Schmidt im neuen Studio Housewarming mit Edi

Neues Jahr, neues Studio: Harald Schmidt freute sich in seiner ersten Show im WM-Jahr so sehr über die neue Kulisse, dass er beinahe vergaß, witzig zu sein. Einzig eine dadaistisch anmutende Rede Edmund Stoibers sorgte für Heiterkeit. Wenn das nicht bedenklich ist.

Von Reinhard Mohr


Endlich konnte die Kamera wieder eine richtige Fahrt durchs Studio unternehmen, und so wurde das niegelnagelneue Zuhause der Harald Schmidt Show im Ersten gestern Nacht vom Gastgeber auch ausgiebig und voll Besitzerstolz präsentiert, teils mit schwarzer Schutzbrille und roten Lärmschutzkopfhörern ausgestattet.

Entertainer Schmidt (im neuen Studio): Schluss mit der alten ARD-Kemenate
ARD/Klaus Görgen

Entertainer Schmidt (im neuen Studio): Schluss mit der alten ARD-Kemenate

Zuweilen liegend oder mühsam vorwärts kriechend demonstrierte Harald Schmidt die raffinierte Kulissen-Konstruktion in Köln-Mülheim. Auch dort scheint der Aufschwung angekommen zu sein. Endlich Schluss mit der alten ARD-Kemenate, die stets wie die Schrumpf- und Sparversion eines Fernsehstudios wirkte, in dem man allenfalls Sendungen wie "Herrchen gesucht!" angemessen hätte produzieren können. Nun aber gibt es wieder eine richtige Bühne und eine richtige Treppe, die Farben strahlten frisch und die Scheinwerfer leuchteten. Erinnerung an alte Zeiten.

"Willkommen im Palast der Republik!" rief der Hausherr, und man störte sich nicht daran, obwohl derjenige in Berlin gerade abgerissen wird.

Die Optik stimmte also. Doch verführte der neue Glanz Schmidt offenbar dazu, seinen Stand-up-Vortrag, der gewöhnlich wenige Minuten dauert, bis ans Ende der Sendung zu verlängern. Das tat ihr nicht wirklich gut. Die Liebe zum neuen Studio war sogar derart groß, dass selbst Bau- und Handwerksreste, die bei den Umbauten angefallen waren, unter großem Aufwand ans Publikum verteilt wurden, darunter Teile der Studioverkleidung, gebrauchte Glühbirnen und Holzreste für den offenen Kamin daheim im Sauerland.

Richtig warm wurde einem dennoch nicht bei der ersten Schmidt-Show im WM-Jahr 2006. Der frischgebackene Berliner CDU-"Top-Spitzenkandidat" Friedbert Pflüger (bei einem Zusammentreffen von Bundestag und Assemblée Nationale in Versailles hatte er sich einst sprach- und kulturbeflissen als "Friedbeeeeer Pflügääääääär" vorgestellt, wie jedenfalls Joschka Fischer hämisch erzählte) gab nicht viel her außer Spott über einen alten, inzwischen abrasierten Softie-Schnauzer Marke "Junge Union bekämpft die Pubertätsakne".

Auch die fiktive Winterkollektion "Mantel Modell Susanne Osthoff, knöchellang und mit Dollarbündeln gepolstert", war leider nicht richtig Weltniveau. Die Mitteilung, dass bei der sibirischen Kälte im Osten selbst "Gammelfleisch zur Mangelware" wird (weil es nicht vergammeln kann), konnte die akuten Gähnanfälle nicht verhindern, und auch der Einspielfilm zu den aktuellen bolivianischen Modetrends (nein, nicht von Ché Guevara) des neuen Staatspräsidenten Evo Morales, dessen indianischer "Ethno-Retro-Chic" im buntgestreiften Power-Pulli derzeit Furore macht, ließ die müden Augen nur kurz ein wenig größer werden.

Doch plötzlich war man hellwach. Von Ferne drang eine vertraute Stimme ans Ohr, eine bayerisch getönte Männerstimme, recht hoch angesiedelt und immer wieder ins "Äh, äh..." fallend, nicht wirklich stotternd, aber doch voller Wort- und Silbensuche. Natürlich war ER es, der Stoiber Edi.

Es handelte sich um jene seit Tagen durchs Internet geisternde Tonaufzeichnung einer Rede des bayerischen Ministerpräsidenten, in der er im typischen Stoiber-Stakkato und voll geradezu kindlicher Begeisterung die Vorzüge einer Transrapid-Strecke zwischen München-Hauptbahnhof und dem Flughafen "Franz Josef Strauß" im berüchtigten Erdinger Moos gepriesen hatte: "Äh, dann können Sie also direkt im Hauptbahnhof, also äh, direkt einchecken, und sind schon in zehn, äh zehn Minuten am Flughafen, nehmen Sie Paris Scharl de Gool, oder London oder Frankfurt, äh, da brauchen Sie ja schon zehn Minuten, um Ihr Gate zu finden, zehn Minuten. Sie steigen also praktisch schon im Hauptbahnhof, im Hauptbahnhof ins Flugzeug ein. In zehn Minuten!"

Abgesehen davon, dass es unmöglich ist, eine Stoiber-Rede ohne wörtliche, ja silbengenaue Mitschrift original- und wahrheitsgetreu wiederzugeben, erinnert die Stoibersche Rhetorik mehr und mehr an die von Karl Valentin, jenem wunderbaren Münchner Sprachkünstler und Komiker, der fast ein Philosoph war. Auch er konnte in schier endlosen, kaskadenhaften Wortwiederholungen genau das zum Ausdruck bringen, was er nicht zu formulieren wusste: "Dabei hatter den Buam gar net keennt!" wiederholt er, schon gut betrunken, in der grandiosen Film-Episode "Die Firmung" unzählige Male, um den Gästen im Lokal von dem Wunder zu berichten, dass der Verkäufer im Laden dem Bub einen Firmanzug gegeben hatte, der sofort passte - und das, obwohl er, der Verkäufer, den "Buam" ja gar nicht gekannt hat!! Ein Wunder. Ein Wahnsinn.

"Zehn Minuten", meine, äh, Damen und Herren, "zehn Minuten. In zehn Minuten können Sie, äh, gerade mal zwei Fünfminuten-Eier kochen!", so ging das bei Edi. Was für ein Wahnsinn.

Dass Stoibers Originalton der mit Abstand witzigste Augenblick und ziemlich einsame Höhepunkt der Show war, sollte uns alle nachdenklich machen. Nicht zuletzt Herrn Schmidt. Oder war das vielleicht wirklich nur ein Housewarming mit alten Glühbirnen und Brennholz? Immerhin war von Herrn Andrack fast nichts mehr zu hören außer Gekicher. Und das war ziemlich gut so.



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