitdrama "England!", Andreas Dresens Plattenbaumelodram "Halbe Treppe" oder Hans-Christian Schmids Kapitalismus-Reflexion "Lichter": An den Systemschnittstellen des erweiterten Europas, also dort wo der abgewickelte Sozialismus auf einen unkontrollierten Turbokapitalismus trifft, findet man zurzeit die dringlichsten Spielfilmstoffe.

Schauspieler Prahl als Grenzer Müller: Biedermann in Nöten
WDR/Marc Meyerbroeker

Schauspieler Prahl als Grenzer Müller: Biedermann in Nöten

Auch das deutsche Fernsehen traut sich gelegentlich in diese nebulösen gesellschaftlichen Randzonen: So siedelte Sabine Derflinger ihr außergewöhnliches Familiedrama "Kleine Schwester", das im vergangnen Jahr im ZDF lief, im sächsisch-tschechischen Grenzgebiet an: Heruntergewirtschaftete Straußenfarmen diesseits der Grenze zeugen darin vom zerplatzten Traum der blühenden Landschaften, fliegende asiatische Händler jenseits der Grenze bieten CDs von rechtsradikalen Bands an, die in Deutschland auf dem Index stehen. Widersprüche, wohin man sieht.

Ein ganz normaler Spießer

Das Fernsehen braucht mehr von solchen aufwühlenden Filmen, in denen die Probleme der Globalisierung als Phänomene der eigenen Lebenswirklichkeit sichtbar gemacht werden. Allein, wo sollen die laufen? Die ARD zum Beispiel tut sich immer schwerer damit, die Prime Time dafür herzugeben. Hartmut Schoens letzter Film "Zuckerbrot", in dem der Regisseur mit den Mitteln des poetischen Realismus die Berliner U-Bahn und die Quartiere russischer Aussiedler zeigte, wurde bei Erstausstrahlung gleich auf die Latenight-Schiene gedrückt. Denn der 20.15-Uhr-Sendeplatz am Mittwoch, beim Ersten einst Stammplatz für anspruchsvolle TV-Produktionen, wird immer öfter anderweitig vergeben. Auch dort wird jetzt verstärkt der Fernsehnepp verklappt, den die ARD-Tochter Degeto eigentlich für den Freitagabend produziert.

Da darf man sich schon sehr freuen, dass "Der Grenzer und das Mädchen" heute direkt nach der "Tagesschau" läuft. Aber immerhin liefert der Titelheld auch ein breites Identifikationspotential: Der BGS-Beamte Müller hat daheim in Berlin ein halbfertiges Eigenheim stehen und träumt von einer Frau, die auch bei Regen mit ihm ins Fußballstadion geht. Ein ganz normaler netter deutscher Spießer also.

Mit heiterem Grimm begleitet Hartmut Schoen diesen Müller nun ins gar nicht so ferne ukrainische Wonderland, wo sein Leben komplett auf den Kopf gestellt wird. Nach einem Besäufnis mit Lippas Bruder liegt er im Wodka-Koma auf dem Küchenfußboden. Und in einer Autobahnraststätte nimmt der Biedermann mit der jungen Schleuserin ungelenk durchs Fenster Reißaus vor polnischen Polizisten, die während einer Razzia Prostituierte und Schmuggler hochnehmen. Der Verfolger wird zum Flüchtigen. Ein hübscher Dreh, um auch die ukrainische Lebenswirklichkeit hinter der Visa-Affäre in deutsche Wohnstuben zu bringen.



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