"Schneewittchen" am Schauspiel Zürich Märchen auf schnoddrig

Schönheitswahn, Organspenden, Klimakrise, Rassismus - in Zürich stellt sich eine "Schneewittchen"-Inszenierung drängenden Themen. Nicolas Stemann hat das Kindermärchen zur Zeitgeist-Komödie aufgemotzt.

Giorgina Hämmerli als Schneewittchen: "Die wirklichen Märchen stehen im Grundbuch!"
Zoé Aubry

Giorgina Hämmerli als Schneewittchen: "Die wirklichen Märchen stehen im Grundbuch!"


Wenn es Luisa nicht gäbe, dann wäre es vielleicht gar nicht zu diesem Theaternachmittag gekommen. Die Achtjährige ist die Tochter von Nicolas Stemann und als solche nicht ganz uninteressiert an Papas Arbeit. Aber was der da immer inszeniert! Zehn Stunden "Faust" waren Luisa zu lang und dauernd diese endlosen Jelinek-Textflächen, die gingen ihr auch schon auf den Keks - könnte der nicht mal gerade vor Weihnachten was ganz anderes machen? Ein Märchen zum Beispiel?

Einer der renommiertesten Regisseure des deutschsprachigen Theaters ließ sich darauf ein, ein bisschen durfte die Tochter sogar inhaltlich und künstlerisch beraten - und so kam eben, was niemand erwartet hat: Stemanns erste Inszenierung am Zürcher Schauspielhaus, wo er sich seit dieser Spielzeit zusammen mit Benjamin von Blomberg die Intendanz teilt, ist "Schneewittchen". Die Erwartungen "zu unterlaufen", sagte der Theatermacher nach der Premiere, habe ihm am Herzen gelegen.

Aber Vorsicht: fairy-tale-correct geht es da keineswegs zu. Nun hat niemand damit gerechnet, dass Stemann ein heimeliges Rührstück mit zweifelhafter Moral und plumper Pädagogik in verstaubter Glitzerromantik hinzaubert. Grob gesehen bleibt er zwar der Geschichte um die Königstochter, die von der bösen Stiefmutter vergiftet, von den Zwergen gepflegt und vom Prinzen gerettet wird, treu. Drumherum aber hat sich Stemann in seinem ersten selbst geschriebenen Stück eher auf den politischen Boulevard begeben, um mit dem oft erzählten Stoff komisch, anarchisch und familiengerecht zugleich den aktuellen gesellschaftlichen Schieflagen nachzuspüren.

Märchen for Future!

Wenn der langhaarige Märchenonkel, der kein verlogener Es-war-einmal-Beschwichtiger mehr sein will ("Ich erzähl euch einen Scheißdreck!"), gleich am Anfang daran gehindert werden soll, den Kindern "die Wahrheit über die Welt" zu erzählen, dann kapiert auch der Kleinste, dass hier böse Mächte am Werk sind, die ihr Volk kurz und dumm halten wollen. Tatsächlich tun sich die üblichen Verdächtigen aus dem Zauberwald, die hier alle irgendwie miteinander vernetzt sind (Rotkäppchen und der Wolf schauen vorbei), auch zunehmend schwer, ihre vernünftigen Vorstellungen von einer sauberen und humanen Umgebung gegen die Übermacht von Kapital und Arroganz durchzusetzen.

Während der Kontostand gierig nach noch mehr Nullen vor dem Komma durch die Lüfte schwebt und die geliftete neue Frau des Königs den lebendigen Spiegel mit der ewigen Frage nach der Schönsten im Land nervt ("Für dein Alter schaust du noch gut aus"), braut sich nämlich unter den Märchenfiguren etwas zusammen: Stemann macht sie zu kleinen Bürgern unserer Zeit, die sich um ihre Zukunft betrogen sehen und die Barrikaden der trägen Denkungsart stürmen wollen: Märchen for Future!

Schauspielerin Henni Jörissen: Bei der Premiere gab es Gejohle
Zoe¿ Aubry

Schauspielerin Henni Jörissen: Bei der Premiere gab es Gejohle

Dem Kapital misstrauen sie schwer, was in Sichtweite der Villen am Zürichsee natürlich nach Revolte aussieht, zumal alles auf die Gründung einer ökologisch astreinen und friedliebenden Wald-Kommune hinausläuft, die es sich im klitzekleinen Häuschen der Zwerge bequem macht. Bis der König hoch zu Ross als leibhaftiger Immobilien-Hengst daher reitet und das Naturschutzgebiet in ein gläsernes Geschäftsparadies verwandeln will: "Die wirklichen Märchen stehen im Grundbuch!"

Es geht gut aus, klar, auch wenn der Prinz, der Schneewittchen wachküsst, eher von tumbem Zuschnitt ist und sich die schwarz-scharf gewandete und spendenfreudige Stiefmama am Ende wie eine Mutter Teresa feiern lässt. Wie überhaupt der schnoddrig-schräge Ton, der die Mär zur Zeitgeist-Komödie aufmotzt, bisweilen in ein gutmenschelndes Friede-Freude-Eierkuchen-Gesäusel kippt. Die Welt sei schön, behauptet man im Mehrgenerationen-Mehrzweckschrank und reißt sich beim Zipfelmützchen und will nie mehr einsam sein.

To-do-Liste der schlimmsten Auswüchse

Apropos: wenn den Zwergen, die sich nicht entscheiden können, ob sie zu sechst oder doch zu siebt sind, vom Tellerchen gegessen und bei ihnen hinter den sieben Bergen im Bettchen geschlafen wird, dann fragen sich die Herren mit Rauschebart, Holzfällerhemd und in Levi's-Urtyp-Jeans: "Wer macht denn sowas?" Kurz erwägen Sprüngli und Zwingli und wie sie alle noch heißen und gleich enden, dass es "ein Fremder" sein könnte, verwerfen diese Angst jedoch wieder zugunsten von tiefsitzender Menschlichkeit. Aber angesprochen wurde das Thema wenigstens einmal kurz, wie auch die Organspende, die vegane Ernährung, die Vereinsamung in der Gesellschaft, der Schönheitswahn oder die Bürokratie in Text und Bild vorkommen als gelte es, eine To-do-Liste der schlimmsten Auswüchse abzuhaken.

Die sprudelnde, spiel- und verwandlungsfreudige siebenköpfige Zürcher Truppe aber parodiert und rappt und singt (mit ein paar sehr schönen Liedern von Stemann, live begleitet von Thomas Kürstner und Sebastian Vogel) über solch aufmüpfige Harmlosigkeiten hinweg und bevölkert im fliegenden Kostümwechsel (Marysol del Castillo) eine Mehrzweckbühne (Katrin Nottrodt), auf der man so leicht aus der Verzauberung in die Wirklichkeit plumpsen kann.

Ob die vom Zielpublikum ab acht Jahren immer verstanden wird, ob die Exkurse und Sprachspielereien immer kindgerecht und nachvollziehbar sind, sei einmal dahingestellt. Gejohlt und gelacht wurde bei der Premiere auf jeden Fall heftig. Und das, was man den Kleinen thematisch nicht zumuten wollte (Märchen sind ja voller Doppeldeutigkeiten), das gibt es dann im Dezember in einer Schneewittchen-Fassung abends für die Großen. Den adults-cut sozusagen.


"Schneewittchen Beauty Queen". Schauspielhaus Zürich, weitere Termine ab 13.11.

Mehr zum Thema


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.