Schmiergeldaffäre MDR gerät weiter unter Druck

Hat der MDR von den Schmiergeldgeschäften seines ehemaligen Sportchefs Wilfried Mohren mehr gewusst als bisher bekannt wurde? Aus der Magdeburger Staatskanzlei jedenfalls sind harsche Töne zu vernehmen: Der Sender habe "schwerwiegend und systematisch" gegen Gesetze verstoßen.


Leipzig - In der Affäre um Schleichwerbung und Korruption ist der MDR weiter unter Beschuss. Laut Medienberichten wurde der ehemalige Fernseh-Sportchef Wilfried Mohren im Jahr 2000 von der MDR-Tochter Drefa Produktion und Lizenz aufgefordert, ihr im Zusammenhang mit illegaler Schleichwerbung eine Rechnung über 5000 Mark (2556 Euro) zu stellen. Der MDR erklärte heute, sich zu Einzelheiten der Affäre während der laufenden Ermittlungen nicht äußern zu wollen. Der Vorsitzende des Rundfunkrates, Klaus Husemann, wehrte sich gegen Angriffe aus der Politik. Die Kontrollmechanismen hätten nicht versagt.

Die Rechnung von Mohren an die MDR-Tochter soll laut Bericht der Tageszeitung "Die Welt" in Zusammenhang mit der Einführung der Sportwette Oddset im Jahr 2000 gestanden haben. Damals strahlte der MDR sieben kurze Spots über die neue Wette aus. MDR-Intendant Udo Reiter hatte am Mittwoch eingeräumt, für diese Leistung sei nicht nur an Mohren, sondern auch an den MDR Geld geflossen. Mohren sitzt seit 14. Juli in Untersuchungshaft, einen ersten Haftprüfungsantrag hatten seine Anwälte am Dienstag überraschend zurückgezogen. Der nächste Termin ist für den 1. September anberaumt. Mohren wird unter anderem vorgeworfen, jahrelang öffentlich-rechtliche Sendezeit an Vereine und Unternehmen gegen Schmiergeld verkauft zu haben.

Husemann erklärte, kriminelle Machenschaften könne auch ein Rundfunkrat nicht verhindern. Das Gremium könne nicht Tausende Mitarbeiter des Senders auf ihre kriminelle Energie hin untersuchen. Die Aufklärung, die jetzt unbedingt und umfänglich einsetzen müsse, sei ebenfalls nicht vorrangig Aufgabe der Kontrollgremien. "Dies ist Sache der Staatsanwaltschaft und der Wirtschaftsprüfer", so der Rundfunkrats-Chef.

Die Vorsitzende des MDR-Verwaltungsrates, Dagmar Schipanski, kündigte an, auf einer Sondersitzung am 2. September würden sie und Husemann gemeinsam mit den Staatskanzleichefs der mitteldeutschen Länder über eine bessere Korruptionsprävention beraten. Ihrer Ansicht nach hätten bisher die Gremien wie auch die Staatskanzleien als Rechtsaufsicht des MDR ihre Arbeit gut gemacht. Jetzt müsse man zunächst die internen Überprüfungen der Vorgänge innerhalb des MDR abwarten, bevor man weitere Schritte beschließen könne.

Der Chef der Magdeburger Staatskanzlei, Rainer Robra (CDU), hatte zuvor in einem Brief an Schipanski und Husemann die Arbeit der beiden Gremien kritisiert. Die bisherigen Ermittlungen hätten gezeigt, dass beim MDR "schwerwiegend und systematisch" gegen Gesetze verstoßen worden sei. "Sowohl die Korruptionsvorwürfe als auch die offenbar über Jahre aufgetretene Schleichwerbung sprechen für Kontrolldefizite, denen sich zunächst die Gremien stellen müssen", schrieb Robra.

Matthias Hasberg, ddp



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