Schlingensiefs Hamlet Zwischen Glatzen, Glotzen und Strapsen

Buhrufe hagelte es beim Berliner Theatertreffen für die "Hamlet"-Inszenierung von Skandalregisseur Christoph Schlingensief, der eine Gruppe ausstiegswilliger Neonazis in Strumpfhosen auf die Bühne brachte.
Von Harriet Dreier

Männerbeine in Strapsstrümpfen sind nichts Neues. Doch wie Sebastian Rudolph als "Hamlet" mit knallroten Lippen und schwarzem Wams lasziv über die Bühne der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz stöckelt, ist sehenswert. "Sein oder nicht sein", stöhnt der verkappt homosexuelle Dänenprinz den viel zitierten Monolog und räkelt sich am Bühnenrand wie Sally Bowles. Sehenswert wie auch die gesamte Shakespeare-Inszenierung, die Regisseur Christoph Schlingensief in stark gekürzter Schlegel-Übersetzung mit Umstellungen, Einschüben, viel Musik und deutschen Neonazis auf die Berliner Bühne brachte.

Nach der Skandal-Aufführung in Zürich präsentierte Agent Provokateur Schlingensief nun dem deutschen Publikum erstmals seinen "Hamlet". Im Gepäck hat er als Mitakteure die sieben Rechtsradikalen oder Ex-Neonazis - so deutlich kommt das nicht heraus - des Resozialisierungsprogramms "Nazi-Line". Mit diesem Streich bescherte der 40-jährige Regisseur der Volksbühne ein ausverkauftes Haus und brachte das linksintellektuelle Publikum in Rage. Das war anscheinend eigens gekommen, um ein paar echte Neonazis aus der Nähe zu begaffen. Als die infernalischen Sieben dann zu richtigem Rechtsrock für das berühmte Spiel im Spiel, die Mausefalle, auf die Bühne marschierten, waren ihnen, fast reflexartig, Buhs und Zwischenrufe sicher.

"Wir glauben euch kein Wort", brüllte einer der Protestrufer; eine Zuschauerin beschimpfte den Schauspielertrupp als "eitle Fatzkes, die nur ins Rampenlicht wollen". Unter den Mitspielern war auch der Produzent von Rechts- und Skinheadrock Torsten Lemmer aus Düsseldorf. Er verlas auf der Bühne einen Brief an seine "ehemaligen Weggefährten", in dem er seinen Ausstieg bekräftigt. Dafür bekam er vom Publikum Applaus.

Neonazis als Mitstreiter: Demaskierung, Demonstration oder schlicht Provokation? Die Idee der achtziger Jahre, mit einer Unterbrechung des Stückes nach dem Motto "Wir machen kein Theater" das Publikum aus den Stühlen zu reißen, ging an der Volksbühne voll auf. Weniger hitzige Gemüter mögen sich schlicht gefragt haben, warum sie sich die schlechten mimischen Qualitäten der umgeschulten Akteure antun. Glücklich allein der zu überführende Königsmörder König Claudius (Peter Kern): Er hat den ganzen Aufmarsch verpennt. Ein Gutes hat die Einlage auf jeden Fall: Linke reden mit Rechten.

Der eineinhalbstündige "Hamlet"-Bilderbogen hat jedoch mehr zu bieten als Provokation durch junge Neonazis im martialischen Gewand. Schlingensief hält der Gesellschaft den Zerrspiegel vor und meint es bisweilen witzig, ironisch und auch ernst. Der 1963er-Hamlet tönt vom Band, aus dem Off raunen die uralten O-Töne von Gründgens, Hoppe, Olivier. König Claudius, auf einem fahrbaren Thron herangekarrt, lallt in prachtvollem Gewand auf einer Plüschbühne (Jo Schramm) vor sich hin. Als seine Gemahlin ist Irm Hermann zu sehen, im Duett mit der Konservenstimme von Hoppe. Zwischen schaurig-grünen und blutroten Nebelschwaden wie aus einem Gruselfilm wabert Filmmusik durch den Raum, durchbrochen von Wagnerklängen.

Zwischen Kitsch und Klassik, zwischen Fellini und Schwachsinn, zwischen Koketterie mit dem NS-Regime, Trittbrettfahrerei und Rechtsradikalismus wechseln die Stimmungen der Inszenierung. Mal gemahnt die tot von der Schippe hängende Ophelia (Bibiana Beglau, bekannt aus "Die Stille nach dem Schuss") an die Vernichtung der Juden, dann wieder zeigt sich Hamlet in Strapsen als Schwuler mit Ödipuskomplex, und im nächsten Moment kommt Schlingensief selbst als Hitler angestapft und schwenkt auf Fahnen die Ikonen anarchischen Widerstands: Beuys, Fassbinder, Luxemburg.

Sieger der Veranstaltung ist Schlingensief: Der Apothekersohn gibt auf seiner Bühne den Fortinbras - diesen positiv denkende Krieger aus Norwegen, der mit seiner schlagkräftigen Truppe einfach in Dänemark einfällt und am Ende den Thron erbt. Dafür liegen ihm die Neonazis zu Füßen.

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