Schlingensief gegen die FDP Faule Fische, Federn und Patronenhülsen

Der Theater-Provokateur Christoph Schlingensief fühlt sich von der FDP offenbar so verletzt, dass er auf die Antisemitismus-Debatte um Jürgen Möllemann mit alttestamentarischen Flüchen und Voodoo-Zauber antwortet.
Von Henrike Thomsen

Obwohl sich Christoph Schlingensief als Politiker versteht, hat er keinen Begriff des Allgemeinwohls. Was er braucht, um politisch aktiv zu werden, ist allein die Punk-Devise "Schlagt kaputt, was euch kaputt macht". Wenn Schlingensief richtig wütend und verletzt sei, sagen Theaterleute, dann sei er richtig gut.

So gesehen zeigte die "Aktion 18" im Rahmen des Festivals "Theater der Welt" den notorisch provokanten Theater-Regisseur in Bestform. Denn Schlingensief fühlt sich von der FDP verletzt und "innerlich beschmutzt", besonders aber von Jürgen Möllemann. Am Sonntagabend hatte er daher im Theater der Stadt Duisburg eine Art Altar mit den Porträts von Möllemann und dem Erfurter Amokläufer Robert Steinhäuser aufgebaut. Er legte seine Sympathien eindeutig fest: "Tötet Mollemann", rief er nach einem "Euthanasie-Rap" ins Publikum, und durchbohrte dem Porträt des FDP-Politikers - frei nach der alttestamentarischen Devise "Auge um Auge" - die rechte Pupille. Steinhäuser dagegen verteidigte er: "Entweder geht man in die Politik und bringt die Leute leise um, oder man macht es wie er."

Dem Grünen-Politiker Cem Özdemir war es zu diesem Zeitpunkt schon sichtlich unangenehm, dass er sich darauf eingelassen hatte, an dem Abend mitzuwirken. Denn Schlingensief forderte ganz unverblümt: "Geht nach Hause, holt die Knarre und rechnet mit dem FDP-Parteitag ab." Verzweifelt zeigte sich der Theatermann darüber, dass die Berliner Republik am Ende sei. Was er denn jetzt zu tun gedenke, fragte er Özdemir, mit einem Unterton, der suggerierte, dass herkömmliche Wahlkampfmethoden doch wohl längst nicht mehr genug seien, um eine Wahlschlappe im September zu verhindern. Özdemir verteidigte tapfer die demokratischen Spielregeln und behielt sorgenvoll das lebende Huhn im Auge, das Schlingensief mitgebracht hatte und zu schlachten drohte, um Möllemann notfalls mit einem Voodoo-Zauber unschädlich zu machen.

Schlingensief war sich offenbar bewusst, wie grenzwertig der Abend sich selbst für seine Verhältnisse gestaltete. Zum Abschluss sah man den Theater-Hasser durch das Schauspielhaus tanzen und rappen und deklamieren: "Wir müssen einmal danken!". Daraufhin verneigte er sich vor jeder Ecke des Hauses, dankte und beklatschte die Mauern der Spielstätte. Dahinter steckte wohl nichts anderes, als die kluge und vorsichtige Reklamation der künstlerischen Narrenfreiheit.

Montagmittag um 12 Uhr fanden sich Schlingensief und sein künstlerischer Tross dann vor dem Düsseldorfer Sitz von Möllemanns Firma Webtech ein, von der aus der FDP-Politiker angeblich Waffengeschäfte mit arabischen Ländern betreibt. Dort knüpften sie eine Strohpuppe an einem Sperrholzgalgen und steckten sie in Brand. Faule Fische, Federn und Patronenhülsen flogen in den Vorgarten der Firma, der von der vorgewarnten Polizei abgeschirmt wurde. Als Schlingensief versuchte, die Puppe mit einem Scharon-Porträt zu schmücken (wohlgemerkt um Möllemanns antisemitisches Brandstiftertum zu symbolisieren), griffen die Beamten ein und hinderten ihn daran.

Schlingensief hämmerte daraufhin auf einem verstimmten, mit blaugelben "Aktion 18"-Plakaten dekorierten Klavier die schrägsten Akkorde und intonierte seine Schlachtrufe "Ich bin verletzt!" und "Möllemann, ich verfluche Dich!" Dann endlich holte er aus dem Laster das Voodoo-Huhn hervor. Das Publikum, das bisher eher gelassen zugesehen hatte, wurde plötzlich unruhig. "Wenn er dem Tier 'was tut, bringe ich ihn um", sagte eine Frau. Schlingensief ließ es leben.

Die Rheinländer werden in den kommenden zehn Tagen wohl noch eine Menge von Schlingensief haben. Bis zum Ende des Festivals "Theater der Welt" wird er durch die Einkaufszonen touren und seinen polemisch fingierten Wahlkampf für die FDP betreiben. Am Montag aber war das Spektakel zunächst nach einer Stunde vorüber. Ein kleiner Junge aus der Nachbarschaft sah auf die chaotische Szenerie voller Brandspuren und Löschschaum und fragte erstaunt: "Was war das denn?" "Kunst", gab jemand zur Antwort.

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